Anfang Juli 1963 schrieb Roger Stevens, der Vorsitzende des in der Planung befindlichen National Cultural Centers in Washington, einen Dankesbrief an den italienischen Botschafter. Italien hatte angekündigt, den Vereinigten Staaten den Marmor für das Gebäude zu schenken, rund 3700 Tonnen. Stevens schrieb, Italien habe die Kultur der USA über Jahrhunderte mitgeprägt. Der Marmor werde nun „für alle Zeiten“ Teil des neuen Zentrums für die Kultur sein.
Sechs Jahrzehnte später zitierte Bundesrichter Christopher Cooper aus Stevens’ Brief, als er über eine Klage von Denkmalschutzorganisationen gegen die Renovierung des Kennedy Centers entscheiden sollte. Dem „for all time to come“ von Stevens stellte Cooper mehrere Äußerungen Donald Trumps gegenüber. Man werde „etwas von dem Marmor“ behalten, hatte Trump Anfang des Jahres gesagt; andere Teile würden beim Umbau herausgenommen. Es sei bereits „viel“ neuer Marmor gekauft worden.
Zentrum einer pluralen Weltordnung
Der italienische Marmor ist nicht nur wichtig für das Verfahren der Denkmalschützer. Er erzählt auch von der kulturellen Symbolik des Kennedy Centers. Das Geschenk war seinerzeit Teil einer Reihe internationaler Gaben: Österreich schickte Kronleuchter, Belgien Spiegel, Japan einen seidenen Opernvorhang. Die Bundesrepublik Deutschland übergab Jürgen Webers monumentale Bronzereliefs „Amerika“ und „War and Peace“. Mehr als zwanzig Staaten machten dem Kennedy Center ähnliche Geschenke.
Diese Internationalität drückte Vorstellungen über die Nation während des Kalten Krieges aus, die auch Kennedy formulierte. Bei einer Spendengala für das neue Kulturzentrum sagte er 1962, die bloße Anhäufung von Reichtum und Macht stehe Diktaturen ebenso offen wie Demokratien. Wenn die USA dagegen zu einer der „großen Schulen der Zivilisation“ werden könnten, liege darin ihr bleibender Beitrag zur Menschheit. Kunst kenne keine nationalen Grenzen, und zu ihrer Förderung verpflichte sich eine freie Gesellschaft.

Nach Kennedys Ermordung machte der Kongress das Center zum „living memorial“ für ihn; der Auftrag der Institution wurde ausdrücklich auf die darstellenden Künste der Vereinigten Staaten und anderer Länder bezogen. In der Hall of States hängen die Flaggen der amerikanischen Bundesstaaten, in der Hall of Nations jene der von den Vereinigten Staaten anerkannten Staaten. Amerika sollte im Zentrum stehen und führen, und zu diesem Selbstbild gehörte auch die Vorstellung, Anführerin einer freien, internationalen, „westlichen“ Kultur zu sein. Macht sollte sich als Attraktion zeigen, die westliche Welt sollte nach Washington kommen, um das neue Kulturzentrum mitzugestalten.
Mehr als Eitelkeit
Heute greift Trump auch dieses historische Erbe an. Das von seinen Getreuen dominierte neue Kuratorium versuchte nicht nur, seinen Namen auf der Fassade zu verewigen, und scheiterte damit mehrfach vor Gericht. Trump will auch die Renovierung bestimmen und droht damit, sie zu sabotieren, wenn ihm der Namenszug verweigert wird. Es liegt nahe, die Vorgänge der letzten Wochen vor allem als Ergebnis von Trumps Eitelkeit, Rachsucht und Kleinlichkeit zu begreifen. Aber am Kennedy Center wird auch eine Vorstellung von Institutionen sichtbar, die das Regierungshandeln prägt.

