
Als mich die Nachricht über die Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literatur erreichte, zeichnete der Brief, den ich auf dem Bildschirm las, vor meinen Augen die Landkarte Europas im zwanzigsten Jahrhundert, und sie verwandelte sich in jenes Buch eines österreichischen Autors aus dem Jahr 1906, das andeutete, wie die Zukunft aussehen könnte, indem es die Parabel des Internats benutzt, wo der junge Törleß die grundlegende Erfahrung willkürlicher Macht erlebt und erkennt, dass die Welt ein unvollendeter Ort ist. Dieses Buch, das ich so oft gelesen habe und aus dem ich Passagen auswendig kenne, winkte mir vertraut im Namen von Robert Musil zu, seinem Autor, und in diesem plötzlichen, vielschichtigen Bild verdichtete sich der Respekt, den ich den österreichischen Schriftstellern entgegenbringe, die Teil meines Lebens sind. Es war, als würden sie zu mir sagen: „Wir, die wir aus nächster Nähe wissen, was hier geschehen ist, nehmen dich in diesem Land auf, obwohl du von weither kommst. Wir alle, jeder mit seiner Furcht im Rücken und unterschiedlichen Blumen auf der Brust, sind Europäer.“
Doch wankelmütig, wie ich bin, gesellte sich bald ein anderes, weitaus ansehnlicheres Bild zu diesen dichten Erinnerungen. Es war die Stimme der Königin der Nacht mit ihren höchsten Trillern. Einen Augenblick lang führte ich ein Zwiegespräch mit ihr und versuchte, mit meiner Freude ihren hoheitlichen Zorn zu besänftigen. Und ich dachte an die Musik, die aus Mozarts Händen geströmt war und sich über die ganze Welt ausgebreitet hatte, Anmut, Schönheit und Frieden heraufbeschwörend. Mit solch einer Flut von Bildern nahm ich die Bekanntgabe dieses Preises entgegen.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund, ihn zu feiern. Trotz der Nelkenrevolution von 1974 – einer Befreiungsbewegung, die die Phantasie Europas beflügelte und den Skeptikern zeigte, dass es keinen historischen Determinismus gibt und der Wille der Bevölkerung stärker sein kann als die List der Diktatoren –, trotz dieses wegweisenden Ereignisses hieß es auch Ende der Siebzigerjahre noch, die portugiesischen Schriftsteller trügen nichts zur literarischen Vorstellungswelt Europas bei. Das war ungerecht. Europa wollte uns einfach nicht wahrnehmen. Doch die Achtzigerjahre sollten diese konservative Sichtweise, die uns aus der globalen Erzählung ausschloss, verändern. Denn sobald das Werk von Fernando Pessoa und seinen Masken entdeckt war, sollte es sich der Welt als unübertreffliche poetische Galaxie präsentieren, die jeden, der sich ihr nähert, immer wieder überrascht. Autoren wie Sophia de Mello Breyner und allen voran José Saramago wurden Teil des europäischen Kanons.
Welchen Platz wir in der europäischen Literatur einnehmen
Und die Autoren meiner Generation, die die Diktatur erlebt und den Zerfall des Imperiums verfolgt, wenn nicht sogar aktiv betrieben hatten, hielten Botschaften bereit über ein neues Zusammenleben, das die Bewohner Afrikas und anderer Regionen der Welt in den Beziehungen zwischen Nord und Süd einforderten. Ich gehöre zu dieser Gruppe von Schriftstellern. Dieser Preis gilt auch ihnen. Dennoch ist es berechtigt zu fragen: Welchen Platz nehmen wir in Europa ein?
