Donald Trump und seine Ehefrau Melania sind gerade im Gespräch, als der Lärm im Ballsaal des Washingtoner Hilton-Hotels zunimmt. Es klingt, als schepperten Teller. Die Blicke richten sich auf den Ausgang des Raumes, es gibt einen Moment des Zögerns, dann geht alles ganz schnell. Beamte des Secret Service sind zu Trump getreten, Melania ist schon unter dem Tisch verschwunden.
Der amerikanische Präsident wird aus dem Raum gebracht. Was Donald Trumps erster Auftritt beim traditionellen jährlichen Pressedinner der „White House Correspondents’ Association“ werden sollte, endet am Samstagabend damit, dass der Präsident, die First Lady und mehrere Kabinettsmitglieder in Sicherheit gebracht werden müssen.
Minutenlang herrscht Chaos. Auch die Hunderten Gäste haben sich unter die Tische geduckt, der Handyempfang ist schlecht, Augenzeugen berichten von einem Angreifer und Schüssen. Vizepräsident J.D. Vance ist vorsichtshalber an einen anderen Ort gebracht worden als Trump – er wäre sein Nachfolger, stieße dem Präsidenten etwas zu. Eine halbe Stunde später dann meldet Trump sich auf seiner Plattform Truth Social zu Wort: Der Schütze sei in Gewahrsam. Der Secret Service und die Strafverfolgungsbehörden hätten fantastische Arbeit geleistet.

Trump spricht im Weißen Haus
Wiederum eine halbe Stunde später ist klar, dass die Veranstaltung vorbei ist. Der Präsident wäre nach eigener Aussage trotz des Vorfalls gern ans Mikrofon getreten, um seine geplante Rede vor den versammelten Journalisten und Politikern zu halten. Auf seiner Plattform schrieb er: „Lasst die Show weitergehen.“ Doch die Sicherheitsbehörden lehnen das ab, das Hotel ist nun schließlich ein Tatort. Stattdessen meldet Trump sich um halb elf abends mit einer Ansprache aus dem Briefing Room des Weißen Hauses.
Trump gibt am Pult die ersten Informationen über den mutmaßlichen Täter bekannt: Es handele sich um einen 31 Jahre alten Mann aus Kalifornien, der mehrere Waffen bei sich getragen habe, eine „sehr kranke Person“. Er, Trump, habe aus Transparenzgründen zwei Fotos des Täters und ein Video des Tathergangs auf seiner Plattform veröffentlicht. Die Bilder zeigen einen jungen Mann mit braunen Locken, nacktem Oberkörper und auf dem Rücken gefesselten Händen, der auf dem Boden liegt.

Viel Lob für den Secret Service
Der Präsident gibt sich in seiner Ansprache an diesem Abend ungewohnt versöhnlich gegenüber den Journalisten, die sich im Presseraum versammelt haben. Die meisten tragen Abendkleider und Tuxedos, sind aus dem Ballsaal direkt ins Weiße Haus gefahren. Trump sagt, es habe sich eine „rekordverdächtige Menge“ mit „unglaublich viel Liebe“ in dem Saal befunden. Angesichts des Vorfalls rufe er alle Amerikaner noch einmal dazu auf, „Differenzen friedlich beizulegen“.
Die Sicherheitsbehörden hätten allerdings großartige Arbeit geleistet, so Trump. Ein Beamter sei angeschossen worden, wegen seiner kugelsicheren Weste aber in guter Verfassung. Trump nutzt den Vorfall, um abermals Werbung für den im Bau befindlichen Ballsaal des Weißen Hauses zu machen: Man brauche dieser Tage Sicherheitsvorkehrungen „wie sie noch niemand gesehen hat“.

