Weiterhin Verbrenner fahren oder doch auf das Elektroauto umsteigen? Da hat wohl jeder eine Meinung, schließlich gibt es auf beiden Seiten handfeste Argumente. Hier die größere Reichweite, dort das lokal emissionsfreie Fahren und der Komfort.
Hier oftmals noch günstigere Einstiegspreise und schnelles Nachtanken, dort niedrigere Betriebskosten. Am Ende geht es um Gewohnheit gegen Aufbruch. Und für diesen kommen auch in diesem Jahr neue Elektromodelle auf den Markt.
Bunt wie ein Frühlingsstrauß, den Kofferraum voller Hoffnung, Erfolg versprechend. Bloß nicht müde werden, predigen sie in den heiligen Herstellerhallen. Irgendwann habe bestimmt jeder ein Einsehen und kaufe ein Elektroauto. Man müsse nur durchhalten. In der Tat, die gesalzenen Kraftstoffpreise liefern den besten Grund, neue Modelle wecken zudem Appetit.

Den Kunden dürfte indes die neu beschlossene Förderung süß schmecken, immerhin winken wohl bald bis zu 6000 Euro. Geht es ums Verkaufen von Elektroautos könnte die Ausgangssituation für die Branche weitaus schlimmer sein. Also Kopf aus dem Sand, weitermachen. Wird schon.
Selbstbewusst tritt BYD auf, das Viermeterwägelchen Dolphin Surf nimmt den europäischen Massenmarkt ins Visier. Es kostet abzüglich herstellereigenem Bonus und Förderung knapp 13.000 Euro. Da kommt uns die alte Werbung eines Elektronikfachmarkts in den Sinn: Ich bin doch nicht blöd.

Für all jene, die zu Hause oder zumindest in Reichweite einer Ladesäule parken können, wird so ein Stadtwagen zur Option. Und wir freuen uns schon auf eine Rückkehr. Smart, mit den größeren Modellen auf geschmacklichen Abwegen, will den knuddeligen Zweisitzer als #2 mit Chinagenen zurückbringen.
Stecker rein, glücklich sein? Mehr denn je. Elektroautos werden besser, technisch ausgefeilter und zunehmend filmreif inszeniert. Es geht um Auto Emoción, frei nach Seats einstigem Markenslogan. Apropos: Die Tapas fallen bekanntlich nicht weit vom Tresen. Besonders Cupra sucht die Nähe zu Musik und Kultur, inszeniert neue Modelle wie den Cupra Raval nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern als Teil eines urbanen Lebensgefühls.
Mehrwert, mehr Aufmerksamkeit
Marketing wird zur Bühne, das Auto zum Requisit einer ganzen Show. Ein Star wie Kim Petras, vor allem jüngerem Publikum bekannt, fuhr kurzerhand mit dem neuen Stromspanier in Berlin vor. Die bei Cupra sind eben auch nicht blöd, geht es ja auch um die Käufer von morgen.

Interessant ist dabei der Blick auf die Designs der Hersteller. Manch einer überzeichnet seine Fahrzeuge mit purer Absicht. Renault denkt derweil lieber über alte Zeiten nach und belebt geschichtsträchtige Modelle wie den 5, den 4 und unlängst auch den Twingo. Manch einen mit Baguettehalter, alle aber defibrilliert mit Starkstrom. Andere wählen einen nüchterneren Ansatz.
Volkswagen verabschiedet sich vom austauschbaren Weltdesign vergangener Jahre und besinnt sich auf schlichte Linien und klassische Tugenden. Was der eine als sachlich empfindet, nennt der andere bieder. Doch gerade diese Zurückhaltung hat in der Vergangenheit viele Erfolgsmodelle hervorgebracht, etwa den Golf oder den Passat. Modelle wie der bald auf den Markt kommende Volkswagen ID Cross und ID Polo könnten sich den Namen Volkswagen wieder redlich verdienen, sofern Preis und Alltagstauglichkeit stimmen.

Opel bleibt beim jüngst modellgepflegten Astra Electric, gar günstiger als der Plug-in-Hybrid, betont sachlich. Mercedes-Benz wiederum zeigt bald mit der neuen C-Klasse EQ und dessen SUV-Derivat GLC EQ, wie nah Elektro- und Verbrennervarianten inzwischen optisch beieinanderliegen. BMW setzt dahin gehend mit seiner Neuen Klasse mehr auf Tamtam, wo Form und Auftritt mitunter bewusst den großen Aufschlag suchen.
Sportwagen mit Strom elektrisieren noch nicht
Parallel dazu entstehen elektrische Visionen, die kaum noch an frühere Konventionen erinnern. Audi zeigt mit dem Concept TT die Zukunft eines energiegeladenen Roadsters so betörend, wir hätten ihn schon jetzt gern in der Redaktionstiefgarage stehen. Bitte bald bauen. Sowieso legen wir unser Wort ein. Für Fahrzeuge, die Augen und Herz berühren, ganz gleich mit welchem Antrieb.