Europa spricht viele Sprachen. Sprachen der Berge und Sprachen der Ebenen, Sprachen der Wälder und Sprachen der Seen, Sprachen des Schnees und des Eises. Und Sprachen des Meeres. Portugiesisch ist eine Sprache des Meeres. Der portugiesische Schriftsteller Vergílio Ferreira fand dafür ein klares Bild, das zur ontologischen Inschrift unseres Seefahrervolkes wurde: „Von meiner Sprache aus sieht man das Meer.“ So ist es: Unsere Geschichte ist geprägt von Seefahrten über alle Meere, und die portugiesische Diaspora ist das Ergebnis einer Auswanderung, die sich rund um die Erde vollzog. Wir sind geprägt von diesem Konzept der Weite im Gegensatz zur Begrenztheit unseres Festlandgebiets. Ein Paradoxon, das tief in uns verwurzelt ist.
Ich spürte diesen Widerspruch schon als Kind, als der Begriff „Paradoxon“ noch weit davon entfernt war, Teil meines spärlichen Wortschatzes zu sein. Denn im Klassenzimmer wurde die Landkarte ausgebreitet, um zu zeigen, wie groß wir in der Welt waren, wie reich und mächtig – so sehr, dass die Sonne niemals über den Ländern unterging, in denen man Portugiesisch sprach. Mehrere europäische Länder zusammen hätten die Größe der portugiesischen Besitzungen in Afrika und Asien nicht aufwiegen können. Uns Kinder erfüllte das mit Stolz, doch unter den kleinen schiefen Holztischen waren die meisten von uns barfuß. Ich erinnere mich, dass meine Klassenkameraden im Winter mit vor Kälte violetten Zehen ins Klassenzimmer kamen und kaum laufen konnten.
Die afrikanischen Überlebensfabeln meiner Schüler
Eines Tages fragte ich meine Mutter, ob ich die Schuhe meiner Tante Alice, die inzwischen erwachsen war, einem Mädchen namens Zuzete geben dürfe, das so alt wie ich, aber schon größer war. Meine Mutter gab mir die Schuhe und sagte: „Sosehr du dich auch bemühst, du wirst niemals allen Schuhe anziehen können.“ Und so ist es auch. Vielleicht liebe ich Bücher so sehr, weil ich beim Schreiben die Illusion habe, dass es auf den leeren Seiten möglich ist, alle Menschen mit Schuhen zu versorgen.
In Afrika begegnete ich Jahre später ebenfalls vielen barfüßigen Menschen. Doch in Angola und Mosambik war nicht die Kälte das Problem, sondern die Hitze. Meine afrikanischen Schüler kamen aus dem Schilfviertel und trugen ihre Schuhe auf dem Rücken, um sie nicht schmutzig zu machen. Wenn sie sich der asphaltierten Straße näherten, zogen sie sie an, damit kein Teer an ihren Fußsohlen kleben blieb. Ich erinnere mich gut daran. Ihre Aufsätze wiesen viele Rechtschreibfehler auf, doch die Geschichten, die sie aus ihrem Leben erzählten, waren Überlebensfabeln, die eines dritten Buches von Homer würdig gewesen wären. Einmal fehlte ein Junge mehrere Tage lang im Unterricht. Als er zurückkam, erzählte er, er sei in seiner Heimat gewesen, doch die portugiesischen Soldaten hätten das Dorf angegriffen und alle Mitglieder seiner Familie verschwinden lassen.
Damals in Afrika war ich keine Lehrerin, im Stillen war ich eine Spionin. Ich spionierte, um später Bücher zu schreiben, obwohl ich noch nicht ahnte, dass ich das tun würde. Ich sammelte nur einen Blick nach dem anderen, ohne zu wissen, was ich mit dem Angehäuften anfangen sollte. Auf diese Weise lernte ich die Gewalt kriegerischer Macht kennen, die sich immer irgendwann in einen unaufhaltsamen Rausch verwandelt, und erfuhr, wie es ist, wenn sich die Männer darauf vorbereiten zu töten und tot zurückkehren. Ich war damals noch sehr jung, als ich ein für alle Male lernte, dass in jedem Augenblick Krieg ausbrechen kann, und auch, dass es in jedem Augenblick möglich ist, ihn zu verhindern.
