Eine Meldung aus dem Münsterland sorgte in den vergangenen Tagen für Aufsehen: Ein Erdbeerbetrieb aus Telgte verlegt Teile seiner Produktion nach Marokko, weil es dort mehr Wasser gibt. Dass es lange nicht geregnet hat in Westfalen, war nichts Neues. Aber dass es ausgerechnet in Nordafrika besser sein sollte, wo der garstige Wüstenwind Schirokko weht, wollten selbst die ärgsten einheimischen Dürrepropheten kaum glauben. Ganze 270 Liter Niederschlag je Quadratmeter im Jahr verzeichnet Agadir durchschnittlich, nicht viel mehr als ein Drittel der Menge von Telgte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Markus Staden, der die Geschäfte der Kraege Beerenpflanzen GmbH & Co. KG führt, weiß das Rätsel zu lösen. Im Grunde genommen seien die natürlichen Bedingungen für das Rosengewächs mit den begehrten süß-roten Früchten in Deutschland hervorragend, sagt Staden der F.A.S. Das stimmt mit der Gattungsgeschichte der Pflanze überein, die mitteleuropäische Künstler schon auf Gemälden aus der Gotik dargestellt haben. Es waren französische und englische Botaniker, die genetisches Material aus Nord- und Südamerika dazu nahmen, um im 18. Jahrhundert erstmals die Gartenerdbeere der Neuzeit zu züchten. Sie mag es mild und feucht, auf sandigen Böden. „Für viele Obstsorten sind wir in Deutschland auf Importe aus dem Süden angewiesen“, sagt Staden. „Bei Erdbeeren dagegen könnten wir theoretisch auf eine Selbstversorgerquote von 100 Prozent kommen.“
Jeder fünfte Erdbeerbetrieb hat aufgegeben
Tatsächlich kommen aber nur 50 Prozent aus heimischem Anbau, Tendenz sinkend. Spanien und Griechenland sind die wichtigsten Importländer. Von den knapp 2000 Betrieben, die vor fünf Jahren hierzulande noch Erdbeeren anbauten, hat dem Branchendienst AMI zufolge mehr als jeder fünfte dichtgemacht. Auf Markus Stadens Spezialgebiet sieht es noch einmal anders aus. Er verkauft keine Früchte, sondern Pflanzen.
Erdbeervermehrung heißt diese Disziplin. Und da ist das Unternehmen aus Telgte das allerletzte, das überhaupt noch im großen Stil Flächen in Deutschland bewirtschaftet. Rund 250 Hektar sind es laut Staden. „Allein in den nächsten vier Wochen werden wir 20 Millionen Pflanzen an unsere Kunden ausliefern, damit sie nächstes Jahr wieder genug Erdbeeren ernten können.“
Zusätzlich zu den Flächen im Münsterland hat Staden nach eigener Auskunft schon vor einigen Jahren 25 Hektar in Marokko gepachtet, los ging es 2016. Die Lohnkosten seien dort deutlich niedriger, erklärt er den Schritt. Außerdem sei dort insgesamt leichter Personal für die harte Feldarbeit zu finden.
Entsalzungsanlagen statt Grundwasserbrunnen
Und das Wasser? Erdbeerpflanzen reagieren empfindlich auf Trockenheit, sie wollen regelmäßig gegossen werden. Auf Regen allein werden sich nicht einmal Hobbygärtner verlassen wollen, die Profis erst recht nicht. „In Deutschland ist es sehr kompliziert und langwierig, eine Genehmigung für einen Brunnen zu bekommen“, berichtet Staden. „In Marokko setzt die Regierung dagegen stark auf den Ausbau der Landwirtschaft, hat Stauseen und Entsalzungsanlagen gebaut. Das kommt uns entgegen.“ Er werde mit seinem Betrieb nicht komplett auswandern, beschwichtigt Staden. Aber vergrößern werde er ihn eher in Nordafrika als in Westfalen.
Näher als Marokko liegt Polen. Dorthin ist vor einigen Jahren ein anderer deutscher Erdbeervermehrer ausgewichen. Constantin Kaack aus Bargteheide in Schleswig-Holstein setzt daheim in Norddeutschland nur noch auf den Fruchtanbau. Neue Pflanzen lässt er inzwischen ausschließlich auf gepachteten Flächen in Polen großziehen. Es fehle in Schleswig-Holstein nicht einmal in diesem heißen Sommer am Wasser, betont Kaack, sondern an zusammenhängenden Flächen. Außerdem wünscht er sich Flexibilität bei der Bezahlung. „Dann könnte ich auch Leute einstellen, die nicht so schnell sind. Das verhindert der Mindestlohn.“
Auf einen Abschlag bei den Löhnen und eine Lockerung der Beschäftigungsregeln für Saisonarbeitskräfte zielt folgerichtig auch der „Brandbrief“, den der Verband der Obstbauern vor einigen Tagen an alle Bundestagsabgeordneten geschickt hat. „Heimischer Obstbau ist kein Selbstläufer“, heißt es darin. Aber Stauseen und Entsalzungsanlagen braucht es glücklicherweise wohl doch noch nicht, damit Erdbeeren auch hierzulande gedeihen können.
