Es muss für jeden Bodenkundler, der ein populärwissenschaftliches Buch schreibt, eine große Versuchung sein, den Lesern gleich auf den ersten Seiten entgegenzurufen, wie wichtig die dunkle, fruchtbare Schicht unter unseren Füßen ist. Frank Ashwood lässt sich damit bis zur Seite 115 seines Buches Zeit.
„Diese weltweit auf dem Festland aufliegende dünne Schicht versorgt uns mit 95 Prozent unserer Lebensmittel, und trotzdem behandeln wir sie wie Dreck“, schreibt der Ökologe und Fotograf dort mahnend. Er zitiert dann auch Diagnosen der Vereinten Nationen, denen zufolge bereits 40 Prozent aller Böden durch menschliche Eingriffe geschädigt sind und dies bis zur Mitte des Jahrhunderts auf fast alle Böden weltweit zutreffen wird, wenn sich unser Umgang mit ihnen nicht ändert.
Begeistern statt mahnen
Statt aber bloß zu mahnen, setzt Ashwood darauf, die Neugierde zu wecken für eine Sphäre, die uns so nahe ist und doch so fern und die wissenschaftlich weniger bekannt ist als die Oberfläche des Mondes. Der Superlativ, dass sich auf einem einzigen Teelöffel gesunden Bodens bis zu sechs Milliarden Mikroorganismen tummeln und die Pilzfäden zusammen einen Kilometer lang sind, klingt für die meisten Menschen abstrakt – das ändert sich aber schnell, lässt man sich auf das Buch ein und vom Autor in die Tiefe des Erdreichs ziehen.

„Ich schiebe ein Häufchen feuchtes Laub zur Seite, und schon bricht der Boden explosionsartig in Aktivität aus, als sich Aberhunderte Landflohkrebse in alle Richtungen stürzen, um irgendwo Schutz zu suchen“, berichtet Ashwood aus einem Waldstück auf der neuseeländischen Südinsel in der Art eines Reporters. Wenig später bahnt sich am selben Fleck ein Tausendfüßer „gleich einem winzigen Güterzug“ seinen Weg durch die verrottenden Blätter. An einem seiner Beine hängt wiederum ein „plattenförmiges Geschöpf, das weniger als einen halben Millimeter Durchmesser misst“. Es handelt sich um die Jugendform einer Milbe, die fastend per Anhalter unterwegs ist, bis sie sich nach Wochen oder Monaten in einem neuen Lebensraum fallen lässt, um ihr Erwachsenenleben zu beginnen.
Seite um Seite bietet der Autor solche Szenen aus dem Boden. Von Neuseeland aus geht es in den Alice Holt Forest im Südosten Englands, wo der Regenwurm, der Star dieses Buchs, seinen ersten Auftritt hat, gefolgt von einer orange-roten Spinne, die darauf spezialisiert ist, den dicken Panzer von Asseln, die Ashwood als „Minigürteltiere“ einführt, zu knacken. Überhaupt wimmelt es unter unseren Füßen offenbar nur so von kleinen Raubtieren. Kaum eine Form des Tötens wird ausgelassen – bis hin zu einem Pilz, der Fadenwürmer mithilfe von Lassos fängt und dann vertilgt, und auch keine Form der Verteidigung, wie etwa bei jeder Hornmilbe, die alle Extremitäten, Härchen und zuletzt ihren eigenen Kopf als harten Deckel einklappen kann, um sich zu schützen.
Das Miteinander und Gegeneinander von Bakterien, Pilzen, Insekten
Irgendwann in Richtung fünfzigster Seite kann es einem passieren, dass man das Buch etwas erschöpft zur Seite legt: Wie viele Steine, Blätter, Holzstücke wird der Autor noch umdrehen, um im Tageslicht ihre Bewohner als hochkomplexes Wuselbild zu feiern?
