Der chinesische Filmemacher Peter Ho-sun Chan taucht in den Annalen des Kinos erstmals im Jahr 1986 auf, als Produzent des Actionfilms „Heroes Shed No Tears“ von John Woo. Eine Gruppe von Söldnern soll einen Drogenhändler befreien, der im Dschungel im Goldenen Dreieck zwischen China, Vietnam und Laos zu finden ist. Hongkong war in diesen Jahren noch politisch eigenständig und hatte eine blühende Filmindustrie, die mit ihren Genreproduktionen auf der ganzen Welt bekannt war. Regisseure wie John Woo oder Jackie Chan und Schauspieler wie Jet Li, Andy Lau oder Leslie Cheung waren damals weithin geläufig.
Vor wenigen Tagen präsentierte Peter Ho-sun Chan auf dem Toronto International Film Festival (TIFF) seinen neuen Film „The Road Not Taken“ – das Drama einer Mittelstandsfamilie in der Stadt Chengdu. Zwischen 1986 und 2026 liegen vierzig Jahre, die das Leben nicht nur dieser Familie massiv verändert haben. Sie werden zweimal ganz dezidiert angesprochen: die Formulierung „forty years of economic reform“ fungiert wie ein Kürzel für eine Transformation, die Peter Ho-sun Chan mit seinem Film melodramatisch einzuholen versucht.
Die Fernsehmoderatorin Jia Jia ist die Figur, die zur Verkörperung der Stressreaktion wird. Sie wurde bekannt mit einer Talkshow, in der sie einfachen Menschen zuhört, die von den gigantischen Veränderungen erzählen: „von Lebensmittelgutscheinen zu bargeldlosem Bezahlen“, so hat sich das Leben für Menschen verändert, deren Eltern oft noch bitterarm in abgelegenen Dörfern aufwuchsen. Jia Jia steht auf dem Höhepunkt ihrer rasanten Karriere, als bei ihr Alzheimer festgestellt wird – je jünger man ist, wenn man die Krankheit bekommt, desto schneller verläuft sie.

„The Road Not Taken“ ist eine Familiengeschichte, die sich als Krisenprotokoll der rapiden Modernisierung in der Volksrepublik China lesen lässt. Und die Karrierefrau Jia Jia wird zum Symptom des Drucks, den drei Generationen aushalten mussten. Ihre Krankheit hat eine genetische Vorgeschichte, das wird auch zur Kenntnis genommen. Zudem werden alle Register der chinesischen Metaphysik bemüht: Karma? Schicksal? Die Mutter zündet regelmäßig Räucherstäbchen vor einem Buddha an, der Schwiegersohn hingegen bemüht sich beruflich um die Auswilderung einer Pandabärin, ein zeichenhafter Vorgang, mit dem Peter Ho-sun Chan eine Hoffnung auf eine „Renaturierung“ auch der entfremdeten Verhältnisse in den Wohnblockwelten der neuen chinesischen Hochleistungsgesellschaft andeutet.
Einen Film wie „The Road Not Taken“ würde man auf der Berlinale oder in Cannes nicht zu sehen bekommen. Wenn man hingegen jährlich im September nach Toronto fährt, zum größten Filmfestival in Amerika, dann wird man mit einem geschärften Blick auf das Weltkino belohnt. Denn beim TIFF, das sich zunehmend stärker als Handelsmesse neu erfindet, kann man viele Filme sehen, die im klassischen Sinn nicht als Filmkunst zu werten sind, sondern als kommerzielle Produkte, die aber viel über die Gesellschaften erkennen lassen, aus denen sie kommen. Gerade im Fall der Volksrepublik ist dieser Unterschied markant. Denn die Filmkunst wird gewöhnlich über die Namen der Urheber kommuniziert: Lars von Trier, Claire Denis, Lucrecia Martel, Valeska Grisebach, in Venedig wurde vor einer Woche der Name May el-Toukhy hinzugefügt – die Dänin gewann den Goldenen Löwen beim Filmfestival. Aus China fehlen auffällig die entsprechenden Namen. Das hat damit zu tun, dass die Bedingungen für ein Autorenkino, wie es dem westlichen Verständnis entspricht, immer schwieriger werden – nicht zuletzt durch eine indirekte Zensur, die aus einem starken, autochthonen Binnenmarkt kommt. Filme, die auf diesem Markt bestehen sollen, sind dann aber eher Rührstücke wie „The Road Not Taken“.