In rechtsnationalistischen Kreisen und in der MAGA-Bewegung herrscht schon lange die Ansicht, dass sich Institutionen, Kultureinrichtungen und Behörden nicht einfach reformieren ließen, weil sie noch heute in der Hand des politischen Gegners seien. Der rechte Berater Michael Anton wählte 2016 eines der einflussreichsten Bilder dafür. In „The Flight 93 Election“ verglich Anton die Präsidentschaftswahl mit dem am 11. September 2001 entführten Flugzeug und die amerikanische Rechte mit den Helden, die das Cockpit stürmten: „Charge the cockpit or you die“, stürmt das Cockpit oder ihr sterbt, machte Anton daraus.
Alte Konservative gingen noch von regelmäßigen Machtwechseln durch Wahlen aus, deswegen schützten sie die Institutionen grundsätzlich; Vordenker der neuen Rechten wie Anton erklärten das für unzureichend. Restauration muss in dem Sinne oft Zerstörung heißen, wenn der Gegner die Institutionen angeblich fest im Griff hat. Besonders ausgeprägt waren solche Ideen in Elon Musks DOGE-Projekt. Behörden umzubauen und einen ganzen Apparat von innen zu zerstören, ist allerdings wesentlich langwieriger und mit größerem Widerstand verbunden als die Übernahme und „Restauration“ eines kulturellen Prestigeobjekts.
Restauration durch Zerstörung
Trump selbst spricht in ähnlichen Begriffen über das Kennedy Center, kündigt etwa die Restauration zur wahren Großartigkeit des Hauses an. Seine Regierung habe begonnen, „den wahren Sinn und das Prestige“ der Institution wiederherzustellen, sagte er im März. Nicht nur das Gebäude gilt ihm als beschädigt, sondern dessen Zweck – unter anderem durch ein als „woke“ beschimpftes Programm. Wie konkret die Bemühungen zu einer ideologischen Neuausrichtung bereits wurden, zeigt auch eine Recherche der „New York Times“. Unter dem von Trump eingesetzten kommissarischen Verwaltungsdirektor Richard Grenell sei ein Plan zur Rückgabe von Kunstwerken an die schenkenden Staaten entstanden. „Überholte oder unangemessene Kunst“ sei durch Werke zu ersetzen, die „amerikanische Werte“ ausdrückten, hieß es.
Die Pläne erinnern an das, was Trump und seine Mitstreiter auch mit den Museen der Smithsonian Institution oder mit den Nationalparks versuchen. Geschichte und Selbstverständnis des Landes sollen neu erzählt werden: nationalistischer, weißer, männlicher und weniger an internationalen Bündnissen orientiert.
In den Sechziger- und Siebzigerjahren waren andere Nationen eingeladen, sich gestalterisch an einem amerikanischen Nationaldenkmal zu beteiligen. Nun wollte Grenell, der das Kennedy Center inzwischen wieder verließ, also genau unter diesen Beiträgen ausmisten. Was von dem Plan noch übrig ist, ist unklar, das Kennedy Center jedenfalls beteuerte gegenüber der „Times“, die Sammlung zu schützen. Trotzdem lohnt die Lektüre von Grenells Entfernungsliste, auf der laut der Zeitung auch die Werke von Jürgen Weber standen, das westdeutsche Geschenk also. Die Bedeutung erschließt sich aber erst beim Blick auf Webers monumentale Bronzereliefs, „Amerika“ und „War and Peace“.
Wollte Trump kritische Kunst loswerden?
Sie zeigen amerikanische Errungenschaften, die US-Auslandshilfe etwa, freie Rede und Technologie, die Freiheitsstatue als Symbol der innovativen Einwanderungsgesellschaft. Doch Bilder von Werbung und Konsum, Rauch, Kanonen und einer startenden Rakete kann man kritisch verstehen. Das Werk ist kein eindeutiges Loblied auf Amerika, sondern ein Werk voller Dynamik und Widersprüche. Die Bundesrepublik hatte den Vereinigten Staaten nicht einfach deutsche Kunst, sondern einen kritischen Blick geschenkt, der Teil eines amerikanischen Nationaldenkmals werden durfte – bislang.

