
Der deutsche Student hat es nicht besonders eilig mit dem Studieren. Er bleibt recht lange an seiner Hochschule, wohnt auch gerne noch bei den Eltern und meidet eher das Ausland. Am liebsten aber studiert er in einer aufregenden Großstadt, auch wenn das Leben dort eigentlich viel zu teuer ist. So teuer, dass man ohne Jobben nicht durchkommt. Auch deshalb studiert man dann eben noch länger. Bafög wäre eine billigere Lösung, aber irgendwie ist das viel zu kompliziert mit der Beantragung.
Überhaupt gilt der deutsche Student inzwischen als „zunehmend überfordert“ – von der Masse der angebotenen 23.000 Studiengänge, von den Unklarheiten über die eigenen Interessen, den Herausforderungen der KI und den Erwartungen der Arbeitswelt, die lieber mehr Handwerker hätte als immer mehr sogenannte Akademiker.
Die Hochschulen selbst ächzen unter der Masse der aktuell knapp drei Millionen Studenten in Deutschland und machen sich trotzdem schon Sorgen, woher in Zukunft diese Studenten denn kommen sollen. All das kann man dem neuen Bericht zur „Bildung in Deutschland 2026“ entnehmen. Der Bericht über unsere überforderten Studenten zeigt auch, dass sich in den vergangenen 25 Jahren manche Erwartungen an die deutschen Hochschulen erledigt haben. Andere sind hinzubekommen, können aber mangels belastbarer Daten noch nicht überprüft werden.
Die meisten schließen ein Folgestudium an
Da war vor allem die Erwartung, die Bologna-Reform würde die Studienzeiten verkürzen und den Bachelor zum Standardabschluss machen. Seit rund zehn Jahren liegt die Zahl der Studenten bei rund 2,9 Millionen. Vor zwanzig Jahren war es noch knapp eine Million. Es ist auch die Umstellung auf konsekutive Studienstrukturen – also den Bachelor – gewesen, die zu diesem massiven Anstieg der Studenten geführt habe.
Insbesondere an den Universitäten hat sich der Bachelor nach wie vor nicht als neuer Regelabschluss durchgesetzt. Die meisten Studenten schließen an ihren Bachelor ein Folgestudium an und treten frühestens mit dem Masterabschluss in den Arbeitsmarkt ein. Mit inzwischen fast vierzehn Semestern studieren sie mittlerweile fast ein Semester länger als jene mit dem Diplom oder Magister von früher.
Jobben aus Lifestyle-Gründen
Auffällig ist auch, dass nur noch rund ein Drittel der Studenten ihren Abschluss innerhalb der Regelstudienzeit schafft. Die Gründe seien unklar, so der Bericht, doch „umfangreiche Erwerbstätigkeiten“ der Studenten und deren „veränderte Komposition“ könnten durchaus einen verlängernden Einfluss haben.
Damit ist überraschenderweise nicht gemeint, dass heute mehr Studenten aus sozial schwächeren Familien stammten, die sie nicht unterstützen könnten, weswegen diese dann neben dem Studium arbeiten müssten. Nein, immer mehr Studenten kämen nämlich aus Akademikerfamilien, und die hätten im Vergleich zu ihren Kommilitonen mit den Arbeitereltern in der Regel viel weniger finanziellen Druck, ihr Studium rasch abzuschließen. Man muss es sich sozusagen leisten können, im Studium auch noch arbeiten zu gehen. Wenn nicht aus Not, sondern für den Lifestyle so viel gejobbt wird – wirft das nicht auch ein Licht auf den Streit um die Erhöhung des Bafög?
Akademikerkinder studieren so oder so
Laut dem Bericht beziehen rund 70 Prozent der Studenten auch kein Bafög, obwohl sie eigentlich einen Anspruch darauf hätten! Der Grund? „Mangelnde Informationen“. Kann es wirklich sein, dass die angehenden Akademiker schon an den Tücken eines Bafög-Antrages scheitern?
Laut dem Bericht ist es inzwischen wissenschaftlich hinreichend belegt, dass die Kosten eines Studiums immer noch ein entscheidender Grund dafür seien, dass Abiturienten aus einkommensschwächeren Familien seltener studierten. Auch wenn sie es zur Hochschulreife brächten, entschieden sie sich eher gegen ein Studium. Das habe dann auch nur noch wenig mit den früheren schulischen Leistungsunterschieden zu tun. Vielmehr würden diese „nachschulischen Bildungsentscheidungen“ abhängig von der sozialen Herkunft sehr unterschiedlich getroffen, unter anderem aufgrund von Informationsdefiziten über die Möglichkeiten, die ein Studium bietet.
