Da ist er wieder: Gianni, der Reformer. So jedenfalls klingen Teile des Briefes, den Gianni Infantino Anfang dieser Woche an die 211 Mitglieder des Internationalen Fußballverbandes verschickt hat. Er, der FIFA-Präsident, zeigt sich bereit zu Gesprächen: darüber, „wie die Entscheidungsprozesse der FIFA weiter verbessert werden können“. Er gibt sich offen dafür, die Governance-Strukturen in der FIFA „für große strategische Projekte“ unabhängig untersuchen zu lassen (die Idee, Anteile an der Fußball-WM in Windeseile an Investoren aus Donald Trumps Umfeld zu verkaufen, ist wohl groß und strategisch genug).
Sogar über die Rolle des Präsidenten in solchen Prozessen möchte er reden; so steht es in dem Schreiben, aus dem internationale Medien nun zitieren. Vor allem aber will Gianni Infantino FIFA-Präsident bleiben. Das geht nicht nur aus diesem Schreiben hervor – es ist der offensichtliche Grund dafür, dass dieses Schreiben existiert.

Trotzdem gibt sich Infantino gesprächsbereit, jetzt, da sich vor ihm eine Welle an Beschwerden, Misstrauensbekundungen und drohenden Klagen aufgetürmt hat. Die Welle wird schließlich nicht kleiner, alle paar Tage gibt aus Europa jemand etwas Druck hinzu. Zuletzt die Präsidentin des belgischen Fußballverbandes, die darauf drängte, dass im FIFA-Rat die Umstände der zurückgenommenen Sperre gegen den US-Stürmer Folarin Balogun aufgeklärt werden. Das Wasser schwappt in Infantinos Wohnzimmer.
Das Signal zur Gesprächsbereitschaft ist nun sein Versuch, den Druck in geregelte, in seine Bahnen zu lenken. Dorthin, wo die Welle brechen und das Wasser durch die Kanäle der FIFA-Institutionen fließen kann. Infantino inszeniert sich als Moderator, als einer, der allen die Hand reicht und selbst Verbesserungen initiiert. Und wenn er lange genug allen die Hände reicht, ist irgendwann doch alles versickert.
Das ist, wie auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gleich bemerkt hat, ausgesprochen durchschaubar. „Ein Manöver, um seine Wiederwahl im kommenden Jahr zu sichern“, so hat Bernd Neuendorf Infantinos Brief genannt. Nur heißt das nicht, dass es keine Aussicht auf Erfolg hätte. Es gibt eine Menge Mitgliedsverbände in der FIFA, die lieber beschwichtigt und bezahlt werden, als den Weltverband wirksam zu reformieren. Infantino tut beides, und seine Gegner wissen das. Weshalb sie längst begonnen haben, selbst das alte FIFA-Spiel zu spielen.
In der vergangenen Woche haben die UEFA und CONCACAF, der Verband für Nord-, Mittelamerika und die Karibik, eine Forderung aufgestellt: Die FIFA möge einen Teil ihre Reserven unter den Mitgliedsverbänden verteilen – mindestens zehn Millionen Euro pro Verband könne sie aus dem Stand bezahlen. Es stimmt, dass die FIFA keine fünf Milliarden Euro Reserven braucht, dass dieses Geld der weiten Fußballwelt zusteht. Aber es zeigte zugleich, dass auch Infantinos Gegner bereitwillig die Tasten drücken, die man in der FIFA-Welt seit jeher drückt, um Unterstützung zu gewinnen.
Und so kann man aus den zwei unterschiedlichen Briefen, die in den vergangenen Tagen aus zwei unterschiedlichen Lagern verschickt worden sind, eine Erkenntnis generieren: dass in diesem Machtkampf zunehmend nach FIFA-üblichen Regeln gespielt wird.
