Das gibt es selten in diesen Zeiten. Die meisten sind sich einig. CSU und CDU, die SPD und die Grünen, der Sport egal aus welcher Ecke. Sie hakten sich unter, und das noch bevor sie wussten, wie das Rennen ausging. Sport verbindet.
Das Ergebnis im großen Duell zwischen München und Köln mit der Region Rhein-Ruhr um die Gunst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), als Bewerber um Sommerspiele ins internationale Rennen geschickt zu werden, steckte noch im gehüteten Briefumschlag, da machten alle im Kurhaus von Baden-Baden auf große Einheit. Nicht mit flehentlichen Appellen, sondern selbstgewiss. So sprachen neben vielen anderen die vier anwesenden Ministerpräsidenten und die Regierungschefin von Mecklenburg-Vorpommern, die graue Eminenz des internationalen und des deutschen Sports, Thomas Bach, vom Segen der Einigkeit.
„Nutzen wir den Schwung“
Auch Deutschlands zum Messias erhobener Trainer, Jürgen Klopp, hisste, eingespielt von der ARD, die Flagge zu dem, was Deutschlands Staatsoberhaupt zur Mittagsstunde auf der Bühne zu sagen hatte: Sommerspiele seien „eine Riesenchance für ganz Deutschland. Allein die Aussicht bringt uns zusammen (…) “, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Nutzen wir den Schwung der Bewerbung, um unser Land nach vorne zu bringen. Zeigen wir, dass wir ein Land der Investition und Wirtschaftskraft sind. Um uns zu bekräftigen, wer wir sind, ein weltoffenes, liberales, demokratisches Land. Bringen wir unser Land jetzt in Bewegung, um alles zu stärken, was uns verbindet.“
Deutschland für München. So soll es werden in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht Jahren auf der Reise mit Bayerns Landeshauptstadt zum erhofften Lieblingskandidaten des IOC. Auf dass die Spiele „wieder heimkehren“, wie mancher Würdenträger im Saal das größte Sportfest der Welt als Eigentum der Deutschen zu betrachten glaubte.
„Überwältigendes Ergebnis“
90 Jahre nach der Propagandashow der Nazis in Berlin, 54 Jahre nach den Spielen von München 72, deren Heiterkeit das Attentat von palästinensischen Terroristen vernichtete, schenkten die wahlberechtigten Delegierten den Bayern das Vertrauen: 90:51 für das Konzept der bayerischen Landeshauptstadt im Zweikampf mit Köln und der Region Rhein-Ruhr. Eine Art Bayern-Sieg. Heftig, unmissverständlich, aber im Unterschied zum Siegerklub des Fußballs in der Höhe überraschend. Jedenfalls rief Ministerpräsident Markus Söder auf dem Weg zur Pressekonferenz dem Präsidenten des Bayerischen Landes-Sportverbandes, Jörg Ammon, fröhlich zu: „Ein überwältigendes Ergebnis.“
Wenn eines bei diesem großen Showspiel von Politik und Sport auch zur Anerkennung des Spitzensports am Samstag authentisch wirkte, dann war es die Erleichterung Söders, den mit fairer Geste stante pede gratulierenden Kollegen aus NRW, Henrik Wüst, diesmal weit hinter sich gelassen zu haben: „Die Kölner haben es uns ganz schön schwer gemacht. Sie haben uns ganz schön zum Zittern gebracht.“
Am Vorabend, auch noch nach dem etwa 45 Sekunden dauernden Wahlgang, hielt sich durch die Bank weg die Erwartung, das Rennen stehe auf des Messers Schneide. Dass sich die erkennbare Anspannung unter allen Mitspielern als krasse Fehleinschätzung herausstellte, dient immerhin als halbwegs belastbares Indiz für den Meinungsfindungsprozess. Der gewaltige Vorsprung für das „One Village“-Programm Münchens mit Kiel als Segelstandort entstand nicht in den vergangenen Tagen.
Und falls sich nach dem Rückzug von Berlin die Berlin-Stimmer doch nicht für das allererste Regional-Konzept mit 17 Städten im Schatten des Kölner Doms entschieden, weil die Rheinländer kurz zuvor eine Ost-Erweiterung mit Rostock-Warnemünde (Segeln) veröffentlichten, sondern für München, wie kolportiert, dann verstärkt das eher noch den Rückhalt für München unter den Wählern: für ihr Vertrauen in das Altbekannte, die Sicherheit, für die Macht der Bilder, wenn es letztlich um das geht, was zählt: den Blick der IOC-Mitglieder auf den Kandidaten der Deutschen.

