Eine Nacht in Prag. Tomáš, ein Journalist und Autor um die Sechzig, irrt durch die Kleinseite unterhalb der Burg. Hinter ihm liegt eine Reihe persönlicher Katastrophen, abgemildert in ihrer Wirkung auf ihn nur durch den Alkoholpegel, den er den Tag über immer neu aufgefrischt hat. Jetzt kehrt er auf der Suche nach einem weiteren Bier in der Kneipe „Zum Herzog von Burgund“ ein, wo ihn der bucklige Kellner im Kettenhemd wüst mit „Hundsfott“, „Schweinepriester“ und „Afterkriecher“ beschimpft, weil das zum pseudomittelalterlichen Ambiente der Spelunke gehört. Tomáš geht darauf ein: „Wären wir im Mittelalter, hätte ich Sie längst mit meinem Dolch erstochen für das Gequassel, verehrter Herr“, sagt er, und der Kellner antwortet, er finde diese spezielle Ansprache der Gäste auch schlimm, es gehöre aber zum Ambiente dieser Kneipe. Er selbst sei eigentlich „Privatdozent für Mediävistik“, verdiene aber hier ein Vielfaches seines Unigehalts. Als Tomáš geht, erhält er noch ein Angebot: „Wir brauchen einen Knecht“, sagt der Gelehrte, „die Muskeln hätten Sie ja, und schreien können Sie bestimmt auch.“
In Jáchym Topols Roman „Die Hölle gibt es nicht“ nimmt diese Szene keine fünf Seiten ein. Es ist eine Episode auf einem langen Weg, an dessen Ende die Welt des Journalisten zerbrochen ist. Aber in ihr spiegelt sich nicht nur Tomáš’ augenblickliche Lage, sondern auch die seiner Generation und die seines Landes in aller Unsicherheit nach Jahren der scheinbaren Konsolidierung.
Das beginnt mit einem Paukenschlag. Die ersten Kapitel des Romans spielen am Morgen des 24. Februar 2022. Tomáš, der in der großen Wohnung im vornehmen Prager Stadtteil Vinohrady, die seine Frau Fiona von ihren Eltern geerbt hat, eine Kammer als Schlafzimmer und Rückzugsort nutzt, läuft verkatert durch Prag, denkt über seine bröselnde Ehe nach, über seinen Sohn, der mit seinem belarussischen Freund eine Gärtnerei aufmachen will, über seine viel jüngere Freundin Tamara, von der er sich eigentlich ebenso trennen will wie von seiner Frau. Und erfährt unterwegs vom Überfall der Russen auf die Ukraine.
Der Kommunismus? Gar nicht so schlimm
Damit ist ein Ton gesetzt, der den Roman über nachhallt. Denn die Frage, wie man sich zu den Ereignissen in der Ukraine verhalten soll, treibt alle um, im privaten Gespräch wie in der politischen Debatte in der Öffentlichkeit. Sie weckt alte Erinnerungen an den Einmarsch sowjetischer Truppen und ihrer Verbündeten in die Tschechoslowakei im August 1968 und an den damaligen überwiegend gewaltlosen Widerstand, während sich die Ukrainer mit aller Macht wehren. Hätte es dafür auch in der Tschechoslowakei ernsthaft einen Spielraum gegeben? Oder könnte umgekehrt die damalige Reaktion ein Beispiel sein, um der Bevölkerung Leid zu ersparen?

Immer wieder trifft Tomáš, der für das angesehene Magazin „Point“ in Prag arbeitet, auf Tschechen, die dazu aufrufen, sich aus diesem Krieg herauszuhalten, die Russen nicht durch die Unterstützung der Ukraine zu reizen. Und als er zur Beerdigung seines Vaters in den kleinen Ort Lešany reist, irritiert ihn Verunka, die langjährige Vertraute des Verstorbenen, mit der Geschichte einer Putzfrau, die ihre Stelle an der örtlichen Schule verloren hat, weil sie dort die sowjetische Flagge gehisst hatte. Dabei sei es damals im Sozialismus doch „gar nicht so schlimm“ gewesen, findet Verunka. Ihr selbst gehe es heute zwar besser, sagt sie, damals habe sie im Kuhstall gearbeitet und heute in der Schule. Aber anderen gehe es heute eben schlechter.
Es geht um die Freiheit, du Nulpe!
