In welchen Bereichen erwarten Sie die meisten Neugründungen, wo sehen Sie die größten Chancen?
Wir haben bei uns in vielen Bereichen ein sehr großes Potential und beobachten eine Neugründungswelle: Im ersten Halbjahr 2026 gab es mit mehr als 3000 Start-up-Gründungen einen neuen Rekord. Maßgeblicher Treiber ist Künstliche Intelligenz. KI wird in den nächsten Jahren viele Branchen und Industrien grundlegend verändern. Als Standort mit starker industrieller Basis ist das für uns vor allem eine große Chance. Deswegen werden wir in den nächsten Jahren verstärkt B2B(Business-to-Business)-Start-ups sehen.
Welche aktuellen deutschen Start-ups werden bis dahin groß werden? Wem wünschen Sie den Durchbruch?
Es gibt hier momentan viele „rising stars“ am Start-up-Himmel. In den letzten Wochen haben mit Neura Robotics, einem Robotic-Start-up aus Baden-Württemberg, und den Defence-Tech-Start-ups Quantum, Stark und Helsing mehrere Start-ups Finanzierungsrunden mit einem Volumen von jeweils mehr als einer Milliarde abgeschlossen. Auch im Bereich der Fusionsenergie haben wir unter anderem mit Proxima Fusion und Marvel Fusion vielversprechende Start-ups. Der New-Space-Bereich ist ebenfalls sehr interessant. Hier leistet etwa Isar Aerospace großartige Pionierarbeit in Deutschland.
Woher wird oder sollte das meiste Kapital für Neugründungen kommen?
Vor allem geht es um das Kapital für die Skalierung. Ein wichtiger Hebel ist die Altersvorsorge. Wegen des umlagefinanzierten Systems nutzen wir das Geld der gesetzlichen Rente aber bisher leider noch nicht. In allen drei Säulen der Altersvorsorge sollten wir die regulatorischen Möglichkeiten schaffen, in die Anlageklasse Wagniskapital investieren zu können. Denn dadurch mobilisieren wir nicht nur mehr Kapital für Wachstumsunternehmen, sondern schaffen auch für die Breite der Gesellschaft neue Teilhabemöglichkeiten. Klug gemacht ist das eine Win-win-Situation. Und natürlich ist es entscheidend, viel stärker das Geld von institutionellen Investoren wie Versicherungen zu nutzen. Das Geld ist bei uns ja da. Es wird bisher nur noch nicht zukunftsorientiert zugeteilt.
Was raten Sie heutigen Schülern und Studenten, die am liebsten Gründer werden wollen?
Traut euch! Vermutlich war es in Deutschland selten zuvor so leicht, ein Unternehmen zu gründen, wie im Moment. Das heißt nicht, dass der Aufbau eines Unternehmens ein Spaziergang ist. Im Gegenteil: Das ist vor allem harte Arbeit und erfordert viel Durchhaltevermögen. Auch Rückschläge bleiben nicht aus. Und eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber das Ökosystem wird immer größer und ist sehr professionell geworden. Wir haben herausragende Gründerpersönlichkeiten, die als Vorbilder dienen und Know-how weitergeben. Aber wir brauchen die bestmöglichen Rahmenbedingungen. Wir haben noch immer zu viele Hindernisse bei der Skalierung von Unternehmen. Dabei sollte der Staat Gründungswilligen und Gründern den roten Teppich ausrollen, statt ihnen Steine in den Weg zu legen.
Welche Hürden für Gründer sollte die Politik dringend beseitigen?
Die Herausforderungen beginnen oft schon bei der Unternehmensgründung. Nicht selten warten Gründer etwa mehrere Monate auf ihre Steuernummer. Hier müssen wir viel schneller werden. Andere Länder machen uns das vor. Für Start-ups und Scale-ups müssen wir echte Wachstumsperspektiven schaffen. Nur so können bei uns heute die Champions von morgen entstehen.
Worauf freuen Sie sich persönlich?
Ich freue mich auf die Zukunft. Denn wir haben große Chancen, dass es uns in zehn oder 20 Jahren besser geht als heute. Technologische Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten haben unser Leben angenehmer gemacht. Und Innovationen haben dazu geführt, dass wir heute länger leben als je zuvor. Bei allen Herausforderungen liegt es doch vor allem an uns, was wir aus der Zukunft machen.
Verena Pausder ist Gründerin, Unternehmerin, Autorin und Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Deutsche Startups. Buch: „Das neue Land – Wie es jetzt weitergeht!“ (Murmann)
Morgen: Teil 8 der Reihe mit Düzen Tekkal.

