Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist auch ein begnadeter Schriftsteller. Nicht, dass er sich am laufenden Band verrückte Geschichten ausdenken würde, nein, er erzählt einfach und ausführlich von sich und seinem Leben, von den Personen, die ihm begegnet sind, und von den Umständen, unter denen dies geschah. Ob und wie viel davon tatsächlich in dieser Weise passiert ist, bleibt freilich offen, lautet seine Devise doch: „Erfinden heißt erinnern.“
Während sich Meyerhoff als Schauspieler immer bemüht, ein anderer zu sein, ist er als Erzähler respektive Autor er selbst. Sagen wir so: Das ist wohl seine liebste Rolle. Und da die Schriftstellerei ein einsames Geschäft ist, tritt er gern mit Lesungen in eigener Sache auf. Und das Publikum, das seine Bücher zu Bestsellern gemacht hat, folgt ihm in Scharen in die Säle, in denen er daraus vorträgt. Warum? Weil man den Autor aus der Nähe und ohne Kostüm und Maske sehen kann? Weil man der Illusion erliegen kann, der Mensch vorne am Tisch im Scheinwerferlicht ist ganz und gar echt und nicht inszeniert? Oder weil man sich dann nicht allein durch manche dicken Bücher arbeiten muss?
Kein Unterschied zwischen dem Erhabenen und Gemeinen
Von all dem wird etwas dabei sein, wenn Meyerhoffs Lesungen vor ausverkauften Häusern stattfinden und die Leute ihm aufmerksam lauschen und begeistert-vergnügt auflachen. Man kann ihn sich bei dem neu erschienenen Hörbuch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gut vorstellen, wie er manchmal amüsiert das Gesicht verzieht, die Lippen schürzt, aus dem Blickkontakt mit dem Auditorium komische Funken schlägt. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt seiner Lesungen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg zwischen Dezember 2015 und Juni 2016. Das entsprechende Buch erschien 2015 und wurde 2026 von Simon Verhoeven als Kinofilm adaptiert.
Es ist der dritte Teil des autofiktionalen Romanzyklus’ „Alle Toten fliegen hoch“ und berichtet von den Münchner Jahren Meyerhoffs, als er bei seinen wohlhabend-bourgeoisen Großeltern wohnte, während er in der Otto-Falckenberg-Schule das Rüstzeug des Schauspielens erlernen wollte. Mit der Ausbildung haderte er, bei den weltfremden, sehr kultivierten und sehr skurrilen Großeltern war er glücklich. Als er sein Studium beendet hat, bleibt er bei ihnen, denn er wird nirgendwo engagiert: „Ich sprach an zwölf Theatern vor, brach jedes Mal euphorisch auf, zeigte meine Rollen, wurde jedes Mal euphorisch abgelehnt, reiste nach München zurück und betrank mich zusammen mit meinen Großeltern.“

Über diese Irrwege und Wechselfälle, über Hoffnung und Verunsicherung weiß er mitunter wirklich lustig zu berichten, ohne zu verschweigen, wie das Alter die generationenübergreifende Idylle verändert, wie Oma und Opa schwächer und wunderlicher werden, ebenso das vertraute Hauspersonal: „Die Putzfrau wurde vergesslich, ließ überall ihr Zeug liegen und vollbrachte sogar einmal das Kunststück, den Staubsauger, ohne ihn auszuschalten, in den Schrank zurückzustellen. Stundenlang saugte er dort verzweifelt vor sich hin, bis mein Großvater sagte: ‚Spinn ich, oder brummt da was?‘“ Den Titel seines Buches hat er sich übrigens bei Goethe geliehen, dessen Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ er in der Schauspielschule auf die Bühne bringen durfte: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle!“
Mit salopper und unendlicher Energie
Meyerhoff unterscheidet weder beim Schreiben noch beim Vorlesen zwischen dem Erhabenen und Gemeinen, wenn es darum geht, eine Situation möglichst plastisch auszumalen. Da ist kein Detail zu gering und keine Wiederholung zu platt. Obsessiv steigert er sich in die Vergangenheit hinein, über die er sich schreibend und nun auch rezitierend die Deutungshoheit gesichert hat. Die Form des Monologs erlaubt es ihm, alle Fäden in der Hand zu behalten und die Geschichten so zu schildern, wie er sie sich zurechtgelegt hat. Er macht das fabelhaft und leidenschaftlich, wenngleich mit etwas monotoner Emphase, was aber erträglich ist, schließlich gibt es häufig kuriose Momente und Formulierungen, wie über den Direktor der Schauspielschule (vermutlich Bernd Wilms), den eine riesige Jazzplatten-Sammlung und seltsame Gesten auszeichnen: „Er war ein Freejazz-Motoriker und bewegte sich wie ein quirliges atonales Saxofonsolo.“
Als Jan Bosse an der Berliner Schaubühne „Eurotrash“ von Christan Kracht als Zwei-Personen-Stück inszenierte, besetzte er die Rolle der Mutter mit der wunderbaren Angela Winkler und die ihres Sohnes mit Joachim Meyerhoff. Es wurde eine großartige Aufführung, in der sich Meyerhoff mit seiner darstellerischen Omnipotenz einen Bravourakt nach dem anderen gönnte und mit aller Kraft durch Krachts erzählerisches Universum tobte. Angela Winkler ihm gegenüber, mehr als zwanzig Jahre älter und eine Theaterkünstlerin von höchsten Graden, sah ihm ruhig zu, wartete ab, bis er sich ausgepowert hatte – und setzte dann souverän auf ihre Ästhetik der Schwerelosigkeit. Wie es hieß, wollten Bosse und Meyerhoff sie unbedingt in dieser Produktion haben – wohl wissend, dass nur starke Partner einander stärken und dass die Unterschiede in der Spielweise die Qualität des Abends steigern würden. Diese Aufgabe kommt bei Joachim Meyerhoffs Lesungen dem Publikum zu: Er braucht es, um zur Höchstform aufzulaufen, gerade wenn er die Texte schon oft vorgetragen hat.
Je länger das Hörbuch dauert, und das sind über elf Stunden, fragt man sich allerdings: Was will uns der Dichter damit sagen? Was ist hier jenseits der autofiktionalen Aufgeblasenheit zu finden? Obwohl Meyerhoff zu betonen pflegt, dass er stets über Dinge schreibt, die einen allgemeinen Charakter haben, ist der in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ kaum zu entdecken. Klar, man hört ihm gern zu, er dampfplaudert mit salopper und unendlicher Energie, doch ist alles hermetisch egoman. Die ausgebreiteten Erfahrungen sind singulär, die Schilderungen ebenso. Das ist natürlich Meyerhoffs gutes Recht und auch sein Erfolg – den Zuhörern jedenfalls scheint es zu gefallen.
Joachim Meyerhoff: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.“ Gelesen vom Autor. Random House Audio, München 2026. 2 MP3-CDs, 720 Min., 24,99 €.