Auch die African Lounge erzählt von der Beziehung der USA zur übrigen Welt. Rund dreißig afrikanische Staaten hatten zu diesem 1977 eröffneten Raum beigetragen. Dort befanden sich Textilien, Kunstwerke und eine geschnitzte Skulptur aus Ghana, die die Trauer über Kennedys Ermordung darstellen sollte. Die Lounge wurde seit Trumps Übernahme der „Times“ zufolge bereits geschlossen; fünfzehn Werke seien aus der Ausstellung entfernt worden. Das Center beteuere, sie seien nur eingelagert. Auch Joel Shapiros abstrakte Außenskulptur „Blue“ stand auf der Streichliste. Sie wurde Anfang September abgebaut. Gleichzeitig erschienen im „Reach“, dem neueren Anbau, goldfarbene Reliefs mit Darstellungen von Trump nach dem Attentatsversuch von 2024, Elon Musk und Robert F. Kennedy Jr.
Wie ernst ist die finanzielle Lage?
Um die Eingriffe und die geplante Renovierung zu rechtfertigen, bezeichnen Präsident wie Kuratorium das Kennedy Center als vollkommen heruntergekommenes Haus mit finanziellen Großproblemen. Sie beschreiben objektiv vorhandene Probleme nicht nur, sondern dramatisieren sie: Ohne Rettung durch von Trump einzuwerbende Spenden stehe das Haus vor dem sicheren Ruin, hieß es seitens der Leitung laut der „Washington Post“. Kritiker argumentieren, dass Trumps Übernahme selbst die Krise verschärft habe: Künstler sagten Auftritte ab, Publikum und Spender zogen sich teilweise zurück.
Die jüngste Steuererklärung des Kennedy Centers, die das Magazin „The Atlantic“ analysiert hat, bietet ein gemischtes Bild. Im letzten Jahr vor Trumps Übernahme nahm das Center rund 40 Millionen Dollar mehr ein, als es ausgab. Zuletzt fielen die Einnahmen einschließlich der Ticketverkäufe und Spenden deutlich. Diese Entwicklung kann Trumps Anhängern wiederum als Beleg dafür dienen, dass das Haus ohnehin von den falschen Gruppen dominiert sei.
In der vergangenen Woche verband sich der Konflikt erneut mit Trumps Namen. Nachdem Richter Cooper abermals entschieden hatte, dass das Board den Namen des Kennedy Centers nicht eigenmächtig ändern könne, erklärte Trump, die Schließung werde sofort erfolgen, die eigentliche „Renovation and Reconstruction“ aber nicht beginnen, solange das Berufungsgericht nicht über den Namen oder eine Plakette mit einer Würdigung für ihn entschieden habe. Kurz darauf wurde der Präsident in der Air Force One mit einem Ausdruck fotografiert, auf dem das Kennedy Center und die teilweise sichtbaren Worte „Kennedy Center DEMOLIS…“ zu erkennen waren. Cooper ordnete daraufhin an, dass größere bauliche Veränderungen mit mindestens dreißig Tagen Vorlauf angekündigt werden müssten.
Konkrete Abrisspläne sind bislang nicht belegt. Demonstranten bildeten Ende letzter Woche eine Menschenkette um das Gebäude. Mitglieder der Kennedy-Familie protestierten ebenfalls. Kerry Kennedy sprach von einer „Geiselnahme“. Kennedy-Center-Preisträgerin Barbra Streisand nannte den Streit um Trumps Namen Ausdruck von dessen „unchecked ego“. Aber am Kennedy Center ist nicht allein Trumps Narzissmus zu besichtigen. Auch hier geht es um das Projekt der amerikanischen Rechten, die Institutionen an sich zu bringen und eine andere Geschichte über Amerikas Vergangenheit wie Gegenwart zu erzählen: nationalistischer, erbaulicher oder düsterer, je nach Standpunkt, und weniger international.
