Berlin war lange ein Symbol politischer Freiheit unter unwahrscheinlichen Umständen. Die Völker der Welt sollten auf diese Stadt schauen, die Universität ihres westlichen Teils heißt „Freie Universität“, der Westen Berlins wurde durch eine Luftbrücke in seiner Freiheit erhalten, ein amerikanischer Präsident bekannte, ein Berliner zu sein – er meinte: ein West-Berliner –, ein anderer forderte von Berlin aus, sein sowjetisches Gegenüber solle die Berliner Mauer niederreißen. Die eingeschlossene Insellage der geteilten Stadt machte sie zum welthistorischen Ausnahmefall.
Wer in ihr lange gelebt hat, konnte sich dem Reiz dieses Ausnahmefalls nicht entziehen. Es war auch der Reiz der subventionierten Situation. Der Kultur ging es gut in Berlin. Alle möglichen Projekte wurden dort aus Bundesmitteln verwirklicht: Berliner Philharmoniker, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wissenschaftskolleg, Theater Hebbel am Ufer, Wissenschaftszentrum WZB. Außerdem war Berlin eine Studentenstadt, eine Studentenrevoltenstadt, eine Stadt, deren Revolten aber mehr in den Hörsälen, auf dem Theater und in den Künsten stattfanden, bei den „Neuen Wilden“ in der Kneipe „Zwiebelfisch“ und in der Schaubühne des Peter Stein, von Dieter Sturm und Botho Strauß.
Aus der Sonderexistenz ging ein symbolischer Überschuss hervor
In Berlin gab es „Ton, Steine, Scherben“ und die Neue Deutsche Welle. „Ich fühl mich gut, ich steh’ auf Berlin“ war in ihrer Berlin-Hymne 1980 der Refrain; die Band hieß passenderweise „Ideal“. Der Kollege Henning Ritter, der dabei war, sagte einmal, von der Revolution habe man in Berlin so leicht geträumt, weil es dort gar kein Proletariat gab, sondern vor allem städtische Angestellte und Künstler. Die Stadt zog zweifellos politische und ästhetische Phantasien an. Entsprechend waren auch die Regierenden Bürgermeister von Berlin bekannte, um nicht zu sagen symbolische politische Figuren: Ernst Reuter, Otto Suhr, Willy Brandt, Heinrich Albertz, Klaus Schütz, Hans Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker. Selbst von Franziska Giffey konnte man das noch sagen. Immer gab es einen symbolischen Überschuss, der aus der Sonderexistenz von Berlin hervorging. Immer durften die Regierenden Bürgermeister denken, dass sie nicht irgendeiner Stadt vorstanden.
Gerade heißen die Spitzenkandidaten der Parteien für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am Sonntag: Evers, Eralp, Krach, Graf, Brinker, Meyer und King. Fast niemand außerhalb Berlins kennt diese Leute, fast niemand kann mit ihnen als Personen irgendetwas verbinden. Sie sind ganz normale Landespolitiker eines kleinen Bundeslandes. Das war schon bei Kai Wegner (CDU) so, den die meisten bestenfalls als im Krisenfall tennisspielenden Amtsinhaber erinnern werden.

Und doch ist es die Hauptstadt. Ist es die Stadt, von der behauptet wurde, man komme an ihr als Hauptstadt des vereinten Deutschlands aus symbolischen, aus pathetischen Gründen nicht vorbei. Hinter diesen Erwartungen ist Berlin weit zurückgeblieben. Nicht nur hinter ihnen. Gewiss, tausend Baustellen und empörte Autofahrer gibt es überall. In Berlin ist das aber ein Symptom einer maroden Infrastruktur. Sie zeigt sich in den Parks der Stadt wie in vielen Vierteln. Berlin sei „für viele von uns“ die schönste Stadt der Welt, lässt die Linke gerade im Wahlkampf wissen. Diese vielen von uns waren offenbar noch nicht in Wien, Bologna, Kopenhagen, Vancouver oder Prag; man könnte lange darüber diskutieren.
