Es vergeht kein Tag, an dem diese Länder nicht die Schlagzeilen dominieren. Seit dem Angriff Israels mit der Unterstützung der Vereinigten Staaten herrscht Krieg in Iran. In der Ukraine dauert dieser seit mittlerweile mehr als vier Jahren an. Wie lässt es sich unter solchen Bedingungen künstlerisch arbeiten und was bedeutet es, Mut zu haben in diesen Zeiten? Das haben wir die iranische Komponistin Sarvenaz Safari und den ukrainischen Komponisten Yuri Laniuk gefragt, die jeweils mit einer Uraufführung auf dem Kronberg Festival vertreten sind.
Die Kronberg Academy stellt ihr diesjähriges Festival unter das Motto „Courage!“. Am 23.09. wird Jens Peter Maintz das Cellostück „C wie …“ von Sarvenaz Safari spielen. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt sie, dass Maintz sie kurz nach der Uraufführung eines ihrer Stücke auf dem Ljubljana Musikfestival im Jahr 2025 angerufen und gefragt habe, ob sie sich vorstellen könne, ein Solostück mit dem Titel „Courage“ für ihn zu komponieren. Allein bei dem Begriff Courage ist es allerdings nicht geblieben, wie der Titel des Stücks bereits verrät.

Safaris Intuition beim Wort Courage sei das „Großspektrum der Liebe“ gewesen. Dieser Assoziation folgend, wollte sie in Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ nachschlagen. Allerdings fand sich keine Spur von Courage bei dem französischen Denker. Infolgedessen hat Safari in ihrem Solostück ein ganzes „Glossar der Courage“ entworfen, das unter anderem die Begriffe „cœur“ (Herz) oder „cultura“ enthält. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt sie, dass vor allem C wie „continue“ eine besondere Bedeutung für sie hat: Es müsse immer weitergehen, und man dürfe nicht aufgeben angesichts der Weltlage.
Die gebürtige Iranerin wuchs in einer Künstlerfamilie in Teheran auf und lebt mittlerweile in Berlin, wo sie an der Universität der Künste unterrichtet. Ihre Herkunft beeinflusse ihre Arbeit aber nach wie vor. Auf die Frage, was sich aus diesem Kulturraum für die Musik lernen lässt, antwortet sie lediglich mit einem Wort: „Sinnlichkeit“.
Der ukrainische Komponist Yuri Laniuk betont gegenüber dieser Zeitung eine Zweiteilung des Lebens, die der Krieg hervorgebracht habe. Einerseits versuche man, kreativ zu sein und zu arbeiten. Andererseits lebe man im Krieg. Auch an seinem Wohnort, in Lemberg, sei der Luftalarm hörbar, der Schutz vor feindlichen Drohnen oder Raketeneinschlägen gehöre zum Alltag.
Nun hat der Krieg in der Ukraine für Yuri Laniuk eine weitere tragische Wende genommen. Sein Sohn Yevhen Laniuk, Philosophieprofessor in Lemberg, wurde an der Front schwer verwundet. Es sei in diesen Tagen die „harte und tragische Realität“, dass „unsere besten Söhne unsere Freiheit und unser Recht auf Leben“ verteidigen, sagt er.
Zu Beginn des Krieges hat der Komponist selbst überlegt, sich freiwillig zur Landesverteidigung zu melden. In Anbetracht der schrecklichen Verbrechen sei er voller Angst und Wut gewesen. Doch als er kurz darauf die Anfrage erhielt, ein Streichtrio zu komponieren, machte er weiter mit der Musik.
Zahlreiche weitere Kompositionen sind seitdem entstanden. Wenn man weiß, dass das Leben jederzeit enden könne, sagt Laniuk, möchte man möglichst viel schaffen. Das habe ihm ein ganz neues Verhältnis zur Zeit gegeben, die er nun „fast fieberhaft“ schätze. Die nun beim Kronberg Festival zur Ausführung kommende „Elegie für großes Orchester“ sei das Resultat dieses schöpferischen Weges. Wie viele weitere Werke Laniuks wird es unter der Leitung von Oksana Lyniv uraufgeführt.
Aggression, Gewalt, Verstümmelung und der Tod unschuldiger Menschen, so Laniuk, seien heute Teil des Alltags. Dennoch könne der Wunsch nach Vergeltung ebenso in sein Gegenteil verwandelt werden: „in den Wunsch, die Welt mit Schönheit, Güte und Licht zu erfüllen.“ Damit sich Letzteres bewahrheite, wendet er sich in seiner Elegie der italienischen Barockmalerin Artemisia Gentileschi zu, deren Gemälde „unmittelbar mit unserer heutigen Wirklichkeit in Resonanz“ träten. Sein Stück verstehe er als „Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ und als „Zeugnis“ dafür, dass „wahre Kunst ewig und unbesiegbar“ sei.
In besonderer Weise fühlt sich Laniuk dem Cellisten Pablo Casals verbunden, dessen 150. Geburtstag das Kronberg Festival feiert. Dessen Name habe für ihn „beinahe etwas Sakrales“. Künstler wie er seien dazu imstande, die Welt zu verändern. Laniuk drückt damit eine Hoffnung aus, die das Kronberg Festival bereits in seinem Motto unterbringt.
Auf die Frage, was das Festivalmotto „Courage!“ für ihn bedeute, antwortet Laniuk zunächst, dass er vor dem Krieg hierauf wahrscheinlich deutlich pathetischer geantwortet hätte. Mut habe für ihn immer bedeutet, seinen eigenen Weg zu gehen und unerbittlich die eigenen Ziele zu verfolgen. Heute sei Mut für ihn jedoch „die Bereitschaft, im entscheidenden Augenblick sich selbst zu vergessen“. Vor wenigen Tagen habe er von einem ukrainischen Offizier gelesen, der selbstlos verwundete Kameraden rettete und dafür seinen eigenen Tod billigend in Kauf nahm. Laniuk formuliert damit ein Sinnbild der tragischen Wirklichkeit.
Es sind Geschichten, wie diese, die zeigen, dass es längst nicht mehr bloß die Worte sind, die der Krieg änderte, sondern auch die Empfindungen: „Ich würde sagen, dass ich seit Beginn des Krieges eine völlig neue Gefühlswelt in mir entdeckt habe, die meine musikalische Sprache nachhaltig verändert hat.“ Am 23. September wird das Youth Symphony Orchestra der Ukraine diese neue Sprache zum Klingen bringen.
