
Seit Monaten diskutieren nicht nur Eltern und Kinder über die Gefahren von sozialen Medien. Endlich ist die Debatte auch in der europäischen Politik angekommen. Dass die Europäische Kommission nun mit dem Kids Act einen Vorschlag vorgelegt hat, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen, ist grundsätzlich zu begrüßen.
Nachdem zahlreiche nationale Regierungen und Parlamente eigene Vorhaben teilweise schon auf den Weg gebracht haben, ist eine Initiative aus Brüssel sinnvoll, damit wirksame Regulierung nicht durch einen europäischen Flickenteppich verhindert wird.
Allerdings stellen sich in dem 97-seitigen Dokument zahlreiche Fragen: Lässt sich ein striktes Verbot von Social-Media-Konten für Kinder unter 13 Jahren wirklich effektiv umsetzen? Schaffen es alle Eltern, den Zugang von 13 bis 14 Jahre alten Kindern adäquat zu überwachen? Gelingt eine technisch saubere Altersüberprüfung, ohne die Privatsphäre zu stark einzuschränken?
Medienkonsum der Eltern beeinflusst Nutzung der Kinder
Noch entscheidender sind Aspekte, die bisher kaum in der Debatte vorkamen. Die Forschung zeigt, dass die Mediennutzung von Kindern unter anderem auch vom Medienkonsum der Eltern beeinflusst wird. Daher führt es am Ziel vorbei, Kinder zu regulieren, ohne auch Mütter und Väter stärker in die Pflicht zu nehmen.
Denkbar wäre zum Beispiel, dass endloses Scrollen, automatische Wiedergabe und Push-Benachrichtungen in allen Konten grundsätzlich in den Standardeinstellungen deaktiviert sind – für alle Menschen, unabhängig vom Alter.
Die Forschung legt zugleich nahe, dass soziale Medien allein nicht erklären, warum sich bei vielen Kindern und Jugendlichen psychische Belastungen verschärft haben. Für manche junge Menschen sind Tiktok, Instagram und Co. ein Mittel, um sich von bereits bestehenden mentalen Problemen abzulenken.
Wirksamer Schutz beginnt deshalb nicht erst auf den Plattformen. Er muss auch in der Schule ansetzen. Unterricht sollte deshalb nicht nur Medienkompetenz vermitteln. Zur Resilienzförderung gehört auch, dass junge Menschen lernen, mit negativen Gefühlen wie Angst, Wut, Scham und Trauer umzugehen.
Eine bessere psychosoziale Unterstützung in den Schulen sowie mehr kassenzugelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind darüber hinaus ebenso entscheidend. Die stärkste Waffe gegen die Gefahren im Internet ist ein stabiler Selbstwert.
