Die Menschen in Iran gehen im Moment durch die Hölle. Sie befinden sind in einem Kommunikationsblackout, gehen sie vor die Haustüre, müssen sie sich vor radikalisierten bewaffneten Regimeanhängern, auch aus dem Irak und Afghanistan rekrutiert, auf den Straßen fürchten, und zusätzlich sind die wirtschaftlichen Folgen des Krieges gravierend und werden das Land noch über Jahre hinaus belasten.
Seit bald 60 Tagen leben sie in einem Kommunikations- und Informationsblackout. 10 Mio. Toman kostet eine VPN, eine verschlüsselte Verbindung zu einem Server im Ausland, das sind umgerechnet 65 Euro, für europäische Verhältnisse leistbar, um eine Kommunikationssperre zu umgehen, doch das Durchschnittsgehalt eines Iraners mit Studienabschluss liegt bei 30 Millionen Toman, das sind umgerechnet 180 Euro.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Mehr als 5000 Fabriken und Unternehmen wurden zerstört oder schwer beschädigt. Darunter Schlüsselindustrien wie das staatliche Stahlwerk Foolad Mobarakeh oder große petrochemische Anlagen. Ganze Produktionsketten sind damit zusammengebrochen und mit ihnen die Existenzgrundlage von Millionen Menschen. Schätzungen zufolge haben rund zwei Millionen Menschen ihre Arbeit verloren: teils, weil ihre Betriebe zerstört wurden, teils, weil durch die massiven Internetblockaden ihre Geschäfte zum Erliegen kamen. Die digitale Wirtschaft ist besonders hart getroffen. Laut dem Vertreter der Industriekammer Afshin Kalahi verursacht die Einschränkung des Internets täglich Verluste von rund 80 Millionen Dollar. Auch die Energie- und Exportwirtschaft steht unter Druck. Die Petrochemie, eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes, hat Exportstopps angekündigt, nachdem rund 70 Prozent der Anlagen beschädigt wurden.
Die Banken geraten ins Wanken
Der Wiederaufbau dürfte Jahre dauern und Milliarden verschlingen. Gleichzeitig geraten die Banken zunehmend ins Wanken. Aufgrund ausbleibender Rückzahlungen und nicht bedienter Kredite, verursacht durch die Kriegsfolgen, steht das Finanzsystem laut Parlamentskreisen kurz vor einer Insolvenzkrise. Ein Kontakt aus Teheran schreibt, über einen dieser teuren VPN-Tunnel: „Was ich aktuell in der Gesellschaft sehe: Die Menschen sind komplett orientierungslos. Einige hatten vielleicht kleine Ersparnisse, die gehen jetzt langsam zur Neige. Viele wissen nicht, was sie tun sollen. Die meisten Jobs sind verschwunden.“
Der Krieg hat Irans Fähigkeiten geschwächt, doch das Ego des Regimes, obwohl es stark angeschlagen ist, wurde geboostet – schließlich existiert es noch. Vielleicht sieht es gar nicht so schlecht aus für einen Erfolg für die iranischen Verhandlungsführer in Islamabad – man kann schließlich leicht pokern, wenn einem die Konsequenzen für die eigene Bevölkerung egal sind. Das Dilemma ist, wird es ein Abkommen geben, das dem Regime sein Überleben schenkt, wird sich über kurz oder lang alles wiederholen, und bis dahin wird die iranische Bevölkerung unter diesem Regime weiter durch die Hölle gehen. Wird es kein Abkommen geben, wird der Krieg weitergehen, das Land wird weiter zerstört werden, und auch das wird für die Bevölkerung zum Albtraum werden. Wird es einen Aufschub der Verhandlungen geben, wird sich der ungewisse Zustand für alle Beteiligten verlängern, was auch keine Entspannung bringt.
Das größte Dilemma ist jedoch, dass die Lage so prekär ist, dass im Westen mittlerweile nur noch über die hohen Spritpreise, den Kerosinmangel und knapper werdende Düngemittel berichtet wird. In Vergessenheit geraten sind die Schlagzeilen darüber, dass das Regime Zehntausende im Januar auf den Straßen niedermetzelte und die Justiz fast täglich mitteilt, dass Menschen hingerichtet werden. Aber diese Schlagzeilen interessieren kaum einen.
Die absurde Idee eines Regime-Change mit historisch positiven Auswirkungen auf die Region scheint eine heikle Idee gewesen zu sein. Auch deshalb feiert sich das Regime in Teheran. Das ist das Dilemma.
Von Natalie Amiri ist aktuell das Buch „Der Nahost-Komplex – Von Menschen, Träumen und Zerstörung“ erschienen (Penguin, 416 Seiten, 20 Euro). Der Text ist ein Auszug aus ihrer Dankesrede zum Preis der Hamburger Initiative für Menschenrechte, der der ARD-Journalistin diese Woche verliehen wurde.