In einem früheren Roman Topols, „Ein empfindsamer Mensch“ von 2017, den die großartige Übersetzerin Eva Profousová ebenso wie den aktuellen prägnant und mit sprachbewusster Originalität ins Deutsche gebracht hat, endete eine ähnliche Diskussion noch mit der Frage, was denn die Generation, die 1989 nach der „Samtenen Revolution“ in die Freiheit entlassen wurde, damit angefangen hätte: „Nichts, du Nulpe, was?“ Im neuen Roman ist inzwischen allerdings die Bedrohung von außen dazugekommen, und das Gefühl, es könne bald mit der Freiheit vorbei sein, verfestigt sich bei manchen, die sich nun fragen, ob sie gut genug auf einen möglichen Umschwung vorbereitet sind.
Topol, Jahrgang 1962, der in den letzten Jahren der kommunistischen ČSSR als Lagerarbeiter und Heizer beschäftigt war und vor allem subversive Texte verfasste, setzt diesem Fatalismus mehr entgegen als sein Protagonist Tomáš. In einer grotesken Szene, die an seine früheren Romane anknüpft, schildert er den Ausflug, den Tomáš’ Chefin gemeinsam mit ihm zu einer geheimnisvollen Burg im Norden Böhmens unternimmt. Dort sind sie Gast eines Performancekünstlers, der ihnen beim Empfang in der Burgkapelle von seinem Schicksal in den vergangenen Jahren berichtet. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder hatte er eine Galerie im russisch besetzten Donezk-Gebiet aufgemacht, im sicheren Gefühl, den beiden internationalen Stars des Kunstmarkts könnte nichts passieren. Aus der Galerie wird dann irgendwann ein Gefängnis, in dem schließlich auch sie selbst inhaftiert und gefoltert werden. Sie erleben eine grausige Zeit, geprägt von Koprophagie und Kannibalismus, und lernen von einem Mitgefangenen, genannt „Vater Zosima“, die „rusische Idee“ kennen, nach der Erlösung nur durch Leid möglich sei – „und Russland will, dass alle Menschen glücklich sind“.
Der Säufer findet zu Gott
Das traurige Ergebnis einer solchen Glückssuche wird Tomáš dann im Finale der Performance vorgeführt. Sein eigener Weg ist ohnehin ein anderer. Einerseits macht er es sich leicht, er weicht aus, nimmt sich jede Freiheit, wenn auch mit Anflügen von schlechtem Gewissen, und verliert so langsam alles, was er jahrelang zwar vernachlässigt und missachtet hat, aber doch immer noch beansprucht: das Elternhaus, die Liebe seiner Frau, die Achtung seines Sohnes, den Job, die Geliebte. Dass hier ein Uhrwerk abläuft, eine Entwicklung ihren Fortgang nimmt, die schon vor langen Jahren begonnen hat, merkt der, den sie betrifft, wahrscheinlich erst lange nach den meisten Lesern.
Denn Topol stößt uns nicht gerade auf die Ungereimtheiten in Tomáš’ Perspektive, die im gesamten Buch vorherrscht, aber er konfrontiert ihn immer wieder mit einer Außenwelt, die seinen Vorstellungen widerspricht. Dass seine Moral dehnbar ist, teilt sich rasch mit, ebenso seine Sehnsucht nach Buße und religiösem Trost. Bereits zu Beginn des Buchs sucht er eine Kirche auf, die Ignatius von Loyola gewidmet ist, und wärmt sich an dem Gedanken, dass dieser Raufbold und Säufer zu Gott gefunden habe. In seinem Heimatort sucht er eine Kapelle auf, die ihn schon als Kind beeindruckte, trifft vor dem verschlossenen Gebäude einen Priester an, der in der Gegend von Dorf zu Dorf fährt, und leert mit ihm ein Sixpack, das eigentlich als Mitbringsel für einen Gläubigen gedacht war – der Geistliche, so scheint es, weiß die Trinkpause mit Tomáš zu schätzen.
Schließlich ist es tatsächlich ein Opfer, das dem um alles gebrachten Tomáš so etwas wie Erlösung verspricht. Die verbale Demütigung in der mittelalterlichen Schenke, die von den Touristen so geschätzt wird (und an ein reales Vorbild in Prag erinnert), ist nichts für ihn, auch nicht das Angebot, wie viele andere Intellektuelle sein Talent und Wissen in den Dienst des Tourismus zu stellen und als Faktotum in diesem Unternehmen zu fungieren. Nur dass er damit nichts aufhält. Am Ende wird die Kneipe das Off-Theater, für das Tomáš ein Stück geschrieben hat, verdrängen und sich dessen Räume einverleiben. Das ist die böse Pointe des hoffnungslosen, brillanten Romans.
Jáchym Topol: „Die Hölle gibt es nicht“. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 480 S., geb., 28,– €.
