Wenn es ein Weckruf war, hat er funktioniert. „Ich hätte nie gedacht, dass es so voll wird“, nuschelte Kida Khodr Ramadan, um anerkennend nachzuschieben: „Cool.“ Der Schauspieler, Regisseur, Produzent und wohl für immer (auch hier wieder) mit der Rolle des Toni Hamady in „4 Blocks“ verbundene Ramadan war wie eine ganze Reihe hochkarätiger Produzenten und Regisseure der Einladung von Martina Richter zu einer von ihrer Firma, HMR International, gemeinsam mit den MMC Studios und dem Film Festival Cologne ausgerichteten, gegen alle Gepflogenheiten sogar kostenlos angebotenen Fachkonferenz zum Thema „Demokratie erzählen“ gefolgt.
Eine „Zäsur“ für Politik und Gesellschaft
Geplant hatte man die Tagung, als der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt absehbar wurde. Dass diese Partei dann tatsächlich nahezu durchmarschieren konnte, hat auch die Film- und Fernsehbranche aufgeschreckt: Ein großer Kölner Kinosaal war bis zur letzten Reihe gefüllt. Sven Lehmann (Grüne), Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, sprach in seinem Impulsvortrag von einer „Zäsur“, die die Politik in Deutschland und die Zivilgesellschaft verändern werde.
Nicht zufällig wollten die Rechtspopulisten eine Neuausrichtung der Kultur. Empathie und Perspektivwechsel entstünden nämlich in den Geschichten, die eine demokratische Gesellschaft über sich erzähle. Gefördert werden solle unter einer möglichen AfD-Regierung hingegen nur Kultur, die der deutschen Identitätsfindung diene. Es gehe letztlich um die Frage, „welche Stimmen Gehör finden“. Unter Druck stehe auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk; für viele der Produzenten der wichtigste Abnehmer ihrer Inhalte. Für Kreative werde es in Deutschland immer schwerer.
Niemals belehrend, aber mit „Haltung“
Wie aber erzählt und stärkt man nun Demokratie in Film, Dokumentation und Serie? Niemals belehrend, darauf konnten sich so gut wie alle Vortragenden und Diskutanten einigen. Nötig sei es, Filme mit Haltung zu machen, die aber – darauf hob insbesondere die in Israel geborene, in Deutschland lebende Regisseurin Ester Amrami ab – offen für Widersprüche und Komplexität sein müssten. Ihr sei sogar „ein Film mit der falschen Botschaft“ lieber als ein zu didaktischer. Es gehe ja gerade darum, auch Menschen zu zeigen und zu verstehen, die nicht so dächten wie man selbst.
Dem konnte Henriette Lippold (Ufa Mitte), die Produzentin unter anderem von „Deutschland 83“, nur zustimmen: Sie arbeite bei ihren oft auf Ostdeutschland fokussierenden Themen gern mit „gemischten“ Teams aus Ost- und Westdeutschen, weil durch den Austausch wichtige Fragen zustande kämen. Ümit Uludağ und Erik Winker von der auf engagierte Dokumentarfilme spezialisierten Produktionsfirma Corso Film ergänzten, dass sie in ihrer Arbeit darauf achteten, die weniger Sichtbaren sichtbar zu machen, etwa durch das konsequente Erzählen aus der Betroffenenperspektive.
„4 Blocks“ sei der AfD ein Dorn im Auge
Die Produzentin Birgit Schulz, die mit ihrer Firma „Bildersturm“ für Dokumentarfilme mit feministischer Ausrichtung steht („Petra Kelly – Act Now!“, „Was an Empfindsamkeit bleibt“), brachte Kampfgeist in die Runde: „Im Gegensatz zu früher bin ich nicht mehr bereit, Filme zu machen, die nicht wirklich eine politische Intention haben.“ Sie erreiche mit ihren Filmen durchaus auch die junge Generation, sagte Schulz. Das schaffte eine Serie wie „4 Blocks“ ebenfalls, außerdem lenkte sie den Blick auf sonst wenig sichtbare Milieus, in diesem Fall auf kriminelle Clans. Ob sie damit schon demokratiefördernd war, bleibe dahingestellt. In jedem Falle sei „4 Blocks“ der AfD ein Dorn im Auge, so Kida Khodr Ramadan. Inzwischen wählten aber auch Migranten aus dem Wedding die AfD, deshalb sei der Dialog darüber in Film und Medien so wichtig – und zugleich schwierig: „Man macht ja indirekte Werbung auch für die.“ Angst vor dieser „Hurensohnpartei“ habe er aber nicht: „Ich steh da wie eine Eins und geb ihnen eins.“
Ramadan lenkte den Blick auch darauf, was gerade nicht gut laufe für Filmemacher wie ihn. Man verliere die erzählerische Freiheit, weil in Sendern und Redaktionen alles ängstlich infrage gestellt werde. Für einen normalen Namen wie „Osama“ etwa musste er kämpfen. Selbst eine Zigarette, die einer seiner Charaktere rauchen sollte, wurde zum Problem. „Kontrolle“ sei „ein ganz großes Element“ geworden („es fängt schon beim Gendern an“). Und das mit Folgen: „Du hast schon Blockaden beim Schreiben.“ Für den Regisseur und Produzenten Volker Heise ist das Problem noch viel größer: Gewollt seien etwa im Dokumentarfach, in dem er unterwegs ist, nur noch Filme über Prominente oder starke Marken, die ihr Publikum quasi gleich mitbringen. Ein experimentelles Format wie „24h Berlin“ oder „Berlin 1933“ sei heute kaum noch durchsetzbar. Das Zuschneiden auf Zielgruppen mache jedoch kaputt, was den Dokumentarfilm im Kern auszeichne: seine Autonomie, die zu Unvorhergesehenem führe.
