
Alstom-Chef Sion hat eine klare Botschaft zu verkünden. Die Eisenbahn sei kein Metallrelikt aus dem 19. Jahrhundert. Vielmehr erlebe sie mit der Digitalisierung gerade ihre vierte Revolution. Und dies führe dazu, dass „der Zug in ein goldenes Zeitalter eintreten wird“.
Goldenes Zeitalter? Sieht es derzeit gerade in Deutschland nicht eher nach einem bleiernen Zeitalter auf der Schiene aus? Danach, dass Bahnverkehrskunden noch sehr lange auf eine strahlend glänzende Ära warten müssen – falls sie denn überhaupt irgendwann noch einmal kommt?
Wer derzeit die Innotrans besucht, die größte Bahntechnikmesse der Welt in Berlin, bekommt die glänzende Seite der Branche demonstriert. Und es sind nicht nur Potemkische Züge, die dort zu bewundern sind. Highspeedzüge mit Tempo 300, Künstliche Intelligenz und Robotik allüberall im Einsatz, ein neues Aufleben des Nachtzugs: Hier will sich eine Industrie nicht totreden lassen. Die Bahnindustrie erwartet Wachstumsraten von mehr als drei Prozent im globalen Maßstab. Das kann sich durchaus sehen lassen.
Dass die Zukunft tatsächlich so golden wird wie von Alstom prognostiziert, einem der größten Zughersteller der Welt, dafür ist noch eine Menge zu tun. Natürlich haben viele Regionen weltweit erheblichen Nachholbedarf in Sachen Schienenverkehr. Dort wird fleißig geordert, und auch in den entwickelten Gegenden rund um den Globus werden Zugflotten ausgetauscht. Das ist die positive Seite.
Doch die Bahnindustrie hat erheblichen Nachholbedarf – das weiß sie selbst am besten. Eine anlässlich der Messe veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass die Branche mit ihren langen Produktyklen und mit der hohen Regulierungsdichte, die schnelle Innovationen hemmt, in Sachen Künstliche Intelligenz schwer hinterherhinkt. In den kommenden drei bis fünf Jahren werde sich entscheiden, wohin die Reise geht – und wer als Hersteller voranfahre oder letztlich auf der Strecke bleibe. Denn letztlich wird die Fundamenttechnologie KI die Traditionsbranche genauso durchwirbeln wie jede andere Branche auch.
Auf der Innotrans ist erst einmal Zuversicht Pflicht. Glänzende Züge gehören in Berlin zum guten Ton. Doch jeder weiß: Die schönsten Züge können im täglichen Verkehr ganz schnell ganz schmutzig aussehen.