Doch geschickt hat Ashwood eingewebt, warum er so ins Detail geht: Der langsame Zerfall der Pflanzen und Tiere, das Miteinander und Gegeneinander von Bakterien, Pilzen, Insekten, Würmern, die chemischen Interaktionen des Humus mit den darunterliegenden Gesteinsschichten – das alles ist die Voraussetzung dafür, dass der Leser überhaupt am Leben ist. Wälder, Weiden, Äcker – sie leben nur, weil der Boden lebt. Die letzte Mahlzeit, die eigene Kleidung, die Sofadecke, ja das Papier des Buchs oder einer Zeitung gibt es nur, weil Böden fruchtbar waren.
Seite um Seite erscheint es einem absurder, dass der Boden in der öffentlichen Aufmerksamkeit eine so geringe Rolle spielt. Warum kennt man die Namen von Ortschaften und Menschen in fernen Ländern, aber nicht die von Lebewesen, ohne die es keine Nahrung gäbe? In den modernen Industriegesellschaften scheint rund um die Welt die ökologische Intuition abhandengekommen zu sein. Geduldig, sprachlich kreativ und ohne erhobenen Zeigefinger hilft Ashwood dabei, das fehlende Gespür auszubilden. Dabei kommt auch seine eigene Forschung ins Spiel, etwa wenn er beschreibt, wie er die Zahl der Bodenlebewesen in der Nähe einer urbanen Müllkippe mit der eines Waldes verglichen hat.
Graslandschaften bergen die für uns wichtigsten Böden
In der zweiten Hälfte des Buches schaltet der Autor dann von Zoom auf Weitwinkel um. Die Katastrophe im Dust Bowl in den Dreißigerjahren nutzt er als Einstieg dafür, die Bedeutung intakter Ökosysteme zu erklären. Damals hatten Siedler die Graslandschaft der nordamerikanischen Prärie umgegraben und in Äcker verwandelt. Zudem hatten sie anstelle der fast ausgerotteten Bisons zu viele eingeführte Weidetiere grasen lassen. Das Ergebnis war am „Schwarzen Sonntag“ eine 1600 Kilometer lange Staubwolke aus aufgewirbeltem, ausgetrocknetem Boden.
Graslandschaften, so Ashwood, bergen die für uns Menschen wichtigsten Böden. Sie mögen mit spärlich wirkender Vegetation unscheinbar wirken, doch unter ihnen liegt vielerorts Schwarzerde, die sich über lange Zeiträume aus verrottenden Wurzeln und Pflanzen gebildet hat. 100 Tonnen pro Hektar brächten Graswurzeln, Regen- und Fadenwürmer sowie Pilze zusammen auf die Waage.
Dieser unsichtbare Reichtum wird den Graslandschaften aber auch zur Gefahr, denn die fruchtbaren Schwarzerden laden bis heute zu Übernutzung als Ackerland und zur Überweidung ein. Vom Dust Bowl führt eine direkte Linie zu ökologischen Krisen von heute, denn ein wirkliches Umdenken in der Landwirtschaft hat noch nicht eingesetzt: „Dem Grasland läuft langsam die Zeit ab“, warnt Ashwood. Mit den Böden sei nicht nur die menschliche Ernährung bedroht, sondern auch ihre Rolle als Wasser- und Kohlenstoffspeicher.
Der persönliche Stil, der das Buch prägt, funktioniert nicht bei jedem Wissenschaftsautor. Mancher nimmt sich selbst zu wichtig. Das ist bei Ashwood nicht der Fall. Wenn er gegen Ende schildert, wie er auf Bauernhöfen den Landwirten Bodenlebewesen unter dem Mikroskop zeigt, wirkt das nicht besserwisserisch oder didaktisch. Der Autor hat das Talent, mit seiner seit der Kindheit gehegten Begeisterung für den Boden anzustecken.
Frank Ashwood: „Die Welt unter unseren Füßen“. Das geheime Leben des Bodens und seine Bedeutung für uns alle. Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff. Piper Verlag, München 2026. 336 S., Abb., geb., 26,– €.
