
Ein „toxischer Mix aus sehr hohen Lohnnebenkosten und höchsten Bürokratiekosten“ belaste den Industriestandort Deutschland. So sieht es Stefan Ruppert, Personalvorstand beim Medizintechnik-Hersteller B.Braun aus Melsungen. Auf Vergleiche mit China oder Osteuropa verzichtet der Vize-Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Hessenchemie – schon in Italien oder Spanien seien die Produktionskosten viel niedriger als hierzulande. Deutschland sei diesbezüglich mittlerweile so teuer wie die Schweiz.
Ein Vergleich, der bei den „Wiesbadener Gesprächen zur Zukunft der Industrie“ am Dienstag den Moderator, F.A.Z.-Redakteur Manfred Köhler, zu Nachfragen anregte: Jeder Reisende wisse doch, dass die Preise in der Schweiz die deutschen deutlich überträfen. Ruppert erwiderte, in der Tat seien die Löhne in den drei Schweizer Werken von B.Braun 29 Prozent höher als an den deutschen Standorten. „Aber die Lohnnebenkosten, die Arbeitszeit pro Jahr und die Bürokratiekosten nivellieren den Abstand zur Schweiz.“
In Deutschland sieht der Manteltarifvertrag für die Chemiebranche eine Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden vor, in der Schweiz arbeiten die Vollzeitbeschäftigten Ruppert zufolge 41,5 Stunden pro Woche. Hinzu kämen die geringere Anzahl an freien Tagen und deutlich weniger krankheitsbedingte Ausfälle: „In Melsungen ist die Luft am Montag und am Freitag ungesünder als in der Schweiz, sodass die Menschen häufiger erkranken“, sagte der Personalchef mit ironischem Unterton.
Die Deutschen machen mehr Urlaub
In der Schweiz kommen Vollzeitbeschäftigte laut dem Bundesamt für Statistik auf durchschnittlich 8,1 Krankheitstage im Jahr. Deutsche Arbeitnehmer waren 2025 an 14,6 Tagen krankgemeldet. Außerdem nahmen sie im Schnitt 31 Tage Urlaub, also sechs Wochen, in der Schweiz lag der Mittelwert bei fünf Ferienwochen. Bei den Lohnnebenkosten besteht ein wesentlicher Unterschied darin, dass Arbeitnehmer in der Schweiz die Beiträge zur Krankenversicherung allein tragen müssen.
Allerdings stößt der jüngste Versuch der Bundesregierung, in Deutschland den Anstieg der Krankenkassenbeiträge zu bremsen, auch in Teilen der Wirtschaft auf Widerstand. Die neue Deutschland-Sprecherin von Sanofi, Madeleine Roach, kritisierte in Wiesbaden das im Juli verabschiedete Gesetz zur Stabilisierung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Es verlangt Pharmaunternehmen wie Sanofi nämlich höhere Rabatte auf patentgeschützte Medikamente ab als bislang. Das Bundesgesundheitsministerium will damit die Krankenkassen bis 2030 um zwölf Milliarden Euro entlasten.
Aus Sicht der Pharmabranche steigt damit das Risiko, dass sich die Entwicklung neuer Medikamente nicht rechnet. „Es geht um die Grundsatzfrage, wo die Therapien von morgen entwickelt werden, wo investiert wird“, warnte Sanofi-Managerin Roach. Zwar hat ihr Arbeitgeber erst vergangene Woche bekräftigt, im Industriepark Höchst eine neue Insulin-Produktionsstätte für rund zwei Milliarden Euro bauen zu wollen. Die Entscheidung dafür sei allerdings schon vor zwei Jahren getroffen worden, hob Roach hervor – „im jetzigen Kontext wäre sie vielleicht anders ausgefallen“.
Rund 28.000 Industriearbeitsplätze sind verschwunden
Ähnlich äußerte sich B.Braun-Manager Ruppert mit Blick auf eine Fertigungsanlage, die im Herbst 2025 in Melsungen neu eröffnet wurde. Diese Investition von rund 150 Millionen Euro am Stammsitz sei ohnehin nur deshalb möglich gewesen, weil die Belegschaft sich auf Mehrarbeit eingelassen habe.
Die Pharmabranche hat in den vergangenen zehn Jahren noch Tausende von Arbeitsplätzen in Hessen geschaffen. Dennoch gingen in der hessischen Industrie insgesamt seit 2016 rund 28.000 Arbeitsplätze verloren, wie Hanno Kempermann von IW Consult bilanzierte – das Beratungsunternehmen gehört zum arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Allein in der Autobranche sollten bis 2030 gut 7000 weitere Stellen gestrichen werden, sagte Kempermann. Diese Zahl ergebe sich aus Ankündigungen der in Hessen aktiven Autobauer und Zulieferer. An solchen Betrieben und der Kaufkraft ihrer Mitarbeiter hänge oft auch die Existenz von Dienstleistern in der Umgebung, fügte der Wissenschaftler hinzu – gerade in ländlichen Regionen.
Die Verbundenheit mit der Region stelle für sein Unternehmen durchaus einen Wert an sich dar, sagte dazu der Geschäftsführer der Aqseptence Group aus Aarbergen, Baldassare La Gaetana. Dennoch spreche „zu selten etwas dafür“, in Deutschland zu investieren, zuletzt sei in die ausländischen Standorte von Aqseptence deutlich mehr Geld geflossen.
Ähnlich äußerte sich die Vorstandsvorsitzende des Verbindungsteile-Herstellers Norma, Birgit Seeger. Außer den Arbeits- und Energiekosten verhindere auch die Bürokratie häufig, Aufträge am Stammsitz in Maintal zu erledigen. „Es dauert Wochen, in Maintal Wochenendarbeit genehmigt zu bekommen.“ In Osteuropa sei das kein Problem und in China auch nicht.
Vorsichtig optimistisch zeigte sich Heidi Grön von Evonik. Sie habe den Eindruck, dass seit der Sperrung der Straße von Hormus klar sei, dass die Produktion chemischer Grundstoffe in Europa möglich bleiben müsse. „Ich sehe uns an einem positiven Wendepunkt.“
La Gaetana wiederum wertete als gutes Zeichen, dass die vor einem Jahr in einem Papier der Verbände Hessenchemie und Hessenmetall formulierte Idee eines Innovationszentrums für Verteidigungstechnologie in Kassel von der Landesregierung aufgegriffen worden sei. Vor wenigen Wochen stellten Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) dort gemeinsam mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall Pläne für einen „Defence Hub Nordhessen“ vor. Mansoori sagte in Wiesbaden, auch er als ehemaliger Wehrdienstverweigerer habe sich dafür eingesetzt – weil die Milliardenausgaben für die Aufrüstung der Bundeswehr „kein Konjunkturprogramm für andere Volkswirtschaften“ sein sollten.
