
Georg Zimmermann brauchte einen kurzen Moment, um zu realisieren, was ihm da gerade gelungen war. Nach seinem brachialen Sprint saß der Deutsche im Schneidersitz auf dem Asphalt vor der Oper in Frankfurt, ballte die Fäuste, schlug die Hände vors Gesicht. Es wirkte, als könne er es selbst nicht ganz fassen. Doch am Ergebnis gab es nichts mehr zu rütteln: Der Achtundzwanzigjährige hat den Radklassiker Eschborn-Frankfurt gewonnen und damit den größten Sieg seiner Karriere errungen.
„Das ist das Nonplusultra“, sagte Zimmermann am Mikrofon des Hessischen Rundfunks im Ziel darüber, dass er dieses Rennen im Trikot des Deutschen Meisters gewonnen hatte: „Das ist mit das Schönste, nein das Schönste, was ich bisher in meiner Karriere geschafft habe.“
Die 63. Austragung dieses Rennens war spannend bis zum Schluss. Kurz vor dem Ziel wirkte es so, als würde die zwölfköpfige Spitzengruppe, der Zimmermann angehörte, noch eingeholt werden. Doch dann reichte es doch noch ganz knapp für die Ausreißer, die sich bei der letzten Überfahrt des Mammolshainer Bergs abgesetzt hatten. „Ich dachte für einen Augenblick, dass ich mich ein bisschen verpokert habe“, sagte Zimmermann mit Blick darauf, dass er sich vor dem Finale am Ende der Gruppe aufgehalten hatte. „Aber ich konnte mich da noch durchmogeln und hab alles auf die Pedale geworfen, was noch in den Beinen war.“ So zog er mit einem langen Antritt doch noch an allen vorbei.
„Klassiker für starke Allrounder“
Neue Strecke, neuer Sieger: Der Radklassiker Eschborn-Frankfurt ist so abwechslungsreich wie kaum ein anderes Rennen. Sechs verschiedene Gewinner gab es in den vergangenen sechs Jahren. Zweiter wurde auf der in diesem Jahr modifizierten und noch mal schwieriger gestalteten Route von Eschborn durch den Taunus nach Frankfurt der Brite Tom Pidcock vor seinem Landsmann Ben Tulett.
Damit schien sich auf den ersten Blick eine vor dem Start weit verbreitete Annahme zu bestätigen: Einer der ganz schnellen Jungs würde dieses Rennen nicht mehr gewinnen können, hieß es. Die verschärfte Strecke sorgt dafür, dass inzwischen vermehrt andere Fahrertypen am Start stehen. Im vergangenen Jahr war mit Jasper Philipsen noch einer der besten Sprinter seiner Generation am Start. Diesmal ließen sich von den Jungs mit den dicken Oberschenkeln weniger blicken als in den Vorjahren. Fabio Jakobsen und Tobias Lund Andresen waren gekommen, auch Danny van Poppel und Pascal Ackermann fuhren mit. Doch das war es dann auch schon fast. Dass die Schnellsten unter den Schnellen womöglich doch nicht ganz chancenlos sind, zeigte sich dadurch, dass Andresen als Dreizehntem am Ende nicht viel für den Sieg fehlte.
„Eschborn-Frankfurt entwickelt sich wieder mehr zu einem Klassiker für starke Allrounder, ohne den Charakter des Rennens zu verlieren“, sagt der Sportliche Leiter Fabian Wegmann. „Wir haben die Strecke in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt anspruchsvoller gemacht und ich glaube, dass wir jetzt ein sehr spannendes Profil gefunden haben.“ Wegmann und seine Mitstreiter wollen mehr Fahrer von den Ardennen-Klassikern anlocken. Wie gut das funktioniert, wird sich im kommenden Jahr zeigen, wenn sich womöglich noch mehr herumgesprochen hat, wie schwer sich dieses Rennen in Zukunft womöglich machen lässt. „Die Verschärfungen waren nicht so entscheidend heute, weil wir recht gemächlich losgefahren sind“, erklärte Zimmermann im Ziel. Die Organisatoren können nur die Strecke planen. Die Teams entscheiden, wie das Rennen gefahren wird.
Das geht diesmal um kurz vor zwölf Uhr in Eschborn los. 211 Kilometer mit rund 3300 Höhenmetern haben die Fahrer da noch zu bewältigen. Und Jonas Rutsch macht das, was er gerne macht: Der Mann aus Erbach im Odenwald sucht die Flucht nach vorn, sichert sich an den Anstiegen immer wieder Punkte für die Bergwertung. Das Rennen ist auch für ihn inzwischen zu schwierig geworden, um auf den Sieg zu schielen. „Mit 80 Kilo bist du hier im Nachteil“, sagt Rutsch, der versucht, sich das Bergtrikot zu sichern. Das honoriert die Menge. Am Mammolshainer Berg stehen die Menschen mehrere hundert Meter lang in Dreier-, Vierer- oder gar Fünferreihen. Der Zuspruch ist groß. Und bei der letzten Überfahrt des neu integrierten Burgwegs sichert sich Rutsch dann auch den Titels des Bergkönigs.
Zwischenzeitlich hat die Ausreißergruppe mal mehr als sieben Minuten Vorsprung, weil das Feld hinten bummelt. Doch etwas mehr als 100 Kilometer vor dem Ziel drückt das Peloton aufs Tempo. Der Rückstand schwindet rapide. Bei der zweiten Feldberg-Überfahrt werden einige Fahrer abgehängt. Auch John Degenkolb hat Probleme. Vorne wird das Tempo noch mal erhöht. Der starke Tim Wellens vom Team UAE Emirates-XRG macht sich mit zwei Mitstreitern auf nach vorn. Etwas weniger als 70 Kilometer vorm Ziel sind Rutsch und seine noch übrig gebliebenen Kollegen eingeholt, kurz darauf dann abgehängt. Doch auch Wellens wird bei der letzten Überfahrt des Mammolshainer Bergs eingeholt.
Nach der Kuppe setzt sich eine kleine Gruppe ab, in der neben dem favorisierten Pidcock auch die Deutschen Zimmermann, Felix Engelhardt und Florian Stork sind. Von hinten rast das Feld heran. Doch es kommt minimal zu spät. Zimmermann ist da längst auf der Überholspur.
