Der Chef des Alibaba-Konzerns setzt mit einer sehr technologisch-optimistischen Rede einen bemerkenswerten Kontrapunkt zu den KI-Warnungen aus dem amerikanischen Silicon Valley. Eddie Wu, Konzernchef der Alibaba-Gruppe, verlor in der Rede kein Wort über einen möglichen Kontrollverlust oder das Ende der Menschheit. Stattdessen zeichnete er die KI-Zukunft der Menschheit in den schönsten Farben und kündigte neue, noch viel bessere KI-Modelle an.
„Je leistungsfähiger KI wird, desto stärker wird die Menschheit sein“, sagte Wu und bekräftigte damit eine Äußerung vom vergangenen Jahr. Der technologische Weg hin zu einer künstlichen Superintelligenz sei in diesem Jahr zunehmend deutlich geworden.
Wu hielt die Rede kurz bevor Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping am Mittwoch zu einem Gipfel mit US-Präsident Donald Trump nach Washington reist. Vertreter beider Länder trafen sich im Vorfeld in New York und tauschten sich dort auch über KI-Fragen aus. Die USA schlugen eine Art heißen Draht zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt vor, die zudem in der KI-Entwicklung führend sind.
„Die wichtigste Kraft des Denkens“
Der Alibaba-Chef Wu erwähnte mit keinem Wort, dass er die Entwicklung der KI bremsen wolle, wie es amerikanische KI-Chefs kürzlich forderten, sondern regte eine Beschleunigung an. Die Begriffe „Risiko“, „Gefahr“ oder „Kontrolle“ kamen in dem auf der Internetseite von Alibaba veröffentlichten Redetext nicht vor.
„Maschinen entwickeln sich zur wichtigsten Kraft des Denkens“, sagte Wu. Hochklassiges Denken werde „von einem seltenen Luxus zu einer in großem Maßstab verfügbaren Ressource“. Heute mache das maschinelle Denken weniger als drei Prozent des gesamten menschlichen Denkens aus. So wie Maschinen dank der industriellen Revolution heute 99,9 Prozent der körperlichen Arbeit der Welt antrieben, werde die Maschine fast die gesamte Denkleistung übernehmen und diese vervielfachen.
Wie die Künstliche Intelligenz die Welt verändere, könne man sich heute noch gar nicht vorstellen, sagte Wu. Ein Bauer hätte sich vor drei Jahrhunderten schließlich auch nicht ausmalen können, dass Menschen bezahlten, um sich in einem Fitnessstudio körperlich anzustrengen. Die wirklich „bahnbrechenden Produkte“ des KI-Zeitalters seien noch nicht erfunden. Nach der Entdeckung der Elektrizität habe es Jahrzehnte gebraucht, bis Klimaanlagen, Waschmaschinen oder Computer die Welt bevölkerten. Wu träumte derweil: Irgendwann müsse der Mensch nur noch sagen, dass er ein Raumschiff zum Mars brauche. Dann machten sich KI-Agenten an die Arbeit, bis das Raumschiff fertig sei.

„Maschinen schaffen Raum für menschliche Neugier“
Technologie habe das Leben der Menschheit immer weiter verbessert, sagte Wu. Die industrielle Revolution habe die Menschen von der körperlichen Arbeit befreit, der Mensch habe daraufhin den modernen Sport erfunden. Der Buchdruck habe zu einer Explosion der Literatur geführt. Die Fotografie habe die Malerei nicht zerstört, sondern davon befreit, die Realität möglichst genau abzubilden und die abstrakte Kunst hervorgebracht. „Wenn die Maschinen mehr von dem übernehmen, was getan werden muss, werden die Menschen Zeit haben, sich dem zu widmen, was sie wirklich tun wollen“, sagte Wu. Die Intelligenz der Maschinen werde einen beispiellosen Raum für Neugier und Kreativität der Menschen eröffnen.
Wu hielt die Rede auf einer Konferenz des Cloud-Ablegers des Konzerns. Er untermauerte seinen KI-Optimismus mit einigen Ankündigungen, darunter ein neuer KI-Chip, der der leistungsfähigste in China sei und die Entwicklung von Spitzen-KI ermögliche. Das Team hinter Alibabas KI-Modell Qwen mache derweil bedeutende Fortschritte in der Entwicklung sich selbst verbessernder Modelle. Es plane ein Modell mit einer Größenordnung von fünf bis zehn Billionen Parametern, „um die Entwicklung hin zur künstlichen Superintelligenz voranzutreiben“. Nach Angaben des Konzerns betrifft das die Modelle Qwen 4.5 und Qwen 5. Das nächste Modell der Reihe wird zunächst Qwen 4. An einem Modell mit 10 Billionen Parametern arbeitet laut Berichten auch der chinesische Bytedance-Konzern.
Aktie deutlich im Plus
Die Zahl der Parameter ist ein grober Richtwert für die Leistungsfähigkeit eines Modells. Das bisher größte offene Modell ist Kimi K3, hat 2,8 Billionen Parameter und stammt von dem chinesischen Unternehmen Moonshot AI. Qwen 3.8, das leistungsfähigste Modell von Alibaba, hat 2,4 Billionen Parameter.
Die beiden Modelle gelten als die besten chinesischen KI-Modelle und liegen knapp hinter den führenden Modellen der US-Entwickler OpenAI und Anthropic, deren Parameterzahl nicht veröffentlicht wird. Schätzungen gehen von rund acht Billionen für das aktuelle Mythos-Modell von Anthropic aus.
Neben Alibaba machte am Dienstag auch der Konkurrent Tencent von sich reden. Dieser veröffentlichte eine neue Version seines Modells zur Generierung von Bildern. Tencent ist der Konzern hinter der chinesischen App Wechat und gilt als größter Videospielkonzern der Welt. Gegenüber Konkurrenten wie Bytedance, dem Konzern hinter Tiktok, liegt Tencent in der KI-Entwicklung zurzeit aber zurück. Speziell in der Erstellung von Videos sind die KI-Angebot von Bytedance deutlich populärer.
Die Aktienkurse von Alibaba und Tencent in Hongkong reagierten am Dienstag positiv. Alibaba legte in der Spitze um fünf Prozent zu und ging mit einem Plus von zwei Prozent aus dem Handel. Tencent gewann zeitweise sogar sieben Prozent und lag zu Handelsschluss fünf Prozent im Plus.
