„Another level“ heißt eine Komposition von Steve Coleman. Sie erschien 1985 auf „Motherland Pulse“, seiner ersten Schallplatte unter eigenem Namen bei dem kleinen deutschen Label JMT. Wer heute das Stück und die gesamte Aufnahme wiederhört, kann verstehen, warum man den Titel damals wörtlich nahm und Coleman als neue Schlüsselfigur der aktuellen Jazzszene sah. Der Altsaxophonist aus Chicago, damals fast schon dreißig Jahre alt, schien auf einem anderen Niveau des Saxophonspiels angekommen zu sein.
Er phrasierte so souverän wie Charlie Parker selig, schlug dabei aber einen so messerscharfen Ton an, als wolle er mit der Machete seines Instruments eine Schneise durch das Gestrüpp der populären Musik seiner Zeit schneiden, um an die Ränder eines neuen musikalischen Morgens vorzudringen. Genauso programmatisch – „On the Edge of Tomorrow“ – hieß gleich seine zweite Einspielung. Und auch hier wirkte das Lob kaum zu hoch gegriffen, wenn von einem neuen Sound des Jazz gesprochen wurde.
Er wollte allein durchkommen
Wer auf der Southside von Chicago aufwächst und rechtzeitig ein Instrument in die Finger bekommt, hat schon einmal eine gute Basis, um musikalisch vorwärts zu kommen. Steve Coleman hat sie früh auf seine Weise genutzt, eben nicht die helfende Hand der „Association for the Advancement of Creative Musicians“ ergriffen, die das Art Ensemble of Chicago hervorgebracht hat. Er wollte allein durchkommen, die vielen Klänge, die ihn in seiner Heimatstadt und später in New York umschwirrten, durch die Windungen seines Blasinstruments jagen und prüfen, ob dabei etwas sein könnte, was zu Eigenem taugt.
Es muss eine harte Askese gewesen sein, der er sich unterzog und die Klänge hervorbrachte, nicht unbedingt für den musikalischen Markt tauglich. Das war freilich auch nicht sein Ziel. Wie Sonny Rollins verlegte Coleman seinen Übungsraum ins Freie, lebte zeitweilig als Straßenmusiker und sah, wie er einmal erzählte, im Park den Bienen zu, um aus ihrem Flug einen brauchbaren Rhythmus für seine Musik zu schöpfen. Herausgekommen ist naturgemäß kein kerzengerader Viervierteltakt, sondern ein polyrhythmischer Impuls, der seither seine komplexe Musik grundiert.
Die Zeit bis zur Reife nutzte Coleman als Mitglied der progressiven Thad Jones/Mel Lewis Bigband und im Zusammenspiel mit Freigeistern wie Cecil Taylor, Sam Rivers, David Murray, auch mit Dave Holland, bis er sein eigenes Kollektiv M-Base zusammenstellte, dem ähnliche Individualisten angehörten, sein Straßenmusikkumpel Graham Haynes auf der Trompete, die Pianistin Geri Allen, die schlafwandlerische Sängerin Cassandra Wilson, die beiden Perkussionisten Marvin Smith und Mark Johnson und immer wieder andere Neutöner.
Die Tür blieb offen für alle, die sich von dem Akronym M-Base nicht abschrecken ließen: „Macro-Basic Array of Structured Extemporation.“ Coleman hat das immer wieder erklärt. Schlau geworden ist niemand daraus. Wohl aber aus seiner brodelnden Musik, die Rap, Hip-Hop, kubanischen Son, Bebop, Free Jazz und mystische Klänge aller möglichen Weltgegenden verbindet und mit einem faszinierenden Groove umgibt. Bis heute. Nun wird Steve Coleman siebzig Jahre alt.