Das Pressedinner soll nach dem Willen des Präsidenten in den nächsten 30 Tagen nachgeholt werden. Im Weißen Haus hebt er hervor, er habe für die Fortsetzung der Veranstaltung gekämpft, weil er diesen „schrecklichen Leuten“ keinen Erfolg gönne. Man werde nicht zulassen, dass die amerikanische Gesellschaft von solchen Taten beeinflusst werde.
Erinnerungen an das Attentat von Butler
Das Ganze erinnerte an das Attentat von Butler. Im Juli 2024, mitten im Präsidentschaftswahlkampf, hatte ein Schütze auf einer Open-Air-Kundgebung im Bundesstaat Pennsylvania von einem Dach aus auf Trump geschossen und ihn am Ohr verletzt. Trump wurde seinerzeit vom Secret Service auf den Boden der Bühne gedrückt und abgeschirmt. Der Schütze wurde erschossen. Als der Personenschutz den Präsidenten in Sicherheit bringen wollte, riss sich Trump aus seiner Umklammerung, reckte die Faust in den Himmel und rief seinen Anhängern zu: „Fight! Fight! Fight!“. Die Menge skandierte daraufhin „USA, USA“-Rufe.
Später im Wahlkampf wurde Trumps Kampf-Parole zum Schlachtruf der MAGA-Bewegung. Trump und seine Leute machten die Rhetorik der Demokraten für die politische Gewalt verantwortlich. Ein Bild der Szene, auf der Trump die Faust in den Himmel streckt, hängt heute im Weißen Haus.
Am Samstagabend verzichtete er zunächst auf Schuldzuweisungen. Im Weißen Haus erwähnte er in einer verbindenden Botschaft sogar, dass Konservative, Demokraten, Unabhängige und Journalisten gemeinsam im Ballsaal gewesen seien – auf einer Veranstaltung, in der es um Meinungs- und Pressefreiheit gegangen sei. Es sei schön gewesen, einen Raum zu sehen, in dem die Leute so geeint gewesen seien, sagte er. Auch lobte er die Presse explizit, verantwortlich mit der Situation umgegangen zu sein. Trumps Rhetorik kann sich – sechs Monate vor der Kongresswahl – freilich jederzeit ändern. Das hat die jüngste Vergangenheit gezeigt.
Auch Erika Kirk war unter den Gästen
Nach dem gescheiterten Attentat von Butler kam es zu weiteren Fällen von politischer Gewalt. Mitte September 2024, weniger als zwei Monate vor der Wahl, versuchte ein Mann Trump beim Golfen in West Palm Beach zu erschießen. Er wurde aber vorher vom Secret Service entdeckt. Der Täter floh zunächst, wurde aber kurz darauf gefasst. Inzwischen ist er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.
Ein Jahr später traf es einen wichtigen Unterstützer Trumps: Charlie Kirk, ein rechter Aktivist, der mit seiner Organisation „Turning Point USA“ erfolgreich die Jugend für rechtskonservatives Gedankengut mobilisierte, wurde auf einer Veranstaltung auf dem Campus einer Universität in Utah tödlich von einem Schuss in den Hals getroffen.
Der mutmaßliche Täter, dem derzeit der Prozess gemacht wird, befand sich in einer Beziehung mit einer Transperson. Er soll sich auch durch die Positionen Kirks und der MAGA-Bewegung in Transgender-Fragen radikalisiert haben. Trump und Vizepräsident J.D. Vance schworen danach, gegen „Linksradikale“ vorzugehen, deren Rhetorik zu politischer Gewalt anstachele. Politische Gewalt gegen Demokraten ließen sie dabei unerwähnt.
Am Samstagabend befand sich auch Erika Kirk, die Witwe des Getöteten, unter den Gästen des Ballsaals. Der Sender CNN berichtete, sie habe geweint, nachdem der Secret Service Trump und die anderen in Sicherheit gebracht hatten.
Obschon Trump im Weißen Haus zunächst darauf verzichtete, den politischen Gegner anzugreifen, und darauf verwies, man wisse schon bald mehr über den mutmaßlichen Täter, machte doch den Punkt, dass er Ziel politischer Gewalt sei, weil er Großes für sein Land bewirke. Es treffe immer große Präsidenten wie Abraham Lincoln. „Sie nehmen Leute ins Visier, die die größten Dinge bewirken.“ Er wisse nicht, ob die Tat mit dem Irankrieg zusammenhänge, sagt der Präsident. Dann verwies er darauf, dass der Dow Jones Rekorde erzielt hätte, bevor er gezwungen gewesen sei, die Exkursion am Golf vorzunehmen.
