Welche Schmetterlinge in und um den Main-Taunus-Kreis zu sehen sind und welche nicht, weiß wohl kaum jemand so genau wie Alfred Westenberger. Umso verwunderter war er, als er in diesem sehr heißen Sommer plötzlich Arten antraf, die er vorher höchstens im warmen Rheingau beobachten konnte. Der Russische Bär, auch Spanische Flagge genannt, verirrte sich früher nur in Ausnahmefällen nach Hofheim. Plötzlich saßen die Falter mit den auffälligen Streifen und Punkten in Schwarz, Rot und Gelb zu fünft am Wasserdost. Der Schönbär, der da Tupfen hat, wo der Russische Bär gestreift ist, hat sich bei Westenberger vorher nie blicken lassen und saß eines Tages am Sommerflieder. Und an der Zitterpappel entdeckte er einen Pappelschwärmer.
Dass sich die Schmetterlingspopulation verändert, beobachtet der Hofheimer schon seit Jahren. Als die Bauern zum Düngen noch Rotklee verwendeten, schwärmten überall die Tagpfauenaugen, Füchse und Schwalbenschwänze. Inzwischen nutzt man vorrangig die blaue Luzerne, die längst nicht so beliebt ist. Viele Magerwiesen, wie es sie früher einmal gab, sind aus der Landschaft verschwunden und mit ihnen Witwenblumen und Flockenblumen und die Falter, die auf sie angewiesen sind. In seinem gar nicht so großen Garten in der Marxheimer Dorfmitte bietet Westenberger bewusst Pflanzen an, die die Falter und ihre Raupen schätzen: Fenchel und Spornblume, Weinraute und Salweide, und mit ihnen kommen die Schmetterlinge.

Westenberger ist Jahrgang 1947, die Eltern besaßen Obst- und Erdbeerfelder. Als der Bub eine befreundete Erntehelferin in ihrer nordhessischen Heimat besuchte, stellte er fest, dass die Kinder des Dorfes in den Feldern Schmetterlinge fingen. Sie brachten sie zu einem alten Herrn mit Rauschebart und bekamen pro Exemplar zehn Pfennige. Der Mann war ein Schmetterlingssammler und präparierte die Falter. Auf den zweiten Schmetterlingssammler stieß Westenberger über seinen Vater, der im Obst- und Gartenbauverein engagiert war. Der Mann hatte im Flur viele Glaskästen hängen, alle voller Tagfalter. So begann die Leidenschaft, die ihn zeit seines Lebens nicht mehr losließ.
In den Siebzigerjahren wurde Westenberger, der als Verwaltungswirt bei der Stadt Hofheim arbeitete, Mitglied im Entomologischen Verein Apollo in Frankfurt. Als in den Achtzigerjahren die Artenschutzverordnung verabschiedet wurde, galt für die Vereinsmitglieder die Devise, keine Falter mehr zu fangen. Weil Westenberger die Tiere dennoch von Nahem beobachten wollte, begann er mit der Zucht. Er dokumentiert sämtliche Stadien, vom Ei über Raupe und Puppe zum Falter, dann lässt er die Tiere fliegen.
Auf dem Wohnzimmertisch liegen in einer Laborschale und sorgsam auf Küchenpapier gebettet mehrere Puppen. Beschriftet sind sie mit „Polyommatus icarus f. caerulea“. Es handelt sich um Hauhechel-Bläulinge, wie sie in zahlreichen Gärten vorkommen – allerdings mit einer Besonderheit: Bei der Form „caerulea“ sind auch die Weibchen blau statt braun, wie sonst üblich. Die Puppen haben die Nacht im Kühlschrank verbracht, nun wärmen sie sich langsam auf und schlüpfen bei etwa 20 Grad. Noch etwas benommen sitzen sie herum, bevor sie losfliegen. Bisher sind alle Falter braun, die besondere Farbe scheint sich nicht vererbt zu haben. Also dürfen alle Falter frei fliegen.

An der Salweide sitzt eine äußerst fette grüne Raupe mit einem Hörnchen am Hintern. Man muss schon dreimal hinschauen, um das gut getarnte Tier zu finden. „Experten sehen die Fraßspuren und wissen gleich, da ist eine Raupe“, sagt Westenberger. Von dem dicken Exemplar könnte wohl auch eine Vogelfamilie satt werden, doch sie ist mit einem Säckchen aus dünnem Stoff geschützt, damit aus ihr einmal ein Abendpfauenauge wird.
Auf besondere Schmetterlinge hat Westenberger ein Auge und hütet sie in allen Lebensstadien vor Fressfeinden. An einem Dill im Garten sitzt die Raupe eines Schwalbenschwanzes und frisst sich dick, auch über diese besondere Art hat Westenberger ein Säckchen gestülpt. „Die ist schon ziemlich fertig, die ist kurz vor der Verpuppung“, sagt er. Dann darf sie im Puppenkasten überwintern, der außen an der Hauswand steht. Sorgsam wird sie zwischen Leinenläppchen gebettet, eine Wasserschale sorgt dafür, dass sie nicht vertrocknet. Wer in Marxheim von Frühjahr an die großen Falter segeln sieht, was durchaus vorkommen kann, hat es womöglich mit einem Exemplar zu tun, das von Alfred Westenberger liebevoll über den Winter gebracht wurde.

Schwalbenschwänze sind heute selten, allerdings gab es sie in der Gegend schon immer. Andere Arten treibt die Hitze in den Main-Taunus- und den Hochtaunuskreis. In seinem Schmetterlingszimmer, in dem auch der Schrank mit der Fachliteratur steht, zeigt Westenberger auf dem Computerbildschirm die Arten, die sich durch den Klimawandel neue Verbreitungsgebiete gesucht haben.
Neben dem Russischen Bären und dem Schönbären wird auch der Große Perlmuttfalter inzwischen häufiger beobachtet. Die auffällig schwarz-orange gescheckte Art ist seit knapp einem Jahrzehnt vermehrt zu sehen. Der wärmeliebende Segelfalter, der dem Schwalbenschwanz nicht unähnlich sieht, profitiert ebenso von warmem Klima wie der Brombeer-Perlmuttfalter. Er wagt sich sogar in den Hochtaunus vor. Die Reifenberger Wiesen sind so ein Habitat, „40 Arten“, sagt Westenberger. Das seien sogar drei mehr als in den Weilbacher Kiesgruben.

Neu in Westenbergers Garten und offenbar auch im Landkreis ist der Reseda-Weißling. Er mag warme, offene Wiesen und ist ein im Mittelmeerraum verbreiteter Falter, in unseren Breiten sucht er sich warme Nischen. In Hofheim hat er sich an einer Rauke häuslich eingerichtet, denn neben den namensgebenden Resedagewächsen mag er auch Kreuzblütler. Am Vormittag, wenn die Sonne langsam wärmer wird und die Temperatur steigt, kommt Leben in den weiß-grünen Falter. „Bei einem richtigen goldenen Oktober kann durchaus noch einmal eine dritte Generation schlüpfen“, sagt Westenberger.
Manchmal kommen Schulen und Kindergärten vorbei und besuchen den Schmetterlingszüchter und seine Raupen und Puppen. Westenbergers Bücher über die Falter der Umgebung sind nur noch antiquarisch erhältlich, aber bei den vielen klimabedingten Neuankömmlingen wäre eigentlich bald eine neue Auflage fällig. Da würden dann auch Pappelschwärmer und Resedafalter darin auftauchen.
