
Die Psychiater stehen bereit, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Oder sollte man da etwas falsch verstanden haben? Aus der richtigen Einsicht, dass Politik nicht ohne Psychologie auskommt, wird von einigen Psychologen ein Gegensatz zwischen Rationalität und Emotionalität nahegelegt in dem Sinne, Politik müsse in „irren Zeiten“ kapieren, dass die AfD „nicht durch rationale politische Argumente wieder kleinzukriegen ist“. Stattdessen gehe es darum, „Emotionen aufzugreifen“, etwa das „diffuse Gefühl, von ‚denen da oben‘ nicht wahrgenommen zu werden“, wie der Psychiater Manfred Lütz, ein publizistisches Faktotum, im Rückgriff auf seine in den letzten Jahren im Magazin „Focus“ veröffentlichten Kolumnen nun unter dem Titel „Churchills Augen“ bei Kösel schreibt.
Kein Psychiater sei gerade mehr gefragt als Lütz, heißt es von seiner Agentur. „Focus“ plane denn auch eine Titelgeschichte mit dem hauseigenen Kolumnisten, der umstandslos zum psychologischen Welterklärer stilisiert wird mit, wie bei Markus Lanz diese Woche zu besichtigen war, zwar dauerengagierter Rhetorik, aber bestürzend eindimensionalen Sacherträgen. Überall, so die erregte Agentur, gebe es dieselbe Frage: „Wie ordnet man psychologisch ein, was gerade passiert – das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, Trump, Putin, das Gefühl, dass Verrücktheit zum neuen Normal wird?“ Und wer, wenn nicht Lütz, könnte die planetarische Operation „Einordnung“ leisten?
Der PR-Plot führt in die Irre: Wie sollte man auf diffuse Gefühle politisch reagieren, wenn nicht durch rationale, diese Gefühle auf ihre Triftigkeit prüfende Argumente? Soll man etwa mit gleicher Münze heimzahlen, indem man Diffuses mit Diffusem vergilt? Und den Wählern eine Zusage macht des Typs, die ganz oben seien doch stets bei denen ganz unten, fürchtet euch nicht?
„Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“
Ganz abgesehen davon, dass emotionale Reizbarkeit, Angst und psychische Belastung nicht unabhängig von einem sachpolitischen Bedingungsgefüge zu sehen sind, das als solches wiederum argumentativ durchsichtig zu machen ist. So das Geschäft der Politik. Robert Misik weist in seinem Suhrkamp-Essay „Erziehung zur Grausamkeit“ auf diesen Zusammenhang hin: „Belastungsstörung, Stress und Angstgefühle machen für die negativistischen Botschaften des Rechtsextremismus empfänglich, und insofern spielen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten eine große Rolle.“ Denn wie in vielen Studien belegt weisen Menschen mit niedrigerem sozioökonomischen Status mehr depressive Symptome auf. Und schon ist man, Emotionen aufgreifend, mitten in den politischen Sachauseinandersetzungen, was auch bedeutet: in der Prüfung von Argumenten auf ihre rationale Stimmigkeit hin.
Gefühle gegen ihre rationalen Bewertungen isolieren zu wollen, ist irrational. Tatsächlich hängt das eine mit dem anderen auf oft unentwirrbare Weise zusammen, nachzulesen etwa in Ronald de Sousas Buch „Die Rationalität des Gefühls“ bei Suhrkamp, wo das Ineinander von gefühlsgeleitetem Erkennen und erkenntnisgeleitetem Gefühl als ein überaus komplexer Vorgang zwar nicht durchsichtig, aber anschaulich wird. Wie möchte man Emotionen aufgreifen, wenn rationale Argumente hierbei angeblich kein Wörtchen mitzureden haben? „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“: Mit diesem vielfach zitierten Satz brachen sich im Jahre 2011 die Gefühle eines Unionspolitikers gegen einen anderen Unionspolitiker Bahn (Ronald Pofalla gegen Wolfgang Bosbach). Und niemand sagte seinerzeit: Klar, wenn jemand ein Fresse-Problem hat, muss man es aufgreifen und darf nicht mit rationalen Argumenten kommen. Tatsächlich ging es hinterher allein darum, sich für schlechte Manieren zu entschuldigen, jedenfalls in der öffentlichen Arena. Womit ein Bedarf an psychotherapeutischer Nachbehandlung im privaten Rahmen nicht geleugnet werden sollte.
Jedenfalls führt das Fresse-Beispiel noch einmal vor Augen, dass Emotionen nicht schon qua Emotionen ein Recht auf öffentliche Geltung haben. Die Substanz des Politischen ist berührt, wenn hier nicht energisch widersprochen würde. Emotionen politisch aufgreifen wird neben der Faktenanalyse sehr oft heißen, auf Impulskontrolle und bürgerlichen Manieren zu bestehen, etwa wenn von AfD-Wählern geltend gemacht wird, man könne die vielen Ausländer im Stadtbild eben einfach nicht mehr sehen. In der Psychologie läuft das unter der Überschrift „Emotionsregulierung“, wobei es da nicht um Unterdrückung von Gefühlen geht, sondern um ihre – dann also doch – rationale und das heißt politische Bewertung. Vielleicht müssen sich dann manche eingestehen, rechtsradikal unterwegs zu sein, die sich bislang nur für Frustrierte hielten. Psychiater, apolitisch qua Profession, vernebeln solche Zusammenhänge eher.
