Lore, Lotte und Annemarie, die Enkelinnen des Hausherrn, posieren 1912, als niedliche Walküren verkleidet, zum 70. Geburtstag ihres Großvaters. Den Garten ziert „Hundings Hütte“, ebenfalls durch den „Ring“ inspiriert, ein Schwan aus Porzellan erinnert an „Lohengrin“.
Wenn Meinrad von Engelberg aus der Geschichte seines Elternhauses in Wiesbaden-Biebrich erzählt, historische Fotos zeigt und durch den Garten führt, wird so etwas wie ein gründerzeitlicher Richard-Wagner-Erlebnispark lebendig, einschließlich einer Kegelbahn auf einem heute bebauten Teil des weitläufigen Grundstücks. Sein Ururgroßvater, der Betonpionier und Fabrikant Rudolf Dyckerhoff (1842 bis 1917), kaufte die Villa 1889 und pflegte mit seiner Familie die Erinnerung an den berühmten Mieter: Richard Wagner komponierte hier 1862 an den „Meistersingern“.
Er suchte Ruhe, wie man der Autobiographie „Mein Leben“ entnimmt: „Da es mir immer daran gelegen war, einsam und namentlich von jeder Möglichkeit eines unmusikalischen Geräuschs fern zu wohnen, entschloß ich mich, in einem von dem Architekten Frickhöfer neu gebauten, dicht am Rheine gelegenen größeren Sommerhause eine sehr kleine, mir aber ganz entsprechende Wohnung zu mieten.“
Der Balkon und das „Meistersinger“-Vorspiel
Auf der Tafel, die 1905 an der Gartenmauer angebracht wurde, hat der Lokalpatriotismus allerdings zu dick aufgetragen: „In diesem Landhause schuf Richard Wagner im Jahre 1862 seine Meistersinger.“ Das hatte sich vielleicht Wagners Vorschussgeber erträumt, der Mainzer Verleger Franz Schott. Nachweislich, so Engelberg, seien im Frühjahr 1862 in Biebrich lediglich das Vorspiel sowie Pogners Ansprache „Das schöne Fest, Johannistag“ entstanden. Wagners Briefwechsel mit Schott zeugt von der Unzufriedenheit des Verlegers und vom „Pumpgenie“ des Komponisten. Am 21. Oktober 1862 schrieb Schott dann die denkwürdigen Zeilen: „Überhaupt kann ein Musikverleger Ihre Bedürfnisse nicht bestreiten; dies kann nur ein enorm reicher Bankier oder ein Fürst, der über Millionen zu verfügen hat.“

Wenn man Wagners Memoiren vertraut, hatte die Wohnung aber durchaus eine inspirierende Wirkung: „Bei einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus den prachtvollen Anblick des ,goldenen‘ Mainz mit dem vor ihm dahinströmenden majestätischen Rhein in verklärender Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötzlich das Vorspiel zu meinen ,Meistersingern‘, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir erscheinen gesehen hatte, nahe und deutlich wieder vor die Seele.“
Natürlich ist man, wenn man am Gartentor auf Einlass wartet, begierig, die „sehr kleine Wohnung“ im ersten Obergeschoss zu besichtigen. Und fragt sich, was uns überhaupt so sehr reizt an den Häusern der Künstler. Aura und Hoffnung auf tieferes Verständnis? Oder, im Gegenteil, unbeschwerte, anekdotische Annäherung, Aussicht auf Versicherung der Menschlichkeit im Übermenschlichen? Wo, zum Beispiel, sind die Damen und Herren Genies auf die Toilette gegangen?
Kopfstand für Cosima
Aber Engelberg hat Sinn für das Crescendo, für die Dramaturgie der Steigerung eines Besuchs und führt zuerst zum Gespräch an einen Aussichtspunkt im Garten. Von hier aus sieht man den inspirierenden Balkon an der Hausseite Richtung Mainz, auf dem Wagner vor Begeisterung über den Besuch Hans von Bülows und seiner jungen Gattin Cosima, die bald darauf Wagners Lebensgefährtin wurde, auch einen Kopfstand gemacht haben soll. „Ich pflege immer zu sagen, wir wohnen da seit 1889“, sagt der promovierte Kunsthistoriker über die „ungebrochene Familienkontinuität“ und seine „sehr, sehr enge Bindung“ an die Villa. Gern zitiert er den Eigentümer einer anderen historischen Immobilie, dem er einmal in Bacharach begegnet ist: „So ein Haus, das gehört einem nicht. Man gehört diesem Haus.“
Zu dem innigen Besitzverhältnis, das der Akademische Rat an der Technischen Universität Darmstadt mit seiner Ehefrau teilt, der in Siegen lehrenden Architekturhistorikerin Eva von Engelberg, gehört einiger Erhaltungsaufwand: „Gerade haben wir eine Balustrade aufgearbeitet. Dann haben wir überlegt: Was muss man wieder einmal an den Fensterläden tun?“
Der schlichte, vergleichsweise bescheiden dimensionierte Bau erinnert ihn an Eisenbahn- oder Industriearchitektur. Der Bauherr Wilhelm Frickhöfer, Wagners Vermieter, sei Ingenieur gewesen und habe die Rheinkaserne in Biebrich verantwortet. Das Honorar steckte er dann vermutlich in den Erwerb des Grundstücks in der Nähe des herzoglichen Schlosses. Der Hausbesitzer hat unlängst in der Erinnerungsmappe seines Großvaters Unterlagen gefunden, aus denen er schließt, dass Herzog Adolf keineswegs so gutmütig war, wie im Volksmund überliefert. Das Grundstück habe er zwar verkauft, sich dann aber über die Bebauung beschwert. „Das war schon eine üble Gestalt, finde ich.“
Wagner plante einen Hausbau in Wiesbaden
Um Wagners Aufenthalt in Biebrich ranken sich zahlreiche Anekdoten zwischen Dichtung und Wahrheit. Wollte er zum Beispiel sein Festspielhaus auf der Biebricher Höhe errichten? Engelberg winkt ab: „Die Legende kam schon um 1900 auf.“ Gewiss, es gebe jenen Brief von 1852, in dem er schrieb, er wolle „am Rheine“ sein Theater aufschlagen. Aber an Biebrich habe er da sicher nicht gedacht und ohnehin das Wiesbadener Publikum gehasst. Der Wagner-Kenner verweist auch auf einen bitterbösen, antisemitischen Brief von Cosima über die Kurstadt-Gesellschaft.

