
Eine Woche nach seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig sorgt der Dokumentarfilm „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor für Kontroversen. Im Mittelpunkt steht dabei eine Zahl. In einem Fall hätten die israelischen Streitkräfte einen Angriff in Gaza bewilligt, bei dem mit bis zu 500 toten Menschen zu rechnen war, die angeblich mit dem Kriegsziel der Bekämpfung der Hamas nichts zu tun hatten. 500 Kollateralopfer, in der Sprache des Krieges.
In „Naza“ sind Angehörige der IDF (Israel Defense Forces) in digitaler Anonymisierung zu sehen, die davon erzählen, wie in den ersten Monaten des Krieges nach dem 7. Oktober 2023 die Einsätze in Gaza geplant wurden. Das Wort „Naza“ ist in diesem Kontext ein Quotient und beziffert die in Kauf genommenen Opfer bei der Ausschaltung eines „operative“, also eines Menschen, von dem Israel aufgrund seiner Erkenntnisse davon ausging, dass es sich um ein Mitglied der Hamas handelte. Die IDF weisen nun zurück, dass es diesen einen Fall mit dem Naza-Wert von 500 jemals gegeben hätte. Sie bestreiten auch die Darstellung im Film, dass Systeme künstlicher Intelligenz bei der Auswahl der Bombenziele zum Einsatz gekommen sind, wie es von den Whistleblowern detailliert geschildert wird.
„Naza“ wurde von den zwei israelischen Aktivisten Yuval Abraham und Rachel Szor zusammen mit einer britischen Firma produziert, hinter der die Zeitung „The Guardian“ steht, in der Teile der Aussagen aus dem Film auch schon als Recherchen bekannt gemacht worden waren. Insgesamt 24 Personen äußern sich vor der Kamera, sie sind unkenntlich gemacht und stehen unter Quellenschutz. Sie werden alle dem Bereich der „intelligence“ in den IDF zugeordnet, waren also im ersten Kriegsjahr mit nachrichtendienstlichen Aufgaben befasst, ein anderer traditioneller Begriff aus dem Militärwesen wäre auch „Aufklärung“ oder „Feindaufklärung“.
Entschieden wird abseits von den Schlachtfeldern
Wenn der israelische Generalleutnant und ehemalige Verteidigungsminister Benny Gantz nun erklärt, dass die Sprecher aus dem Film „nie ein Schlachtfeld betreten“ haben, dann trifft dies zwar zu, verschleiert aber den zentralen Punkt des Films, der ja von einer Kriegsführung aus der Distanz berichtet: Entscheidungen werden, wie in jeder modernen Armee, weit entfernt von den „targets“ gefällt. In Venedig wurde „Naza“ mit langem Applaus bedacht, was sicher auch damit zu tun hat, dass der Film sich bestens dafür eignet, massive Kritik an Israels Vorgehen in Gaza argumentativ zu untermauern.
Zur besseren Einordnung sollte man sich aber vergegenwärtigen, dass es Kritik aus der Armee selbst nicht erst seit den Operationen in Gaza gibt. Die IDF sind eine demokratische Armee, wie man zum Beispiel aus Claude Lanzmanns Film „Tsahal“ (1994) ersehen kann, dessen Wurzeln in der Zeit nach dem Yom-Kippur-Krieg 1973 liegen. Schon bei Lanzmann gibt es ein Gaza-Kapitel, und es werden massive Zweifel an der Besatzungspolitik erkennbar, die einfache Soldaten umzusetzen haben. Zum zivilgesellschaftlichen Engagement in Israel für ein gerechtes Zusammenleben mit Palästinensern gehörten auch immer Stimmen, die aus der Armee heraus sprachen.
Anzeichen für politische Hysterie
Und in diese Linie gehören die 24 Protagonisten, die Yuval Abraham und Rachel Szor gefunden haben, die sich wiederum selbst schon lange kritisch mit der Politik Israels in den besetzten Gebieten beschäftigen. Ihr Film „No Other Land“ (an dem von palästinensischer Seite Basel Adra und Hamdan Ballal beteiligt waren) berichtet von einem eklatanten Fall von Drangsalierung und Gewalt durch Siedler in der Westbank. Wenn der Kulturminister Miki Zohar nun von einer Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Yuval Abraham und Rachel Szor spricht, dann muss man das auch als ein weiteres Indiz für die politische Hysterie in Israel seit dem Eintritt jüdischer Fundamentalisten in die Regierung Netanjahu sehen.
Zentrale Positionen einer israelischen Kritik an Israels Krieg gegen Gaza wurden schon vor „Naza“ in und mit Filmen geäußert: „Yes“ von Nadav Lapid oder „Effondrement“ von Anat Even, der im Februar im Forum der Berlinale Premiere hatte, sind unumgängliche Statements aus Israel.
‚„Naza“ wird nun der journalistischen Forensik zu unterziehen sein, die auf jedes Nachrichtenprodukt a‘nzuwenden ist. Ob an einzelnen Stellen etwas zu korrigieren sein müsste, wird sich erweisen. Doch ist es nicht so, als würde „Naza“ ein neues Bild des Krieges in Gaza enthalten. Nahezu alles, was man zu hören bekommt, war im Kern bekannt. Doch nun hört man es von konkreten Menschen und in Details, die zu einer sorgfältigeren Einschätzung beitragen können.
