Mein Lieber, azizam, langsam wird es Herbst in Teheran. Die Gerüche verändern sich, und in der Atmosphäre der Stadt liegt ein seltsames Gefühl. Eine Art Sehnsucht nach Augenblicken, an die ich mich nicht einmal erinnern kann. Der Psychiater hat mir ein neues Medikament vorgeschlagen. Ich habe die ganze Stadt danach abgesucht. Medikamente sind überhaupt knapp. Der Taxifahrer sagte: „In diesem Krieg haben sie zuerst die großen Köpfe getroffen, und jetzt sind wieder wir, das Volk, an der Reihe. Jetzt ist es ein Krieg zwischen den Öltankern. Was haben wir denn, wenn wir kein Öl verkaufen?“
Schließlich fand ich das Medikament im Norden der Stadt, zu einem sehr hohen Preis. Um dem Verkehr und der Warterei zu entkommen, nahm ich ein Motorradtaxi. Hier kann man statt eines Fahrdienstautos auch ein Motorrad bestellen. Ich fahre in Teheran oft mit dem Motorrad. Auf die gefährlichste Art überhaupt: Ohne Helm sitze ich hinter dem Fahrer, wir schießen mit hoher Geschwindigkeit zwischen den Autos hindurch, und ich komme schneller ans Ziel. Früher, als ich noch ein Kopftuch tragen musste, war das umständlich, aber jetzt binde ich meine Haare hinten zusammen, damit sie dem Fahrer nicht ins Gesicht fliegen.

Manchmal habe ich das Gefühl, die Straßen seien ein Freizeitpark voller rasanter Fahrgeschäfte. Pures Adrenalin. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal mein Leben wirklich aufs Spiel setze und die Gefahr nicht wie in einem Freizeitpark nur simuliert ist. Frauen können noch immer offiziell keinen Motorradführerschein bekommen, aber manche ignorieren das einfach, steigen aufs Motorrad und fahren auf die Straße. Autofahren in Teheran ist ohnehin voller Chaos und wie ein Schlachtfeld, wenn auch mit weniger Opfern, als erwartet, denn die Fahrer sind jederzeit darauf gefasst, überrascht zu werden.
Aus dem Fenster springen oder etwas verändern
Seit ich das Leben in einem anderen Land erlebt habe, habe ich das Gefühl, in Teheran ein anderer Mensch zu sein. Ich bin unerschrockener geworden und sehe mich irgendwie in der letzten Szene eines Lebens. Nicht, dass hier im Augenblick Krieg im Sinne von Bomben und Angriffen herrschen würde; der Krieg scheint vom Himmel in die Menschen eingedrungen zu sein und fordert sie nun lautlos in ihrem Alltag zum Kampf heraus. Wann beginnt ein Mensch zu kämpfen? Meistens dann, wenn ihm keine andere Wahl bleibt.
Der Psychiater fragte mich, wie es dazu gekommen sei, dass ich als Freiwillige auf eine Farm in die Türkei gegangen bin. Es war vor ungefähr zwei Jahren. Das Lied „Big in Japan“, von Ane Brun gesungen, kam mir in den Kopf: „Things are easy when you’re Big in Japan … Shall I stay here at the zoo or shall I go and change my point of view?“ Ich sagte: „Weil ich am Ende angekommen war.“ Er fragte: „Am Ende wovon?“ Eines Tages stand ich am Fenster und hatte das Gefühl, ganz kurz davor zu sein, mich hinauszustürzen. Dann sah ich, dass mir nur zwei Möglichkeiten blieben: aus dem Fenster zu springen oder etwas zu verändern. Du hattest mir die Idee mit der Freiwilligenarbeit in den Kopf gesetzt, und ich trat mit geschlossenen Augen in eine unbekannte Welt. Eine Welt, in der es nur mich gab, ohne Sprache und fremd.
Das Leben in seiner einfachsten Form, an der Oberfläche
Teheran: Stadt der Freiheit und der Gefahr, endlos und widersprüchlich, die einzige Stadt, die ich einmal wollte und die ich bekommen habe. Universität, Arbeit, Liebe, meine Katze Mi und ein Studio voller Fenster im sechsten Stock, das unser Zuhause ist. Noch immer betrachte ich Teheran als meine Stadt, und meine kleine Wohnung hier ist das sicherste Zuhause, das ich je hatte. Ein Ort, an dem ich mehr oder weniger meine Unabhängigkeit und meine eigene Kraft gefunden habe. Nur kann ich in letzter Zeit darin nicht mehr frei atmen. Das neue Medikament hat mich ruhiger und zugleich energiegeladener gemacht. Jetzt kann ich einige Minuten ruhig sitzen, ohne mit dem Bein zu wippen oder an irgendetwas herumzufingern. Vielleicht bin ich jetzt ein bisschen weniger wie ich selbst.
Vor ein paar Tagen fragte ich D., die bulgarische Freiwillige von der Farm, die inzwischen meine Freundin geworden ist, ob sie mich für einen geheimnisvollen Menschen gehalten habe. Sie antwortete mit Ja. Wir stehen auch durch Briefe miteinander in Verbindung. Sie schrieb mir, sie habe immer das Gefühl gehabt, mich nicht kennenlernen zu können, weil ich mich meistens nicht öffnete. Deshalb liebe sie mich zwar, vertraue mir aber nicht vollkommen – nicht genug, um sicher zu sein, dass meine Hände sie von hinten auffangen würden, wenn sie sich plötzlich einfach fallen ließe.
Ich schrieb ihr, dass sie nicht die Einzige sei, die mir das sage. Denn grundsätzlich fällt es mir schwer, über meine Gefühle zu sprechen, während ich sie gerade empfinde. Alleinsein und Zeit sorgen von selbst dafür, dass es mir besser geht. Aber das bedeutet nicht, dass ich andere Menschen nicht brauche. Ich glaube, Tiefe trennt. Ich weiß nicht, warum, aber was ich mehr als alles andere brauche, ist, das Leben in seiner einfachsten Form und an der Oberfläche zu leben.
Die Oberfläche ist dort, wo D. und ich gemeinsam Sardinen putzten, Wein tranken und die Hunde fütterten. Die Oberfläche ist dort, wo wir die Kerzen anzündeten, die Lichter ausschalteten und D. und ihr amerikanischer Freund S. für uns ein privates Konzert mit Rahmentrommel und Trompete gaben. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass meine Hände sich immer ganz von selbst ausstrecken werden, um sie aufzufangen.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.