Man kann es auch so sagen: Akademikerkindern sind ihre zurückliegenden Schulleistungen eher egal, mit dem Abitur in der Tasche studieren sie so oder so. Das ist weniger eine Entscheidung als vielmehr ein familiärer Habitus. Entscheiden, also rechnen, überlegen und leider viel zu oft an sich selbst zweifeln, tun die Arbeiterkinder. Immerhin, und auch das habe die Forschung inzwischen zeigen können, reichten relativ wenig Informationen über die Kosten, Erträge und Erfolgswahrscheinlichkeiten eines Studiums aus, um aus einem skeptischen Arbeiterkind einen entschlossenen Studienanfänger zu machen.
Ein Viertel macht keinen Abschluss
Inzwischen erlangt fast jeder zweite junge Erwachsene die Hochschulreife, im Jahr 2000 war es nur etwas mehr als jeder Dritte. Dennoch lasse sich feststellen, dass die Übergangsquote ins Studium ähnlich wie die Studienberechtigtenquote seit einigen Jahren leicht rückläufig ist. Trotzdem nehmen bis zu neunzig Prozent der erfolgreichen Abiturienten ein Studium auf.
Allerdings verlässt rund ein Viertel von ihnen die Hochschule auch wieder – ohne Abschluss. Über ihren Verbleib weiß man relativ wenig. Abbrecherstudien sind rar, das Interesse der Hochschulen daran ist erstaunlich gering. Sich als Hochschulen mit den Anfängerquoten zu schmücken, ist beeindruckender und für die Mittelvergabe lukrativer.
Dabei wird die Abiturnote immer nebensächlicher – nach jüngsten Zahlen des Centrums für Hochschulentwicklung ist nur noch knapp ein Drittel der Studiengänge an den deutschen Hochschulen zulassungsbeschränkt, mit weiter abnehmender Tendenz. Spitzenreiter unter den Ländern ist hier eindeutig Berlin, wo fast 54 Prozent aller Studiengänge zulassungsbeschränkt sind. Direkt nebenan in Brandenburg sind es dagegen nur siebzehn Prozent – nur in Thüringen liegt dieser Wert noch niedriger. Der überwiegende Teil der Studenten in Deutschland studiert, was und wo er will – und wie lang er will. Nur nicht so gerne im Ausland: Temporäre, also nicht auf einen Abschluss bezogene Auslandsaufenthalte, seien mehr denn je die Ausnahme, so der Bildungsbericht. Der „Trend sinkender Mobilitätsquoten“ setze sich fort.
Laut Bericht fehlt eine koordinierte Strategie
Aktuell weise das Hochschulsystem eine „positive Nettozuwanderung“ auf: Es kommen mehr internationale Studenten nach Deutschland als umgekehrt. Inzwischen würden sieben Prozent aller Bachelor-, 23 Prozent aller Masterabschlüsse und 21 Prozent aller Promotionen in Deutschland von ausländischen Studenten erlangt. Besonders ausgeprägt sei die akademische Zuwanderungsgesellschaft inzwischen bei den Ingenieurswissenschaften, wo bereits jeder dritte Master und jede vierte Promotion von Studenten aus dem Ausland erworben werde. In den Naturwissenschaften, in denen häufig sogar erst die Promotion der Regelabschluss ist, liege der Anteil bei den Promotionen inzwischen schon bei fast einem Drittel.
Die Hochschulen können argumentieren, sie bräuchten jeden Studenten, und die Nationalität ihrer Doktoranden könne ihnen egal sein, solange sie gute Forschung betrieben. Denn der demographische Wandel hat längst auch die Hochschulen erreicht. Die Studiennachfrage stagniert bereits seit mehreren Jahren, und ohne die anhaltend hohe Nachfrage aus dem Ausland hätten insbesondere die Universitäten bereits deutliche Rückgänge zu verzeichnen gehabt, stellt der Bericht fest. Aus einer Steuerungsperspektive sei es eine ungelöste Frage, wie das deutsche Hochschulsystem mit diesen Entwicklungen nachhaltig umgehen könne.
Eine koordinierte, über einzelne Hochschulen und Bundeslandgrenzen hinausgehende Strategie fehle bislang. Was auch fehle, sei eine gesicherte Prognose, wie viele Lehrer dem Bildungssystem künftig zur Verfügung stehen werden. Bundesweit lasse sich die Zahl der Lehramtsstudenten mit den Daten der amtlichen Statistik nicht sicher abbilden. Trotzdem stehe immerhin eines fest: Mit der aktuellen Ausbildungsleistung der Hochschulen könne weder der gegenwärtige noch der in den kommenden Jahren zu erwartende Bedarf an Lehrkräften gedeckt werden.