Daran, dass Berlin inzwischen eine ziemlich kaputte Stadt ist, daran waren die meisten der regierenden Parteien beteiligt. Das Kaputte erfahren ihre Bürger bei Ämtergängen genau so wie in den Schulen, an der Verwahrlosung von Straßenzügen wie an der Nutzung der Bürgersteige als Mülldeponien. Die Formel „Arm, aber sexy“ deckt das alles nicht zu. So wenig wie die Behauptung des ARD-Mannes Schönenborn, Berlin habe „keine No-go-Areas“, über die Risiken hinwegtäuschen kann, mit oder ohne Kippa auf der Sonnenallee zu spazieren.
Ein Verschuldungsstand von mehr als 67 Milliarden Euro
Den Umfragen zufolge ist es durchaus möglich, dass die Regierende Bürgermeisterin Berlins demnächst von der Linken gestellt wird. Sie hieße dann Elif Eralp. Die in München geborene, in Hamburg aufgewachsene Tochter türkischer Einwanderer wäre nach Cem Özdemir aus Baden-Württemberg schon die zweite Landeschefin mit einer familiären Migrationserfahrung. Ihre Partei, die 2007 aus einer Fusion des SPD-Ablegers WASG mit der PDS entstand, die wiederum nach 1989 aus der SED hervorgegangen war, liegt Kopf an Kopf mit den Christdemokraten. Eine Koalition mit den Grünen und der SPD ist denkbar und wird jedenfalls nicht ausgeschlossen.
Im Bereich der Politik zählen Vergangenheiten wenig. Elif Eralp war acht, als die Mauer fiel. Ihre Fragen sind keine der Freiheit. Das Wahlprogramm der Linken verspricht, Berlin bezahlbar zu machen. Sie will einem Volksentscheid folgen und Wohnungsgesellschaften enteignen, will dafür sorgen, dass der öffentliche Nahverkehr gebührenfrei genutzt werden kann, verspricht, das Müllproblem in den Griff zu bekommen, und will bei alldem gehörig umverteilen. Wie bei einem Verschuldungsstand von mehr als 67 Milliarden Euro – dem zweithöchsten eines Bundeslandes – auch nur die Kompensation der Wohnungseigentümer gelingen soll, ist ungeklärt. Sie wird bei mehr als 250.000 Mietwohnungen auf 40 Prozent des Immobilienwerts angesetzt; ihr Verkehrswert soll derzeit 46 Milliarden Euro betragen. Von den Instandhaltungs-, Verwaltungs- und Sanierungskosten ist da noch gar nicht die Rede.
Doch nicht nur die Wohnungsfrage ist unter den denkbaren Koalitionären anhängig, auch der manifeste Antisemitismus von Teilen der Linken, insbesondere des Ortsverbandes Neukölln, steht zur Diskussion. Die Neuköllnerin Vanessa Emde, die sich in der Stadt, in der am Wannsee der Holocaust geplant wurde, vorstellen kann, dass Israel von der Landkarte verschwindet, steht auf Listenplatz zwei der Linken. Wenn also die Grünen tatsächlich darauf bestehen, eine Koalition dürfe nicht abhängig von Antisemiten sein, hätte die Linke, wäre sie nicht verlogen, noch einige Arbeit vor sich.
Dass Eralp ihre moralisch verwahrlosten Leute einfangen kann, erscheint unwahrscheinlich. So hat sich Berlin gewandelt, und die Wahl am Sonntag wird diesen Wandel endgültig vollziehen. Denn die Berliner haben eine Wahl nur zwischen politischem Personal, das blass, kraftlos und unverständig oder wirrköpfig ist. Die einen haben die Stadt kaputtgehen lassen, die anderen planen, sie noch kaputter zu machen. Das ist, wir kennen den Reflex, kein „Berlin-Bashing“. Wir haben 25 Jahre lang dort gelebt und keinen Grund, die Stadt zu beschmutzen. Sie beschmutzt sich selbst, sie basht sich selbst. Das Symbol symbolisiert nichts mehr.
