Mercy Otis Warren war schon sechsundsiebzig, als ein politisches Buch unter eigenem Namen erschien. Aber es war nicht ihr erstes, nur hatte sie zuvor aus der Scheu heraus, als Frau auf dem literarischen Feld nicht ernst genommen zu werden, ihre Gedichte, Theaterstücke und politischen Kommentare anonym veröffentlicht, auch „Observations on the New Constitution, and on the Federal and State Conventions“, das 1787 für einiges Aufsehen gesorgt hatte, denn es ging hart mit der jungen Republik ins Gericht. Das traute man einer Frau nicht zu, also wurde Otis Warrens Autorinnenschaft erst sehr spät bekannt.
Was die aus einer der ältesten Siedlerfamilien in Massachusetts stammende Mercy Otis, die in eine noch ältere, die Warrens, eingeheiratet hatte, an der von ihr leidenschaftlich begrüßten amerikanischen Unabhängigkeit störte, zeigt die Verfasserumschreibung von 1787: „a Columbian patriot“. Mit der Berufung auf Kolumbus wurde ein ganz Amerika umfassender Vertretungsanspruch erhoben, und Otis Warrens Kritik galt der Kleinteiligkeit des neuen politischen Gebildes, das sie als kleinmütig empfand: Föderalismus würde keine große Nation herausbilden.

Die aber wollte sie, und dazu suchte Otis Warren privat die Nähe zur Politik. Ihre Bekanntschaft mit etlichen der Gründungsväter der USA verschaffte ihr den Stoff für ihre 1805 erschienene dreibändige „History of the Rise, Progress and Termination of the American Revolution“, mit der sie zu so etwas wie einer publizistischen Gründungsmutter wurde. „Durch Neigung, Freundschaft und jegliche soziale Bande“ sei die Verfasserin „mit den frühesten Patrioten und einflussreichsten Figuren des Kontinents verbunden“– so hebt die fast fünfhundertseitige Studie an, die sich dann auch (zeittypisch) vor allem auf biographische Stränge stützt: Ehrt eure großen Männer!
„Mit bebendem Herzen“ habe sie sich an die Aufgabe gemacht. Das konzediert Otis Warren den damals gängigen Erwartungen an eine politisierende Frau. Die aber dann mit Kritik an einigen Herren an der Staatsspitze nicht sparte; vor allem ihr vormaliger Freund John Adams, von 1797 bis 1801 zweiter US-Präsident, bekam sein Fett weg. Umso zufriedener mit dem Buch war sein Amtsnachfolger Thomas Jefferson.
Die Schärfe der Betrachtung war ein Novum in den zuvor meist rein hagiographischen amerikanischen Betrachtungen zur Staatsgründung. Adams wetterte denn auch: „Geschichtsschreibung ist kein Terrain für Damen!“ Vor allem das moralisierende Element nahm er übel; so hatte Otis Warren vehement gegen die Sklaverei angeschrieben, die sie als Verrat an der Verfassung sah. Auch deshalb fand das Werk größte Beachtung. Seine Autorin fuhr damit spät doch noch literarischen Ruhm ein, den sie neun Jahre lang genießen konnte, ehe sie 1814 starb – kurz vorher sogar wieder ausgesöhnt mit John Adams.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
