Wer hat bloß die Unsitte eingeführt, zwischen den Sätzen einer Symphonie oder eines Konzerts nicht mehr zu klatschen? Das war zu Zeiten von Beethoven und Brahms noch vollkommen üblich! Historisch informierte Applauspraxis – das gehört sich so. Und das Publikum des Kissinger Sommers weiß, was sich gehört. Im Max-Littmann-Saal des Prinzregentenbaus klatscht es einfach nach dem ersten Satz von Ludwig van Beethovens Violinkonzert. Wie auch sollte man von dieser wehrbereiten Grazie, dem fein durchartikulierten, biegsamen Spiel, zu dem Iván Fischer sein Budapest Festival Orchestra anhält, vor allem aber von der Geigerin Julia Fischer, die in jeder Entscheidung sicher ist, aber nie auftrumpft, nicht so sehr mitgerissen sein, dass man einfach klatschen muss?
Der spontane Applaus ist ein Zeichen von Empfänglichkeit, von gemeinschaftlichem Empfinden, von Kenntnis. Es zeigt sich bei Julia Fischers Zugabe erneut. Mitten hinein in Niccolò Paganinis Caprice Nr. 24 a-Moll klatscht das Publikum wie nach einer gelungenen Improvisation im Jazz. Es ist jene Variation, in der Paganini ein Pizzikato der linken Hand bei gleichzeitigem Bogen-Stakkato verlangt: kitzlige Akrobatik, ein Salto unter der Kuppel des Zirkuszelts. Fischer spielt das mit tollkühnem Vergnügen. Und als das Publikum sie durch Applaus unterbricht, lacht sie in den Saal. In solchen Rückkopplungen zeigt sich Verständnis, wird Kunstsinn lebendig.

Alexander Steinbeis, im vierten Jahr Intendant des Kissinger Sommers, lockt sein Publikum mit Exzellenz und Opulenz, mit Anne-Sophie Mutter und Rudolf Buchbinder, mit Simon Rattle und mit Cecilia Bartoli, die vom 16. bis 18. Juli der diesjährigen Saison ein barockes Finale bescheren wird. Der Kissinger Sommer, 1986 erstmals veranstaltet, wird vierzig Jahre alt und gratuliert sich selbst mit dem Motto „Mazel tov“, also „Herzlichen Glückwunsch“ auf Hebräisch. An die jüdische Geschichte des Ortes soll damit erinnert werden, und man erfährt am meisten darüber, wenn man eine der Führungen durch das unterfränkische Städtchen mitmacht, die das Festival anbietet.
Victoria May erzählt uns von den „Schutzjuden“ des Mittelalters, die im innerstädtischen Ghetto auf dem Gelände der späteren Brauerei Mahler (heute ein Parkplatz) und in der Alten Judengasse (heute Grabengasse) gesiedelt hatten, meist als Schlachter, Bäcker oder Garküchenbetreiber arbeiteten, bis sie dann im späten neunzehnten Jahrhundert als Hoteliers, Badeärzte, Goldschmiede, Bankiers und Geschäftsleute auch zur besseren Gesellschaft des Weltbads Kissingen zwischen Kaiserin Sissi und Reichskanzler Otto von Bismarck gehörten.
In seiner schlecht informierten Rede zum Jubiläum der Reichsgründung 1870/71 hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor sechs Jahren behauptet, dass die Juden gleich den Sozialdemokraten zu Reichsfeinden erklärt und verfolgt worden seien. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Reichseinigung wurden die Juden in Deutschland erstmals zu Bürgern gleichen Rechts. Gerade deshalb identifizierten sich die wirtschaftlich wie gesellschaftlich erfolgreichen von ihnen so stark mit dem Kaiserreich. Victoria May berichtet vom Schicksal der Stadträte Nathan Bretzfelder und Otto Goldstein, die zu den angesehensten Persönlichkeiten Bad Kissingens gehört hatten, bis sie mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 von einem Tag auf den anderen aus dem Stadtrat ausgeschlossen wurden.
„Sie waren Konservative. Sie waren nationalpatriotisch gesonnen“, erzählt May. Goldstein habe sich aus Entsetzen über diesen Ansehensverlust am 23. August 1933 das Leben genommen und zuvor ein Abschiedsgedicht geschrieben. Es greift in seiner Anfangszeile Heinrich Heines Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ von 1834 nochmals auf: „Ich hatte einst ein teures Vaterland“. Goldstein beweint darin ein Reich, dem er nicht mehr angehören darf, und schließt: „Trotzdem liebe ich mein Vaterland, die Farben Schwarz, Weiß, Rot“. Die Farben des deutschen Juden Goldstein waren nicht die Farben der Republik.