„Wie der Antisemitismus wieder um sich greift“
Im Laufe des Tages wurde dann auch der Zweifel hinsichtlich der Wirksamkeit des demokratischen Erzählens vernehmlicher. So zeigte sich Melanie Andernach, die den bewegenden Dokumentarfilm „Sieben Winter in Teheran“ (2023) über die Hinrichtung der Studentin Reyhaneh Jabbari in Iran produziert hat, „sehr ratlos“, wie man zukünftig erzählerisch gegenhalten solle, wenn die andere Seite permanent und mit großer Reichweite polarisierende Inhalte liefere. Nachzuziehen mit Dokumentarfilmen bloß noch über Prominente und Marken – sie teilte Heises Wahrnehmung – sei keine angemessene Antwort. Verloren gehe dabei „ein anderer Blick auf Gesellschaft“.

Fast schon verzagt wirkte Michael Souvignier, der Geschäftsführer von Zeitsprung Pictures, als er sagte, mit Filmen wie „Das Tagebuch der Anne Frank“, „Führer und Verführte“ oder zuletzt „Nürnberg 45“ habe er Millionen junge Menschen erreicht – und müsse jetzt erschüttert und frustriert feststellen, „wie der Antisemitismus wieder um sich greift“. Daran sei massiv die AfD schuld. Noch krasser drückte es die Produzentin Alice Brauner, Geschäftsführerin der 1946 gegründeten CCC Filmkunst, aus. Ihr Vater Artur Brauner, der große deutsch-jüdische Filmproduzent, habe von seinen über 350 Filmen allein 25 gemacht, die den Opfern des Holocaust gewidmet seien: „Und am 7. Oktober 2023 musste ich lernen, dass das alles für die Katz war, jeder einzelne Film, darunter ‚Hitlerjunge Salomon‘.“
„In Auschwitz gab es keine Heldengeschichten“
Dass das Wiederaufflammen des Antisemitismus in Deutschland zusammenfällt mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen, sei eine besonders bittere Erfahrung. Alice Brauner hat schließlich all ihre Wut über diese Zustände in ein Projekt kanalisiert, das vielleicht zeigen kann, was „Demokratie erzählen“ unter den gegenwärtigen, für Menschen jüdischer Abstammung oder mit Migrationshintergrund bedrohlicher werdenden Gesellschaftsumständen heißen kann. Denn mit „Block 10“, der – basierend auf historischen Dokumenten – medizinische Sterilisationsexperimente in Auschwitz zeigt, haben Alice Brauner (Buch) und Marcus O. Rosenmüller (Regie) den vielleicht radikalsten, drastischsten Spielfilm über die Shoah überhaupt gemacht. Seine Ausweglosigkeit ist Programm: „In Auschwitz gab es keine Heldengeschichten.“
„Ich wollte diesen Frauen wieder eine Stimme geben“, sagte Brauner, und sie will offensichtlich noch mehr: diesen Film, der im November in die Kinos kommt, allen entgegenschleudern nämlich, die von einer „Neuausrichtung der deutschen Erinnerungskultur“ faseln. Man wisse ja, so Brauner, dass Erinnerung nicht nur aus Zahlen bestehe, sondern „aus Menschen, aus Körpern, aus Entscheidungen, aus Angst, aus Würde“. Im Film ist das so eindrücklich zu spüren, dass die Tagung nach den Ausschnitten ins Stocken kam; niemand konnte eine Weile lang richtig weitersprechen.
In anderen Panels ging es dann wieder ganz klassisch um Verteilungs- und Rechtefragen zwischen Produzenten und Verwertern. Und doch nahm man am Ende von dieser Tagung, die wie eine Krisensitzung der Branche anmutete, diesen Appell mit: Wenn die Demokratie angegriffen wird, gilt es zu kämpfen. In diesem Fall um die Narrative.
