In der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat kaum ein deutschsprachiger Kritiker die Entwicklung der europäischen Literatur so konstant begleitet wie Max Rychner (1897 bis 1965). Von 1939 bis 1962 leitete er die Kulturredaktion der Zürcher Zeitschrift „Tat“. Er veröffentlichte bereits 1947 Gedichte Paul Celans und war Herausgeber und Übersetzer von Paul Valéry. Rychner erkannte zudem nicht nur literarische Talente, sondern auch intellektuelle. Er machte früh Walter Benjamin bekannt und setzte sich für Peter Szondi ein. 1950 wurde er in die erst im Vorjahr gegründete Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen.
Roman Bucheli hat eine Sammlung mit Artikeln Rychners, die er 1998 im Göttinger Wallstein-Verlag publizierte, mit „Bei mir laufen Fäden zusammen“ betitelt. Die Germanistik hat diesen Wink aufgenommen. Mittlerweile hat sich eine zwar überschaubare, aber differenzierte Rychner-Forschung entwickelt, die vor allem sein literarisches und publizistisches Netzwerk untersucht.
Pionierarbeit über Gervinus
Weniger Beachtung fand hingegen bisher der prägnante und – im besten Sinne – individuelle Stil Rychners, was schon deswegen überrascht, weil er auch selbst literarisch tätig war. Dieser Grundzug seines Schreibens lässt sich früh beobachten. Rychner wurde mit einer Studie über den liberalen Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus (1805 bis 1871) promoviert. Seine Dissertation erschien 1922 und ist eine der frühsten wissenschaftsgeschichtlichen Forschungen der Germanistik überhaupt. Sie besticht aber nicht nur durch ihr Anliegen, sondern auch – ganz anders als die meisten Doktorarbeiten damals wie heute – durch ihre zielführende wie pointierte Schreibweise. Rychner eröffnet seine Studie folgendermaßen: „Eine ‚erst werdende Wissenschaft‘ hat Gervinus die Literaturgeschichte Mitte der dreißiger Jahre genannt. Was sie durch ihn geworden ist, soll hier untersucht werden.“ Deutlich wird schon mit diesem Vorwort die Bereitschaft, klar und auf den Punkt zu formulieren.
Geschult ist Rychners Stil an Friedrich Nietzsche. Seine Dissertation zitiert auf dem Titelblatt aus „Menschliches, Allzumenschliches“ einen Aphorismus, in dem sich der Philosoph und Philologe gegen die Idee wendet, dass Genie vor allem eine Folge von Begabung sei. Entscheidend sei vielmehr ein „Handwerker-Ernst“. Wie früh sich Rychner diese Position für sein Schreiben zu eigen gemacht hat, belegt eine handschriftliche Widmung, die sich in dem Exemplar seiner Dissertation findet, die er seinem Doktorvater, dem Zürcher Germanisten Emil Ermatinger (1873 bis 1953) übereignet hat. Hier dankt der angehende Literaturkritiker seinem „freundschaftlichen Wegleiter“.

Rychner konkretisiert mit dieser Wortschöpfung nicht nur das Verhältnis von Lehrer und Schüler. Während das verbreitete Wort „Wegbegleiter“ zwar durchaus wertschätzend, aber nicht besonders markant ist, kreiert Rychner mit „Wegleiter“ ein Wort, das Ermatinger nicht nur für die Betreuung der Doktorarbeit, sondern offenbar auch für weitere intellektuelle Impulse dankt. Zudem ist die charmante Wortbildung „Wegleiter“ Ausdruck großer Wertschätzung, weil sie zeigt, dass die Widmung keine Pflichterfüllung ist, sondern dass jedes ihrer Worte wohl bedacht ist. Rychner dankt Ermatinger mit spielerischem „Handwerker-Ernst“.
Eine zweite Lektüre wird nicht erwartet
Wenn ein ehemaliger Doktorand seinem Lehrer die endlich publizierte Dissertation überreicht, erwartet er in der Regel nicht, dass dieser sie erneut vollständig liest. Schließlich hat der Doktorvater die Entstehung der Arbeit begleitet und sie begutachtet. Indem der Doktorand die gedruckte Dissertation übergibt, belegt er vielmehr, dass nun der letzte Schritt des Promotionsprozesses vollzogen ist. Die gedruckte und mit einer handschriftlichen Widmung versehene Dissertation ist nicht selten ein Abschiedsgruß. Rychners Widmung hat dafür mehr als nur angemessene Worte gefunden.

Emil Ermatinger hat auf den wohlformulierten Dank freilich nicht so reagiert, wie Rychner es erwartet haben wird. Der angehende Kritiker hat dem Germanisten die Dissertation in dem Zustand zukommen lassen, in dem sie aus der Druckerei kam. Wenn Bücher vor hundert Jahren die Druckerei verließen, konnten sie oft noch nicht direkt gelesen werden. Insbesondere Bücher mit kleiner Auflage bestanden aus einer Folge mehrerer miteinander verklebter oder vernähter Druckbögen. Auf jedem Druckbogen waren mehrere Seiten in einer bestimmten Anordnung abgedruckt. Die Bögen wurden auf Seitengröße gefaltet, hintereinandergelegt und mit einem Umschlag ummantelt. Im Fall von Rychners Dissertation war das ein sehr dünner Pappeinband, der leicht entfernt werden konnte, um das Buch bei Bedarf mit einem solideren Einband zu versehen. Um solche Verarbeitungen zu erleichtern, wurden die gefalteten Seitenbögen vom Verlag Seldwyla in Bern seinerzeit nicht aufgeschnitten. Wie seit Beginn des Buchdrucks üblich, musste der erste Leser des Buches zum Papiermesser greifen, ehe er sich in das Werk vertiefen konnte.
Emil Ermatinger hat die Dissertation nicht einbinden lassen. Und er hat nur wenige Schnitte angesetzt, bis zum Ende des Vorworts. Im vorletzten Absatz durfte er dort lesen: „Meinem akademischen Lehrer Prof. Emil Ermatinger, der das Entstehen des Buches mit weitherziger Gesinnung betreute, möchte ich nicht versäumen, hier meinen Dank auszusprechen.“ Die sich daran anschließenden 136 Seiten wurden von Ermatinger allesamt nicht aufgeschnitten. Im Verhältnis zu den wohlgesetzten Worten, die Rychner in der Widmung wählte, wirkt das geradezu gleichgültig. Ja, es liegt der Verdacht nahe, dass Ermatinger lediglich wissen wollte, was beziehungsweise wie Rychner ihn im Vorwort würdigt. Einen Grund, Rychners Ausführungen über Gervinus erneut zu lesen, sah Ermatinger offenbar nicht. Rychner, bis hierhin von Ermatinger geleitet, musste nun seinen eigenen Weg gehen.