Entweder sind wir alle Wilde oder keiner
Zu dieser Zeit ereignete sich ein einschneidendes Ereignis, das Jahre später zu einem Buch führen sollte. In Afrika wohnte ich in einer Offiziersmesse, und einmal verbrachten wir einen späten Nachmittag im Grand Hotel da Beira. Die Offiziere und ihre Frauen hielten sich in der Lobby auf, wo Cocktails serviert wurden. Doch dies sollte kein gewöhnlicher Abend werden, denn in der Zwischenzeit war ein gigantischer Heuschreckenschwarm über die Stadt hergefallen. Eine Plage dieser Größenordnung bedeutete zwar nichts Gutes, doch draußen bot sich ein atemberaubendes Schauspiel – die Heuschreckenwolken waren so dicht, dass sich um die Lampen der Straßenlaternen grüne Lichtkreise gebildet und die Einheimischen Lagerfeuer entzündet hatten, auf denen sie die Heuschrecken rösteten, die sie fangen konnten. Fröhlich tanzend, aßen sie sie im Kreis um die Flammen. Ein Offizier rief seine zu Tisch sitzenden Kameraden herbei: „Kommt und seht euch an, wie die Wilden grüne Heuschrecken fressen! Kommt, kommt!“ Und die Soldaten standen mit vollen Händen auf, denn sie aßen gerade rote Garnelen, und gingen zum Fenster, um über die Wilden zu lachen. Sie lachten und merkten nicht, dass die verzehrten Tiere, Garnelen und Heuschrecken, in etwa dieselbe Form und Größe hatten. Jemand musste ihnen sagen, dass entweder alle von uns Wilde waren oder niemand. Wir waren uns so nah und glichen uns so sehr und hielten uns doch für fern und unterschiedlich. Warum?
Nicht lange danach begab ich mich hochschwanger ins städtische Krankenhaus. Im Hospital Macuti gab es einen Raum für Europäerinnen und eine große Station für Afrikanerinnen. Draußen hatte ein Tropensturm mit Regen und Blitzen eingesetzt, eine regelrechte Sintflut, und es wurde Nacht. Irgendwann schlief die Oberschwester auf dem Flur ein. Als sie aufwachte, war es zu spät; es blieb keine Zeit mehr, mich in das vorgesehene Zimmer zu bringen. In aller Eile schoben sie mich in den Saal der Afrikanerinnen. So brachten wir unsere Kinder Seite an Seite zur Welt, alle zusammen. Als der Himmel sich lichtete, wurden die Neugeborenen nacheinander auf die Brust ihrer Mütter gelegt. Wir waren junge Frauen, Gefährtinnen, Töchter der Erde, Zwillingsschwestern derselben Schöpfung. Nachdem der Sturm mit seinen Blitzen abgezogen war, vermischten sich im Halbdunkel des Krankenzimmers die Schreie unserer Kinder und klangen gleich. Dort drinnen hatte sich Frieden auf uns gesenkt. Währenddessen setzten die Männer im Busch den blutigen Kampf um den Besitz der Kolonie fort. Als ich nach Europa zurückkehrte, war ich mir sicher, dass der Weg in die Zukunft Hand in Hand beschritten werden musste – oder gar nicht.
Die warnende Kraft der Bücher
Und obwohl sich aus meinem Land die Bevölkerung in der jüngeren Vergangenheit in alle Welt verstreute und an den entlegensten Orten das Brot aß, das der Teufel backt, schreibt man sich heute auf die Fahnen, es wäre notwendig, diejenigen zu vertreiben, die von weither kommen, damit es uns gut gehe. Und man spielt mit dem Gedanken, Strafkolonien für Einwanderer zu errichten. Vor mehr als einem Jahrhundert wurden diese Themen bereits in Büchern wie „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, das ich eingangs erwähnt habe, und noch davor in „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad vorweggenommen. Ich komme auf diese beiden Bücher zurück, weil ihre Autoren erkannten, wie sich die Welt um Unanständigkeit herum organisieren könnte – und es auch getan hat. Was nur bedeutet, dass die Literatur eine warnende Kraft besitzt, die ernst genommen werden muss. Auch unsere heutigen Bücher vermitteln uns durch die Geschichten, die wir zu erzählen haben, Vorahnungen und wenden sich gegen die grausame Unvollkommenheit der Welt.