Oder eine Komödie wie „It’s My Time“, die auch beim TIFF lief. Michelle Yeoh ist längst ein internationaler Superstar, mit „Everything Everywhere All at Once“ hatte sie eine Paraderolle, sie wurde dieses Jahr auch mit einem Ehrenbären der Berlinale ausgezeichnet. In „It’s My Time“ (Regie: Bai Xue) spielt sie eine alte Dame, die nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim lebt und entdeckt, dass sie eine Spitzenbegabung im „cubing“ ist – rund um den Rubik-Cube, der mit seinem dreidimensionalen Sudoku eine beliebte Gehirnertüchtigung ermöglicht, ist längst eine Wettkampfindustrie entstanden, deren Exzesse Bai Xue viele Möglichkeiten für komische Details bieten. Frau Zhao schafft es schließlich bis ins Finale eines weltweit wahrgenommenen Wettbewerbs und gibt damit einer Gruppe ein Vorbild, die in der chinesischen Demographie (wie auch in den westlichen Ländern) zunehmend in den Mittelpunkt rückt: den Menschen im Ruhestand. „Anything is possible“, wird ihnen signalisiert. „It’s My Time“ ist zugleich frenetisches Zeitbild aus einer digital bis zum Äußersten beschleunigten Alltagskultur wie auch eine sentimentale Feier der Brüche, die auf dem Weg angefallen sind und nun wenigstens retrospektiv zu heilen sind.
Der härteste dieser Brüche war lange Zeit die strikte Beschränkung auf ein Kind, die Familien von der Kommunistischen Partei auferlegt worden war. Bis heute wirkt die Maßnahme in der Demographie nach, und so verwundert es nicht, dass auch das chinesische Kino immer wieder darauf zurückkommt. Beim TIFF war es der Film „A Girl Unknown“ von Zou Jing, der in einem ergreifenden Epos einen modellhaften Fall nachzeichnet. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen namens Juanjuan, das im Alter von sieben Jahren aus einem Dorf zu neuen Eltern in der Stadt gebracht wird. Der Stiefvater äußert sich verächtlich über ihren Namen, der in seinen Ohren einen Klang des Hinterwäldlerischen hat. Das Mädchen fügt sich in sein Schicksal, wird aber schon wenige Jahre später wieder aus ihrem Alltag herausgerissen – denn nun melden sich die richtigen Eltern, die von den frühen Jahren der „economic reform“ profitiert haben (ein Plakat des Films „Trainspotting“ im Jugendzimmer deutet diverse Öffnungen an). Wang Juan (der Namen des Mädchens ändert sich mit jedem Kapitel) weiß sich schließlich nicht mehr anders zu helfen, als sich ganz auf eigene Füße zu stellen – sie läuft davon und wird Teil der Industriearmeen, die in den zahlreichen neuen Fabriken gebraucht werden.
Die drei beispielhaft genannten Filme für das aktuelle Kino aus der Volksrepublik werden die deutschen Kinos kaum erreichen. Man wird sie, wenn man sich dafür interessiert, vielleicht auf Netflix oder Amazon entdecken können. Beim TIFF liefen noch mehrere weitere Großproduktionen aus der Volksrepublik, die man sich zum Teil als Blockbuster vorzustellen hat, die aber von vornherein nur in der Sektion „Markt“ gezeigt wurden, der Presse also nicht zugänglich gemacht wurden. Das sind alles Indizien für einen Kontaktabriss, der in anderen kulturellen Bereichen vielleicht nicht so dramatisch ist, der aber für die audiovisuellen Industrien eklatant ist. Der europäischen Kinowirklichkeit mit ihrem weltweiten Koproduktionsnetzwerk und ihren Subventionsstrukturen stehen inzwischen kommerzielle Nationalindustrien der beiden rivalisierenden Supermächte gegenüber, die sich im deutschen Alltag sehr ungleich abbilden: aus Hollywood (das Wort ist ohnehin nur noch ein Hilfsbegriff) sehen wir alles, aus der Volksrepublik fast nichts. Dass sich das TIFF auf der Schwelle dieses Widerspruchs zu positionieren versucht, macht einen Besuch bei dem Festival wertvoller denn je.
Ausgezeichnet wurden andere: Den Hauptpreis, den People’s Choice Award, bekam das schon in Cannes gezeigte und dort bejubelte, zeitlich dreigeteilte Homosexuellen-Drama „La Bola Negra“ von Javier Calvo und Javier Ambrossidas; der Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm ging an das Sängerin-Porträt „Darlene Love: I Know Where I’ve Been“ (Regie: Barry Avrich); der internationale Publikumspreis für das britische Biopic „Elsinore“ (Regie: Simon Stone); den Preis für den besten kanadischen Film bekam das Drama „Sunburn“ (Regie: Serville Poblete); bester Animationsfilm wurde „Into the Betaverse“ von Varun Raman and Tom Hancock.
