An Vorschlägen für eine bessere Bahn mangelt es in Deutschland wahrlich nicht. Schließlich glaubt gefühlt das halbe Land, Zugexperte zu sein. Was aber in den vergangenen Tagen von führenden Bahnverantwortlichen an neuen Ideen aufkam, sollte eher schnell wieder in der Schublade verschwinden. Da kündigte Bahn-Chefin Evelyn Palla ein neues Konzept für die ICE-Züge an. Man schaue sich Hochgeschwindigkeitssysteme in anderen Ländern an und wolle von ihnen lernen.
Nun wird befürchtet, die Bahn könnte eine Reservierungspflicht wie in Frankreich einführen. Dazu kamen Äußerungen des neuen Bundesverkehrsministers Steffen Bilger (CDU), er könne sich Bahnsteigschranken vorstellen, wie es sie ebenfalls in Frankreich und in England gibt. Sie würden sich ähnlich wie am Flughafen nur öffnen, wenn der Fahrgast ein passendes Ticket an der Sperre einführt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun hätten beide Vorschläge sicher einige Vorzüge. Eine Reservierungspflicht würde es der Bahn erleichtern, ihre Kapazitäten besser zu planen und Züge je nach Bedarf zu verlängern oder zu verkürzen. Überfüllte Waggons würde es dann per Definition nicht mehr geben. Die Einsteigezeiten könnten sich verkürzen, weil jeder Fahrgast weiß, in welchen Waggon er einsteigen muss. Er muss nicht mehr durch den ganzen Zug auf der Suche nach einem freien Platz laufen. Die Staus in den Gängen würden sich reduzieren.
Auch die Bahnsteigschranke wiederum könnte Verspätungen reduzieren, wenn sie sich ein paar Minuten vor Einfahrt des Zuges schließt und kein Zug mehr auf Fahrgäste warten muss, die in letzter Minute anrennen und die Türen blockieren. Die Sperre würde Schwarzfahren erschweren, was aufreibende Diskussionen mit den Zugbegleitern vermeiden würde, die teilweise zu verbalen und physischen Angriffen oder sogar dem Rauswurf durch die Bundespolizei aus dem Zug führen.
Vermieden werden muss alles, was die Flexibilität des Bahnfahrens einschränkt
Bilger scheint aber etwas anderes mehr umzutreiben: Er sähe vor allem einen Sicherheitsgewinn für die Fahrgäste und denkt dabei vermutlich an den Messerangriff auf einem Bahnsteig im Hamburger Hauptbahnhof im Mai 2025 mit 15 Schwerverletzten.
Aber schon das überzeugt nicht. Eine Schranke mag einen Angriff auf dem Bahnsteig verhindern, nicht aber eine Attacke in der wartenden Menschenmasse vor der Sperre oder dem restlichen Bahnhofsgelände. Und nicht, wenn die Angreiferin auch ein Ticket hätte.
Vermieden werden muss alles, was die Flexibilität des Bahnfahrens einschränkt. Daher darf es keine Schranken und keine Reservierungspflicht geben, vor allem in einer Zeit, in der jeder zweite Fernzug unpünktlich ist und mancher ganz ausfällt. Denn was machen Fahrgäste, deren Verbindung gestrichen wurde oder die ihren Anschlusszug verpasst haben, wenn der nächste Zug leider voll reserviert ist? Vor allem, wenn es der letzte des Tages ist. Überfüllte Züge sollten lieber durch mehr Waggons als eine Reservierungspflicht vermieden werden.
Und die Bahnsteigschranke? Abgesehen von hohen Installationskosten passt auch sie nicht in das deutsche Bahnsystem. Sie wurde aus gutem Grund in den Siebzigerjahren abgeschafft. Schwarzfahren sollte durch genauere Kontrollen im Zug verhindert werden. Dass Fahrgäste regelmäßig auf einer mehrstündigen Fahrt nicht kontrolliert werden, darf nicht sein. Und ein möglicher Gewinn an Pünktlichkeit, weil sich die Schranken rechtzeitig vor Abfahrt schließen, wird teuer erkauft.
Jede Schleuse frisst beim Umsteigen Zeit, vor allem wenn sich davor Schlangen bilden. Minuten, die bei einem verspäteten Zug den Anschluss gefährden. Kompliziert würde es auch dadurch, dass sich in Deutschland ICE und andere Züge Bahnsteige teilen. Der Fahrgastverband Pro Bahn hat nach eigenen Angaben Zugangsschleusen bereits mit der Bahn erörtert, die Idee wurde gemeinsam verworfen. Die Offenheit des deutschen Bahnsystems ist ein großer Trumpf im Vergleich zum Ausland und kein Makel, der beseitigt werden muss.