Warum erinnere ich an persönliche Ereignisse, die sich vor fünf Jahrzehnten oder noch länger in Afrika zugetragen haben? Als die Welt noch so anders war? Weil sie nicht vor fünf Jahrzehnten oder noch länger her stattfanden, sondern heute überall und zu jeder Zeit geschehen. Die Umstände sind zwar anders, doch das wesentlich Menschliche spielt sich immer auf dieselbe Weise ab. Wir sind bereits im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, und derzeit wird von einem Moment auf den anderen eine ballistische Rakete auf ein Stadtviertel abgefeuert, Gebäude brennen und stürzen ein, und die Bewohner, die sich retten können, haben wieder alles verloren und stehen völlig mittellos da. Die Staaten streiten untereinander, bombardieren abwechselnd Gebiete in einem Cyber-Spiel, als würden sie mit Feuerwerk herumspaßen, und wieder kommen Kinder unter freiem Himmel zur Welt, ohne eine Schüssel mit heißem Wasser in der Nähe. Ein Konflikt bricht aus, und die Regale leeren sich, die Menschen hungern abermals, trinken faules Wasser und essen schädliches Kraut.
„Ich küsse den Boden Europas“
Die technologische Kultur hat Flexibilität und Schnelligkeit gebracht, aber bisher weder mehr Gerechtigkeit noch mehr Sicherheit noch mehr Frieden noch mehr Demokratie. KI verspricht eine Revolution, die auf dem Weg ist, aber bisher geht sie nicht mit der Bereitschaft einher, die Menschenwürde zu schützen. An die Stelle der Kolonialkriege, die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zum Zusammenbruch alter Imperien wie des belgischen oder des portugiesischen führten, treten nun verhängnisvolle imperiale Kriege. Die Zivilisation hat die Art und Weise verändert, wie Gewalt ausgeübt wird, aber sie hat das Wesen des Menschen nicht verändert.
Deshalb ist Literatur wertvoll. Sie hört nicht auf, die menschliche Erfahrung zu schildern und so der Robotisierung des Handelns entgegenzuwirken. Sie hört nicht auf, die Sprache in ihrer metaphorischen Feinheit einzusetzen und damit der Infantilisierung des Denkens entgegenzuwirken. Sie hört nicht auf, den Schmerz zu beschreiben und damit der Abstumpfung gegenüber Gewalt entgegenzuwirken. Die Literatur hört nicht auf, Mythen zu schaffen, um die Vorstellung zu nähren, dass jenseits der Materie eine Metaphysik existieren könnte.
In diesem surrealen Kampf, der auf uns zukommt, wird die Rolle Europas von Bedeutung sein. Ich küsse den Boden Europas wegen der Sünden der Vergangenheit, in der Hoffnung, dass die Erinnerung daran es uns ermöglicht, den Frieden und die Vision der Schönheit zu bewahren. Deshalb fühle ich mich geehrt, wenn man mir sagt, dass meine Bücher Erzählungen enthalten, die in ihrem bescheidenen Rahmen unseren Traum von der Entwicklung einer Würde für die Kinder unserer Zeitgenossen unterstützen.
Aus dem Portugiesischen von Steven Uhly.
Lídia Jorge, geboren 1946 im portugiesischen Boliqueime, hielt diese Rede am 27. Juli in Wien als Dank für den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Die Stunde der Nelken“ (Secession Verlag).
