Es gibt im internationalen Fußball einfachere Aufgaben: Mit Spanien war am Samstagabend ausgerechnet der Welt- und Europameister zu Gast im Londoner Wembley-Stadion. Es war Englands erstes Länderspiel nach der Weltmeisterschaft im Sommer, wo sie im Halbfinale ausgeschieden waren. Dafür machen seitdem nicht wenige im Land Nationaltrainer Thomas Tuchel verantwortlich.
Viel wird seitdem von einer englischen DNA gesprochen. Die soll sich näher an dem Fußball orientieren, der traditionell in der Premier League gespielt wird: körperbetont, schnell, direkt. Der Offensivspieler Anthony Gordon forderte, England solle nicht versuchen, den auf Ballbesitz und Kontrolle getrimmten Stil der Spanier zu kopieren, sondern „in die andere Richtung zu gehen und unsere Stärken wirklich auszuspielen“.
Nur ein kleiner Trost
Schon zuvor hatte der normalerweise auf maximale Kontrolle ausgerichtete Tuchel sinniert, er müsse einen Kompromiss eingehen – „das Chaos umarmen“ –, um das Beste aus seiner Mannschaft herauszukitzeln. Auch, die Einschränkung ließ er sich nicht nehmen, wenn das nicht gerade eine „ökonomische“ Spielweise sei.
England hielt dagegen, aber wie schon gegen Argentinien brachte die Mannschaft die Führung auch hier nicht über die Zeit. Die Phasen des spanischen Ballbesitzes dehnten sich aus, ihre spielerische Dominanz wuchs, durch Tore in der 60. und 74. Spielminute drehten sie das Spiel. Am Ende erschien das Resultat leistungsgerecht, fast schon folgerichtig, auch wenn sich England im Vergleich zum Argentinien-Spiel besser, weil kämpferischer präsentierte.
Medien spekulieren mal mehr, mal weniger über Tuchel-Ablösung
„Es war ein kleiner Trost, den die heimischen Fans dankbar annahmen“, schrieb die BBC in einer Analyse: „Doch der Klassenunterschied in den entscheidenden Momenten war weiterhin unübersehbar.“ Weil Spanien auf Kontrolle und eben nicht auf Chaos setze. So bleibe England eine „Beinahe-Mannschaft“ ohne nennenswerte Erfolge seit dem WM-Titel 1966.
Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um das als Kritik an Tuchel zu entziffern. Englands Fußballverband hat ihn mit dem expliziten Auftrag verpflichtet, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das ist ihm nicht gelungen. Und aufgrund des „transaktionalen Charakters seiner Verpflichtung“, wie es der gemäßigte „Guardian“ bezeichnete, wird in Teilen der Medien mal mehr und mal weniger laut über seine Ablösung spekuliert. Dass er ausgerechnet als Deutscher das nationale Traineramt bekleidet, steigert die Fallhöhe zusätzlich. Intern dagegen wird der dritte Platz bei der WM Berichten zufolge als hinreichender Erfolg gewertet, um mit Tuchel auch in die Europameisterschaft in zwei Jahren zu gehen. Fürs Erste ist er also wohl nicht ernsthaft in Gefahr.
Der Trainer lenkte den Blick nach der Niederlage am Samstag trotzdem auf die Dinge, die aus seiner Sicht gut gelaufen waren. Chaos hatte er trotz individueller Fehler und Unkonzentriertheiten wie vor dem 0:1 nach gerade einmal zwei Spielminuten nicht gesehen. Stattdessen lobte er das Pressing, wodurch England mehr Bälle in Spaniens Spielfeldhälfte erobert habe als umgekehrt. Im Angriff habe es eine klare Struktur mit vielen Seitenwechseln und aufrückenden Außenverteidigern gegeben. „Viel Gutes dabei, aber leider hat das Ergebnis nicht gestimmt“, resümierte er.
Doch mit fortschreitender Dauer seines Engagements dürften die Ergebnisse immer wichtiger werden. Am Dienstag ist England zu Gast in Tschechien, am Samstag in Kroatien, bevor es in der Woche darauf abermals gegen die Tschechen geht – dieses Mal in London. Die Nations League mag keinen besonders hohen Stellenwert haben, aber der Druck ist hoch. Gegen Spanien ist es verzeihlich, ab einem gewissen Punkt die Kontrolle zu verlieren. Aber gegen nominell schwächere Gegner müssen die Engländer ihr Spiel durchsetzen, müssen Phasen des Chaos und der Kontrolle beherrschen und gezielt aussteuern. Daran wird auch Tuchel gemessen werden.
