Julian Nagelsmann, ehemaliger Bundes- und Bayern-Trainer, trug jüngst auf dem Oktoberfest Ohrringe, und ganz Deutschland fragte sich wie schon bei der Nichtberücksichtigung von Saïd El Mala im WM-Kader: Warum???
Mehrere Erklärungen liegen auf der Hand. Zum einen ist es gerade bei Männern nicht unüblich, einen neuen Lebensabschnitt mit einer markanten äußeren Veränderung zu verknüpfen: Vollbart, Strähnchen, Statement-Brille oder Statement-Brilli.
Verräterische Ohrläppchen
Bei Ohrringen besteht die Veränderung üblicherweise darin, sie abzulegen, statt sich welche zuzulegen. Bei manchen Arrivierten verrät allerdings das kleine Einstichlöchlein am Ohrläppchen – besser als in der Armbeuge! –, dass sie früher einmal ähnlich wild waren wie Friedrich Merz in seiner Mofa-Phase.
Bei Nagelsmann lassen Fotos vermuten, dass auch er in jüngeren Jahren einen Ohrring getragen hat. Will er an diese Zeiten anknüpfen? Während für Frauen-Ohrringe quasi gilt „von der Wiege bis zur Bahre“, ist der Männer-Ohrring, von Ausnahmen wie Reinhard Mey abgesehen, ein Insignium der Jugend, das anders als das viel persönlichere Penis-Piercing vom dauernden Wechselspiel der Außen- und Selbstwahrnehmung lebt.

Der Versuch, dem Alter ein Schnippchen zu schlagen?
Im Fall Nagelsmann ist der Ohrring womöglich der Versuch eines vermeintlich ewig Jungen, an der Schwelle zum 40. Geburtstag dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Dafür spricht, dass er dezente Ohrringe gewählt hat, also solche, die die Ohrläppchen nicht so sehr beschweren, dass diese vor der Zeit den Weg alles Endlichen gehen.
Vielleicht muss man aber auch den Kontext Oktoberfest stärker in den Blick nehmen. Die Zeichensprache auf der Wiesn ist traditionell darauf ausgelegt, im Getümmel zielgerichtetes Vorgehen sicherzustellen. Es wäre ja auch sehr ärgerlich, wenn man das kleine Zeitfenster der Zurechnungsfähigkeit, das einem im Zelt bleibt, auf eine Person verwendet, die sich am Ende als verheiratet zu erkennen gibt – und schlimmer noch: dies auch noch bierernst nimmt, statt über den zu Hause weilenden Partner, wie Sarah Connor, zu sagen: Wir sind „kein klassisches Ehepaar“ mehr.
Ein Vergleich mit den Dirndlschleifen drängt sich auf
Für solche Fälle wurden einst die Schleifen an den Dirndln eingeführt. Links: Single und für Flirts zu haben. Rechts: vergeben. Bei Männern vermittelten die Ohrringe ähnlich wichtiges Orientierungswissen, gerade auch für Frauen. Linksträger hieß: Hetero sprich interessant oder, je nach Perspektive, och nee, nervig, gefährlich. Rechtsträger: Homo, ois easy. Und was ist mit Ohrringen auf beiden Seiten, so wie sie jetzt Nagelsmann ausgeführt hat?
Früher wäre man hier mit Fußballkabinenkalauern gekommen: Flügelzange, beidseitig bespielbar, dergleichen. Heute ist im Fußball das Beidfüßige ebenso gängig wie das Beidohrige. Im Übrigen gilt: Ob jemand Ohrringe trägt, welche und warum, mag einst eine praktische Relevanz gehabt haben, es sollte aber für uns kein Thema mehr sein.