Bis auf zwei Stellen hinter dem Komma ließ der DOSB die Tauglichkeit seiner Kandidaten in gewissen Kategorien ausrechnen. In einem komplexen, teils kritisierten, teils gelobten, aber letztlich doch von Sieger wie Verlierer akzeptierten Verfahren. Allerdings erfuhren alle vom Ergebnis, München nur zwei Pünktchen vor Köln, erst am vergangenen Dienstag.
Was angesichts mangelnder Erhebungen zum Wahlverhalten – es herrscht weiterhin das gesammelte Schweigen – nur eine grobe Analyse zulässt: Das Gros der Wahlberechtigten, die Olympischen Spitzenverbände mit 126 Stimmen schauten nicht mehr in die umfangreichen Erläuterungen zu den Wettbewerbern und ihren Chancen. Sie müssen sich weitgehend schon im Sommer entschieden haben. Als sie die Kandidaten bewerteten und – im Gegensatz zum DOSB – München weitgehend vorne sahen.
„Der Kelch geht an uns vorüber“
Die Einheitsstimmung von Baden-Baden schien am Samstag darunter nicht zu leiden. Zumindest hielten alle dem Dachverband im Verlauf des vierjährigen, kurvigen Kurses zugute, viel besser dazustehen als bei den vorangegangenen sieben verlorenen Versuchen, Olympische Spiele für Deutschland zu gewinnen. Einem Kölner Repräsentanten fiel die Rückendeckung draußen vor der dem Kurhaus in wärmenden Frühherbstsonne leichter, weil ihm schwante, dass ein gewisser „Kelch an uns vorbei geht“.
Denn das bevorstehende Leiden machte nicht nur Söder sofort publik: „Die Freude ist kurz.“ Das betraf vorerst die Aussicht auf eine Achterbahnfahrt auf dem Oktoberfest samt Looping mit Dominik Krause von den Grünen, dem eigentlichen „Gewinner“ der Spiele als Oberbürgermeister von München. Der DOSB bewirbt sich mit der Stadt, nicht mit dem Land Bayern. Als Söder in der Mitte der Fünferreihe der zur Pressekonferenz Angetretenen saß, deutete sich die Führungsfrage im Olympiaprojekt in einer interessanten politischen Konstellation schon an.

Sie wird wesentlich sein angesichts des Drucks, den Krause schon am Samstag schilderte mit seinem Hinweis, die Arbeit beginne „morgen“. Wer die Evaluierung des DOSB las, erkannte die Abgründe dort, wo es zur Sache gehen muss: bei der Finanzierung. Sollte das IOC den Europäern schon 2036 eine Chance bieten, muss München sprinten. Krause versicherte, er könne nicht warten, Infrastrukturmaßnahmen müssten begonnen werden. Ohne ein Finanzierungsbeschleunigungs-Gesetz kommen die Deutschen wohl zu spät.
Da schimmerte der gewaltige Druck hinter dem Schwung durch. Die Uhr tickt. Und schaffte man es nicht in der Zeit, dann geht’s ab in den Orkus. Dazu passte die Bühnenkulisse, ein Bild mit schmalen in olympischen Farben gesetzten Balken, dessen Umriss die Grenze Deutschlands erkennen ließen. Das Ganze in Schieflage, als könne es bald extrem nach rechts kippen. Kombiniert mit dem Einheits-Vorträgen ließ sich daraus so etwas wie eine letzte Chance ableiten. Wenn nicht für Deutschland, dann für den Spitzensport, wenigstens für Olympische Spiele in Deutschland.
Deshalb schwelt eine zweite Führungsfrage, seit Monaten: wer denn nach dem Wechsel von der nationalen in die Champions League der Olympiarenner den deutschen Sport repräsentiert. Eine öffentliche Diskussion wollten die Verbände mit Blick auf die nötige Ruhe vor der Wahl in Baden-Baden vermeiden. Jetzt aber werden die Dämme brechen.
Schon im Frühjahr 2025 hatten die Landessportbünde DOSB-Chef Thomas Weikert mitgeteilt, ihn nach fünf Jahren nicht noch mal wählen zu wollen. Einige Fachverbände sind derselben Ansicht, während der Jurist aus Limburg sich noch nicht zu seiner Zukunft geäußert hat. Eine eigens eingerichtete Findungskommission soll einen Kandidaten herausgefiltert haben: Michael Mronz.

Dahinter steckt die Vorstellung von Strippenziehern im deutschen Sport, unter anderem die Strömungen im IOC frühzeitig erkennen und international punkten zu können. Der Rheinländer gehört dem DOSB-Präsidium als IOC-Mitglied an, seit ihn Thomas Bach als damaliger IOC-Chef in seinen Zirkel wählen ließ an. Mronz brachte den DOSB letztlich dazu, auf die Deutschland-Version Olympischer Spiele mit mehreren olympischen Dörfern zu verzichten und stattdessen andere Konzepte der Bewerber Berlin, Hamburg, Rhein-Ruhr mit Köln und München zuzulassen. Das kleinste, überschaubarste, das mit den kürzesten Wegen, das letztlich bekannteste, bot München.
Mronz, der Rheinländer, der Initiator der ersten, 2021 gescheiterten, Rhein-Ruhr-Kampagne, der Manager des international berühmten Reitsportfestivals in Aachen, machte München möglich. Was allen den Wind aus den Segeln nimmt, die den Anschein einer Befangenheit vor der Wahl in Baden-Baden sahen. Zu den Machtspielen wollte sich der Kölner am Sonntag gegenüber der F.A.Z. nicht äußern.
Die Niederlage Kölns bremst das Engagement der Fraktion, die den 59 Jahre alten Mronz im Dezember in Frankfurt an die Spitzen wählen lassen wollen, sicherlich keinesfalls. Widerstand aber gibt es auch. Und so hat mit dem Ende der Wahlparty in Baden-Baden sofort die Testphase begonnen: Wie lange wird der Sport mit einer Stimme sprechen? Und wird eine neue Stimme stark genug sein, die Interessen des Sports in seinem Olympiaprojekt angemessen durchzusetzen? In München, in Bayern wie in der Welt.