Wenn der hinreißende, tief sympathische Klarinettist David Orlowsky mit dem Streicherensemble Chaarts dann im Garten des Grand Hotels Kaiserhof Victoria „The Soul of Klezmer“ beschwört, dann spielt er die Hochzeitsmusiken genau jener chassidischen Juden aus Galizien, Wolhynien und Litauen, gegen deren Zuwanderung sich die arrivierte Oberschicht der Juden in Deutschland wehrte. Juden und Juden waren damals nicht gleich. Und die Juden, die es im Kaiserreich zu etwas gebracht hatten, verfolgten nicht selten eine Migrationspolitik, die die armen „Kaftanjuden“ aus den Schtetl nicht im Stadtbild haben wollte. Über diese historische Dissonanz im Programm des Kissinger Sommers, und das ist rührend, tanzt das Publikum im Garten des monarchisch geprägten Grand Hotels zu Orlowskys Spiel selbstvergessen-glücklich hinweg.
Selig ist das Publikum auch beim Spiel der Geigerin Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Barock Solisten. Und man fragt sich, warum? Ist es die Erinnerung der mehrheitlich Siebzig- bis Neunzigjährigen an den Glanz der Karajan-Ära, die Tradition weniger belebt als vergoldet hatte? Mutter holt sich für Wolfgang Amadé Mozarts Violinkonzerte in B-Dur und A-Dur mit den Barock Solisten, die den Berliner Philharmonikern eng verbunden sind, Partner der Diskretion an die Seite; Partner der Vor- und Rücksicht; Partner, die sich unterordnen, damit sie strahlen kann; Partner, die nichts wagen, sondern sich wegducken.

Wie anders dagegen das Kammerkonzert von Julia Fischer mit der Pianistin Yulianna Avdeeva! Zwei Frauen mit starken Persönlichkeiten, die einander herausfordern, gerade um die Stärke der jeweils anderen glänzen zu lassen. In der Schluss-Passacaglia der monströs-schönen h-Moll-Sonate von Ottorino Respighi ist es die kolossale Kraftarbeit von Avdeeva am Klavier, die Fischers Monumentalität an der Violine trägt. In der vierten Violinsonate von Mieczysław Weinberg entsteht die Erzählung aus dem Kontrast zwischen Wucht und Zartheit der beiden Musikerinnen.
Ein Clou ist, dass Steinbeis das Kleinod des ebenfalls von Littmann entworfenen Jugendstil-Kurtheaters wieder reanimiert hat. Chanson-Abende mit Meret Becker, Dagmar Manzel und Katherine Mehrling werden dort stattfinden. Die Berliner Drag Queen Sheila Wolf bringt ihr Publikum zum Lachen mit der Bemerkung: „Bis ein siebenundfünfzigjähriger Hetero-Mann so aussieht wie ich, braucht es viel Farbe.“ Dass sie sich als „Kölner Schlampe aus Berlin“ über „den Osten“ mokiert und Sachsen als „blauen Sumpf“ schmäht, um dem Publikum in Bad Kissingen zu schmeicheln, zeugt hingegen von Arroganz und Wirklichkeitsblindheit. Bei der letzten Bundestagswahl 2025 kam die AfD in Bad Kissingen auf 23 Prozent der Zweitstimmen und erreichte Platz zwei hinter der CSU.
Klüger ist die Tanzakrobatik in Wolfs Burlesque Show: Da sieht man einen athletischen Mann beim Poledance an der Stange und ein Paar, bei dem die Frau den Mann bei seinen Kunststücken stützt und trägt. Ganz ohne Worte werden so Geschlechterrollen umgeworfen und neu definiert.
