Nach einer anspruchsvollen Vorrunde mit vier Siegen aus fünf Partien binnen sechs Tagen bei der Volleyball-Europameisterschaft kam der Ruhetag am Spielort Cluj Napoca in Rumänien für Erik Röhrs ganz recht. „Mal eine halbe Stunde am Pool in der Sonne liegen“, so lautete sein Plan für den Mittwochnachmittag, „den Kopf runterfahren.“
Wobei der Programmpunkt „Ausspannen“ für ihn auch nicht komplett zeitfüllend angesetzt war. Krafttraining gehörte ebenso zur Tagesordnung, was Röhrs als „ziemlich wichtig“ erachtet. Dazu eine kleine technische Einheit mit Balltouches und Annahmen. Routinen, die zum Volleyball-Handwerkszeug gehören und immer, immer wieder gefestigt werden müssen.
Die Rolle vor Georg Grozer neu interpretieren
Erik Röhrs spielt bei dieser EM eine tragende Rolle innerhalb des deutschen Volleyball-Nationalteams. Üblicherweise agiert der Fünfundzwanzigjährige als Außenangreifer. Durch den Ausfall von Altstar Georg Grozer ergab sich allerdings eine Lücke auf der Diagonalposition – die nun Röhrs als Universalkönner neu zu interpretieren versucht.
„Es ist nicht meine Stammposition“, sagt er über sein neues Betätigungsfeld, „aber auch nicht komplett ungewohnt.“ Der Diagonalspieler agiert üblicherweise als Hauptangreifer, der von jeglichen Annahme- und Abwehrarbeiten befreit ist.
Das deutsche Team tritt bei dieser EM etwas unkonventioneller an, da Röhrs zwischen den Rollen changiert. „Es kann auch von Vorteil sein, mit drei Annahmespielern anzutreten“, sagt er und hilft bisweilen hinten mit, wodurch „mehr Raum abgedeckt ist“.
Die Last verteilt auf viele Schultern
Auch im Angriff verteilt sich die Last „auf mehrere Schultern“ – weshalb das deutsche Team schwerer auszurechnen ist, als wenn jeder Ball über den einen Topmann gespielt wird, wie es zu Grozers Glanzzeiten zumeist der Fall war.
Die neue Variabilität lässt sich auch in der Statistik ablesen. Nach Abschluss der Vorrunde mit Siegen über die Türkei (3:1), Lettland (3:0), Gastgeber Rumänien (3:2) und die Schweiz (3:1) sowie einer 0:3-Niederlage zum Abschluss gegen Olympiasieger Frankreich führt Erik Röhrs die interne Scorerliste mit 66 Punkten an. Doch die anderen Außenspieler Tobias Brand (59), Moritz Reichert (38) und Theo Mohwinkel (26) haben ebenfalls nennenswert gepunktet.
„Und wir sind sehr stark über die Mitte“, betont Röhrs. Eine Variante, die andere Teams deutlich seltener wählen, was sich an der Erfolgsbilanz der Mittelblocker Anton Brehme (42) und Tobias Krick (33) gut ablesen lässt. „Es verteilt sich sehr gut“, sagt Röhrs, „das ist eine unserer Stärken.“
Als Funfact wertet er die Tatsache, dass die von ihm erzielten 66 Punkte mit seiner Rückennummer 66 korrelieren – und dass die Deutschen jüngst einen „Weltrekord“ aufstellten, als sie gegen Italien einen Satz mit 66:64 gewannen. Es will die Numerologie aber auch nicht überbewerten. „Normal spiele ich mit der sechs“, sagt Röhrs, „schon mein Vater trug immer die sechs.“ Doch in der Nationalmannschaft war die Glückszahl an Zuspieler Johannes Tille vergeben. Deshalb wählte er die Doppelsechs.
Eine gewisse Flexibilität auch in kleinen Dingen zeichnet Röhrs aus. Seine tragende Rolle im Nationalteam stützt sich auf eine kontinuierliche Entwicklung. Vom VC Potsdam-Waldstadt und den Berliner TSC, wo er in Kindheit und Jugend spielte, schaffte er über den VC Olympia den Sprung in die Bundesliga.
Der Bundesliga schon lange entwachsen
Nach einem Intermezzo bei den United Volleys Frankfurt erlebte er „eine gute Zeit“ bei den Powervolleys Düren und ein „tolles Jahr“ bei der SVG Lüneburg, das im Einzug ins Europapokal-Finale gipfelte. „Das Level der Bundesliga ist nicht schlecht“, meint Röhrs, „aber im Vergleich zum Niveau der Topligen in Italien oder Polen einfach schwächer.“
Sogar Lüneburgs Vereinstrainer Stefan Hübner, selbst einst hochdekorierter Volleyball-Nationalspieler, animierte ihn zum Wechsel ins Ausland. Röhrs heuerte bei Vero Volleys Monza in der starken italienischen Liga an. Nun wagt er kommende Saison den Sprung zum griechischen Rekordmeister Olympiakos Piräus.
„Es ist der nächste logische Schritt“, sagt der deutsche Aufsteiger über seinen Wechsel nach Griechenland und verweist darauf, dass es im Volleyball „ziemlich üblich“ sei, Einjahresverträge abzuschließen und sich dann neu zu orientieren. „Je besser man wird, desto höher möchte man die Erfolgsleiter hochklettern.“
Auch mit dem Nationalteam strebt Röhrs die nächste Stufe an. Nach dem Ruhetag fliegen die Deutschen an diesem Donnerstag gemeinsam mit den anderen Teams, die sich aus Gruppe D fürs Achtelfinale qualifiziert haben, nach Sofia. In der bulgarischen Hauptstadt stehen am Wochenende die ersten K.-o.-Duelle an. Egal gegen wen es gehen wird, für Röhrs gilt nur eine Devise: „Wir gehen voll auf Angriff.“
