Sechs Gold-, zehn Silber- und fünf Bronzemedaillen: Besser waren deutsche Leichtathletinnen und Leichtathleten bei einer Europameisterschaft vor 28 Jahren. Noch vor zwei Jahren hatte die Auswahl des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) mit elf Medaillen (eine Gold-, drei Silber- und sieben Bronzemedaillen) die schlechteste EM erlebt. Birmingham 2026 ist also ein deutliches Zeichen, dass sich etwas bewegt.
Die Favoriten, Zehnkämpfer Leo Neugebauer, Speerwerfer Julian Weber, die Hindernisläufer Gesa Krause und Frederik Ruppert sowie Marathonläufer Amanal Petros, haben gesiegt. Die Sprinter überzeugen seit Jahren in den Staffeln.

Auch der Nachwuchs macht Mut: Speerwerfer Nick Thumm und Hindernisläuferin Olivia Gürth gewannen Silber und Bronze, auch andere überzeugten bei ihrer EM-Premiere. Der DLV ist nicht ausschließlich von einigen wenigen Athleten abhängig.
Dabei gab es außer dem Speerwurf, dem Weitsprung und dem Zehnkampf in den vergangenen Jahren nicht viel, was dem DLV Hoffnung machte. Inzwischen sind etliche Wurfdisziplinen wieder breiter aufgestellt: Medaillen gab es auch mit dem Hammer, dem Diskus und der Kugel.
Auch von den 100 Metern bis zur Marathon-Distanz hat sich gezeigt, dass mehrere Läufer mit der europäischen Spitze mithalten können. Sprinter Owen Ansah gewann Gold über 200 Meter und Bronze über 100 Meter, Hürdenläufer Emil Agyekum und 5000-Meter-Läufer Florian Bremm jeweils Silber. Mit Robert Farken (1500 Meter, Platz neun) und dem verletzten Mohamed Abdilaahi (10.000 Meter) ist Deutschland auch wieder in Disziplinen vertreten, in denen man lange den internationalen Anschluss verloren hatte.
„Ich war schon an dem Punkt zu überlegen, ob ich es aufgebe“
Doch der letzte EM-Abend zeigte auch ein Problem, das die deutsche Leichtathletik seit Jahren begleitet. Speerwerferin Julia Ulbricht erzählte, dass sie ihren Sport ohne Förderung finanzieren muss. Nach einer Verletzung wurde sie im vergangenen Jahr aus dem Bundeskader gestrichen. Ihr Verein unterstützt sie mit „ein bisschen“ Geld, aber um die Miete zahlen zu können, arbeitet sie nebenbei als Übungsleiterin.
„Ich war schon an dem Punkt zu überlegen, ob ich es aufgebe“, sagt Ulbricht, „aber mein Traum ist immer noch, dass ich es einmal zu den Olympischen Spielen schaffe.“ Durch ihren Wurf auf 61,53 Meter, mit dem sie überraschend Silber gewann, erfüllt sie zugleich wieder die Kadernorm.
Leistungskriterien sind notwendig, und ein Verband kann nicht jeden Athleten fördern. Aber nach einer Medaille wie der von Ulbricht stellt sich schon die Frage, ob das deutsche System manchmal zu spät erkennt, welches Potential in einem Menschen steckt. Eine Athletin kann offenbar gut genug sein, um bei einer EM Silber zu gewinnen – und gleichzeitig nicht gut genug, um die Förderung zu erhalten, die sie auf dem Weg dorthin benötigt.
Die EM hat gezeigt, dass es in Deutschland viele Athleten gibt, die das Potential haben, es nach oben zu schaffen. Der Sport muss dafür sorgen, dass sie auch die Chance haben, dort anzukommen.
