
Wer Javier Tebas einmal bei seinen regelmäßigen Besuchen der Sport- und Business-Messe in Hamburg erlebt hat, der weiß: Der Mann liebt die Bühne. Im Scheinwerferlicht kommt er meist so zur Geltung, wie er sich am liebsten sieht: als Charismatiker, der zu sehr vielen Dingen des Fußballgeschäfts eine Meinung vertritt und die am liebsten mit kernigen Worten äußert.
Zu seinen bevorzugten Themen zählen die Erschließung neuer Märkte, Fernsehrechte und auch der Internationale Fußballverband (FIFA). Gegen den – oder genauer gesagt gegen dessen Präsidenten Gianni Infantino – hat sich Tebas als Präsident des spanischen Ligaverbands LFP nun in gewohnt deutlicher Manier ausgesprochen. „Der Weltfußball braucht eine neue Führung“, schrieb Tebas in den sozialen Medien, was einer abgeschwächten Wiederholung dessen gleichkam, was er vor einigen Tagen in der italienischen „Gazzetta dello Sport“ forderte. Da sagte Tebas: „Infantino muss weg!“
Keine persönliche Auseinandersetzung
Dass der 64 Jahre alte Spanier gerade jetzt so laut gegen Infantino in Erscheinung tritt, ist kein Zufall. Tebas gilt als Instinktpolitiker, ausgestattet mit einem untrüglichen Gefühl für den Moment. Der war nie günstiger, um den umstrittenen FIFA-Chef nach seinem geplatzten Investorendeal zu Fall zu bringen. Der sei laut Tebas „nur die Spitze des Eisbergs“. Alles, was Infantino zuletzt zu verantworten habe, sei „ohne einen echten Prozess des Dialogs entschieden worden“.
Unter anderem zählte er dazu die Aufhebung der Sperre von Folarin Balogun, die hohen Ticketpreise bei der WM oder die Einführung neuer Formate wie der Klub-Weltmeisterschaft. „Aus all diesen Gründen glaube ich, dass Gianni Infantino nicht weiter an der Spitze der FIFA stehen darf“, schrieb Tebas.
Dessen Interessen im Umgang mit Infantino sind offensichtlich nicht persönlicher Natur. Ihm werden keine Ambitionen bei der Neuordnung der FIFA nachgesagt, auch wenn er das Ende seiner Amtszeit als Spaniens Ligapräsident für 2027 angekündigt hat. Sein Eintreten galt bisher dem kommerziellen Wohle des spanischen Klubfußballs. Den sah Tebas in der Vergangenheit immer wieder durch Infantinos FIFA bedroht.
Seine Positionen polarisieren, seine Vita ebenso
Einer von Infantino präferierten Super League trat Spaniens Ligaboss entschieden entgegen. In ihr vermutete er „das Ende des Klubfußballs, wie wir ihn kennen“. Infantinos zweites Herzensprojekt, die Klub-Weltmeisterschaft, konnte auch Tebas nicht verhindern, seine Ablehnung machte er trotzdem immer wieder deutlich. „Weder terminlich noch wirtschaftlich ist dieses Turnier tragbar“, sagte er und forderte noch während der Premiere im vergangenen Sommer die Abschaffung.
Super League, Klub-WM oder die Aufstockung des Teilnehmerfeldes bei der WM: Tebas nutzte so ziemlich jede Gelegenheit, um sich im Kreise von Infantinos Hauptkritikern zu etablieren. So wie er vor knapp drei Jahren die Gunst der Stunde nutzte, um seinen Intimfeind Luis Rubiales zu attackieren.
Beide Männer hatten sich einen längeren Kampf um die Macht im spanischen Fußball geliefert, ehe Rubiales seinen Posten als Präsident des spanischen Verbandes räumen musste, nachdem er die spanische Fußballerin Jennifer Hermoso gegen deren Willen geküsst hatte. Nach Rubiales’ Rücktritt schoss Tebas verbal gewohnt scharf. „Der Imageschaden für den spanischen Fußball ist gewaltig. Es ist die größte digitale Mediengeschichte der Geschichte. Größer als 9/11. Als er gestern zurücktrat, ging ich schlafen. Die Rufschädigung wird uns sehr teuer zu stehen kommen.“ Sätze wie dieser haben Tebas immer wieder Ärger eingebracht, in Spanien ist er alles andere als unumstritten. Seine Positionen polarisieren, seine Vita sowieso.
Bekennender Unterstützer der nationalistischen Partei Vox
Geboren wurde er als Sohn eines Soldaten und einer Psychologin in Costa Rica. Als er vier Jahre alt war, kehrte die Familie ins nördliche Spanien der späten Franco-Jahre zurück. Erzogen wurde er streng katholisch. Nach dem Tod des Diktators, als sich Spaniens Gesellschaft neu zu ordnen begann, studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Saragossa und trat der Jugendorganisation der Fuerza Nueva bei, einer stark rechtsgerichteten Partei, die von 1976 bis 1982 existierte.
Seine politische Gesinnung hat Tebas nie verheimlicht, im Gegenteil. Er gilt als bekennender Unterstützer der nationalistischen Partei Vox, die er als „wichtige Alternative der politischen Landschaft“ bezeichnet. Im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens drohte er den Vereinen der Region mit dem Ausschluss.
Neben seinem Beruf als Anwalt begann er früh, auf Funktionärsebene im Fußball tätig zu sein. Zuerst in seiner Heimat bei SD Huesca, später wurde er Vizepräsident des Ligaverbands. 2013 wählten ihn die Klubs zum Präsidenten, seitdem hält er sich im Amt und gilt als der Treiber hinter der Professionalisierung des Ligabetriebs. Zu Tebas’ größten Errungenschaften zählt die zentrale Vermarktung der Fernsehrechte.
Spanien stellte bis 2016 die einzige europäische Topliga, die die Vermarktung den Vereinen überließ. Ein extremes Ungleichgewicht zugunsten der Giganten Real Madrid und FC Barcelona war die Folge. Beide Topklubs bekommen nach dem derzeitigen Verteilungsschlüssel immer noch das meiste Geld, aber kleinere Vereine partizipieren deutlich mehr als früher. Allein für den neuen Zyklus von 2027 bis 2032 gelang unter Führung von Tebas ein Erlös von 5,25 Milliarden Euro.
Solche Summen lassen für den Liga-Chef mildernde Umstände gelten, wenn er mit seinen Vermarktungsstrategien etliche Leute gegen sich aufbringt. Einen Infantino-Moment erlebte er im vergangenen Herbst, als sein Plan, ein reguläres Ligaspiel in den USA auszutragen, vom spanischen Verband und der Spielergewerkschaft AFE gestoppt wurde. Damals warf die AFE Tebas vor, eigenmächtig und selbstherrlich zu handeln, und bemängelte fehlende Transparenz. Also die gleichen Kritikpunkte, mit denen Tebas nun Infantino zum Rücktritt bewegen möchte.