Den Bau eines eigenen Hauses scheint Wagner aber trotzdem geplant zu haben. In einer Ausstellung des Biebricher Heimatmuseums wurde 2025 eine Vollmacht vom 18. Februar 1863 gezeigt, mit der Wagner den Wiesbadener Juristen Karl Schüler beauftragt hatte, „alle zum Zwecke des von mir intendierten Hausbaues nötig werdenden Rechtsgeschäfte auf mich und auf meinen Namen abzuschließen“. Die Mittel für ein solches Projekt dürfte er allerdings kaum gehabt haben. Für seine Erlösung von der finanziellen Dauerkrise sorgte erst Bayerns König Ludwig II. im Jahr 1864.
Dyckerhoff ließ Jahrzehnte nach Wagners Besuch als Erweiterung des Hauses einen Wintergarten in die Südfassade setzen. Verschnörkelte Formen der Neorenaissance heben sich vom Spätklassizismus des Ursprungsbaus ab. „Das ist eben der Geschmack von 1890“, sagt Engelberg. Im Sommer habe man die Verglasung entfernt. „Umbauthemen haben mich immer interessiert“, sagt der Kunsthistoriker, der seine Doktorarbeit über die Barockisierung mittelalterlicher Kirchen geschrieben hat.
Wagners Judenhass
Weil Frickhöfers Villa eine repräsentative Halle fehlte, wurde für die Hochzeiten der Dyckerhoff-Kinder sogar ein temporärer Festbau errichtet. Der Maler Kaspar Kögler, von dem das Deckengemälde im Prunkfoyer des Wiesbadener Staatstheaters stammt, lieferte dazu ein „Rheingold“-Panorama, das an die Stelle des hier eigentlich frei verfügbaren Rheinblicks trat: Kunst ersetzte die Natur. Ein verspieltes Deckengemälde Köglers mit allerlei Putten schmückt noch heute das „Damenzimmer“ im Erdgeschoss des Hauses.

Die „Meistersinger“ sind für Meinrad von Engelberg ein Höhepunkt in Wagners Schaffen, mit dem er aufgewachsen ist. Sein Vater habe die Oper auf Langspielplatte „just in time“ gehört, also am Vorabend und am Johannistag selbst, an dem die Handlung spielt. Wenn er selbst auf Wagners Antisemitismus angesprochen werde, halte er es mit Marcel Reich-Ranicki. Auf die Frage eines Journalisten, wie er mit dem „wütenden Judenhasser“ zurechtkomme, habe der Kritiker geantwortet: „Es gab und gibt viele edle Menschen auf Erden, aber sie haben weder den ,Tristan‘ geschrieben noch die ,Meistersinger‘.“
In der Villa am Rhein sei ein „augenzwinkernder Umgang“ mit der Geschichte des Hauses gepflegt worden: „Als würde Wagner zur Familie gehören“, aber ohne den in Bayreuth schon früh befeuerten Nationalismus und Rassismus. Engelberg fühlt sich bei der kindlichen Wagner-Maskerade eher an die Mainzer Fastnacht als an ein Bühnenfestspiel erinnert und sagt: „Ich bin kein Freund von Heldenverehrung.“
Die Grundstruktur einer „Mietsetagen-Villa“ ist erhalten geblieben. Eine Eingangstür führt in die Erdgeschosswohnung der Eigentümer, die zweite in ein Treppenhaus mit gewendelter Treppe. Hier fragt man sich, wie der 2,48 Meter lange Érard-Flügel, den Wagner aus Paris mitgebracht hatte, in das erste Obergeschoss transportiert werden konnte. Der Kapellmeister Wendelin Weißheimer erzählt in seinen Erinnerungen von einer dort am Flügel begleiteten Probe des zweiten Aufzugs von „Tristan und Isolde“ mit dem Uraufführungs-Paar des Jahres 1865, Malvina und Ludwig Schnorr von Carolsfeld. Das prachtvolle Instrument kann man heute im Wagner-Museum im schweizerischen Tribschen bewundern.
Bevor Meinrad von Engelberg seine Besucher in Wagners Wohnung führt, beugt er einer möglichen Enttäuschung vor: „Die Räume sind im Wohnzustand der Achtzigerjahre, als wir sie benutzt haben.“ Er ist hier mit zwei Brüdern aufgewachsen. Statt auf Gründerzeit trifft man auf ein neuzeitliches Waschbecken und Teppichboden – und findet beim Blick auf den Rhein doch die Authentizität eines Ortes jenseits musealer Inszenierung wie in Bayreuths Villa Wahnfried.
Man kann auf den kleinen Balkon zur Linken hinaustreten und sich vorstellen, wie Wagner, als die Bäume auf der Rettbergsaue noch nicht so hoch waren, in der Ferne das goldene Mainz und als „Luftbild“ sein „Meistersinger“-Vorspiel leuchten sah. Und auf halber Treppe darf man sich auch der Menschlichkeit des Meisters versichern: „Sie können im Grunde Richard Wagners Klo noch benutzen.“