Auch für die unerreichbare Welt der Fortbewegung, jene Sphäre, in der Automobilbau zum blechgewordenen Traum wird. Bei Rolls-Royce entsteht mit dem Project Nightingale ein strombetriebenes Fahrzeug, das eher einem fahrenden Kunstwerk gleicht. Auf 100 Exemplare limitiert, fast sechs Meter lang, wird jedes einzelne Exemplar in Goodwood in aufwendiger Handarbeit nach den Wünschen seiner künftigen Besitzer gefertigt.
Wer sich für ein solches Automobil interessiert, erhält eine Einladung. Das sogenannte Coachbuild-Programm von Rolls-Royce versteht sich als exklusiver Zirkel für besonders zahlungskräftige Kunden, denen Millionenbeträge für ein Automobil nicht der Rede Wert sind. Das breite Volk profitiert indes von technischem Fortschritt.

Schnellladetechnik mit 800-Volt-Architektur hält zunehmend Einzug in die Mittelklasse. Wird auch Zeit, Hyundais Ioniq 5 macht es hierzulande schon lange vor. Fahrzeuge werden immer mehr zu mobilen Energiespeichern, können Strom aufnehmen und wieder abgeben, an E-Bikes etwa. Wer ein entsprechend ausgerüstetes Eigenheim besitzt, könnte künftig das Auto als Teil der eigenen Energieversorgung begreifen.
Auch in praktischen Fragen holen die Stromer auf. Mehr Stauraum durch kompaktere Bauteile und wachsende Anhängelasten gehen mit einer gesteigerten Alltagstauglichkeit einher, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Modelle wie der BMW iX3 von BMW oder der Audi Q6 e-tron zeigen, dass inzwischen Zuglasten von zwei bis zweieinhalb Tonnen problemlos möglich sind, sofern es nicht um weite Strecken auf der Autobahn geht. So rückt das Elektroauto näher an jene Rolle heran, die lange Zeit dem klassischen Verbrenner vorbehalten war.

Gleichwohl bleibt die Elektrifizierung von Nischen ein schwieriges Unterfangen, so zeigt sich im Segment der Supersportwagen eine gewisse Zurückhaltung. Der elektrische Hypersportler Rimac Nevera des kroatischen Herstellers Rimac Automobili bleibt bislang hinter den Erwartungen zurück.
Lamborghini hat dem Projekt Lanzador kurzerhand den Stecker gezogen. Selbst Porsche beobachtet die Nachfrage nach Elektromodellen wie dem Porsche Cayenne Electric mit nüchterner Aufmerksamkeit. Währenddessen sitzen die Jungs und Mädels in Maranello am Gebetstisch und erhoffen sich einen erhellenden Moment. Dort bereitet man nämlich gerade einen ersten Elektrosportwagen vor, den Luce. Was übersetzt Licht bedeutet.
Viele glauben zu wissen, wohin die Reise geht. In Richtung Elektromobilität, zweifellos. Am Ende entscheidet wie so oft nicht die Ideologie, sondern der Nutzen. Wenn ein Produkt überzeugt, wenn es Komfort bringt, Emotion weckt oder schlicht Kosten spart, braucht es keine künstliche Anschubhilfe. Dann findet es seinen Weg ganz von selbst zu den Menschen. Oder andersherum.
Vielleicht wird das Elektroauto eines Tages so selbstverständlich sein wie das E-Bike, das mancherorts belächelt wurde und dann doch seinen Weg in fast jede Garage gefunden hat. Die Aussichten sind vielversprechend, erst recht mit der neuen Generation Elektroautos.
Z-U-K-U-N-F-T
❶ Z wie Zu cool für diese Welt. Rockiger Cupra Raval aus Barcelona.
❷ U wie Ufo im Anflug. Audi Concept C für neuen Vorsprung.
❸ K wie Kombi mit Kilowatt. Opels Astra lädt sogar ein Fahrrad.
❹ U wie Unsichtbar. Vorhang auf. BMW fährt die Neue Klasse vor.
❺ N wie Nutzwert im Glitzerkleid. Der Mercedes GLC findet Anhänger.
❻ F wie Frechdachs für Fröhliche. Renault Twingo mit alten Tugenden.
❼ T wie Traum schlafloser Nächte. Fast 6 Meter Rolls Royce Nightingale.
