
Der Chef der Federal Reserve (Fed), Kevin Warsh, wagt sich in die Höhle des Löwens. Er hat im Einklang mit sämtlichen stimmberechtigten Notenbanker die erste Anhebung des Leitzinses binnen drei Jahren beschlossen. Der Zinsschritt von einem Viertel Prozentpunkt hievt die Leitzinsen in die Bandbreite zwischen 3,75 und 4 Prozent. Damit widersetzt sich Warsh den Wünschen des Präsidenten Donald Trump, der eine Leitzinssenkung verlangt und stärkt gleichzeitig seine Glaubwürdigkeit als Inflationsbekämpfer.
Weitere Zinsschritte in diesem Jahr sind aus Sicht der Notenbanker wahrscheinlich. Zwölf der 18 Notenbanker rechnen in diesem Jahr mit einer weiteren Zinserhöhung. Vier halten sogar zwei weitere Schritte für gerechtfertigt. Das geht aus den Projektionen der Zentralbanker hervor. Warsh hat auch diesmal keine Projektion abgegeben. Der geldpolitische Kurs droht politische Konflikte heraufzubeschwören, besonders wenn die Fed wenige Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen die Zinsen weiter anheben sollte.
Neuer Kommunikationsstil
Die Mitteilung der Notenbank fällt spartanisch aus und entspricht damit dem neuen Kommunikationsstil, den Warsh der Institution verordnet hat. Die amerikanische Wirtschaft wachse im soliden Tempo, während die Unsicherheit wegen geopolitischer Entwicklungen sehr hoch sei, heißt es in der Mitteilung. Die Formulierung zielt auf dem Konflikt im Mittleren Osten.
Die Notenbanker weisen weiter darauf hin, dass die Binnennachfrage stabil geblieben sei und die Produktivität kräftig wachse bei hohem Investitionsniveau. Während der Arbeitsmarkt robust sei, bleibe die Inflation zu hoch. „Die Zinserhöhung soll dazu beitragen, die Teuerung schneller auf das Zwei-Prozent-Ziel zurückzuführen.“ Die Fed wiederholte in der Mitteilung das Versprechen, dass sie für Preisstabilität sorgen werde. Das war die Kernaussage von Warshs viel beachteter Jackson Hole-Rede. Die Notenbank verfehlt seit mehr als fünf Jahren das Inflationsziel von 2 Prozent.
Aktien geben deutlich nach
In einer ersten Reaktion sank die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen am Mittwoch um fünf Basispunkte auf 4,95 Prozent, nachdem die Fed den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt erhöht hatte. Der Schritt war an den Märkten weitgehend erwartet worden. Die besonders zinssensiblen zweijährigen Treasuries rentierten ebenfalls etwas niedriger: Ihre Rendite fiel um rund zwei Basispunkte auf 4,64 Prozent. Die führenden Aktienindizes gaben unisono deutlich nach.
Warsh sieht die Entscheidung gerechtfertigt durch Stärke der amerikanischen Wirtschaft, die sich durch hohe Investitionen, niedrige Arbeitslosigkeit und einigermaßen günstige Finanzkonditionen gekennzeichnet sei. Sie zeige eine bemerkenswerte Widerstandskraft angesichts der geopolitischen Turbulenzen. Wichtiger aber noch für die einhellige Entscheidung für eine Leitzinserhöhung war die Inflationsentwicklung. „Die schlichte Tatsache ist, dass die Inflation zu hoch ist und das schon viel zu lange.“ Die Ärmsten hätten am meisten zu gewinnen, wenn die Preise stabil seien, sagte Warsh. Jüngste Inflationsdaten zeigten nicht, dass sich die unterliegenden Teuerungstrends entscheidend verbessert hätten.
Die Notenbanker erwarten ihren Projektionen zufolge für dieses Jahr eine Inflationsrate von 3,7 Prozent, die nächstes Jahr auf 2,3 Prozent sinkt. Die Wirtschaft wächst 2,3 Prozent, während sich die Arbeitslosenquote bei 4,1 Prozent stabilisiert.
Warsh verweigerte in der Pressekonferenz Antworten auf Fragen, die Trumps Forderungen nach Zinssenkungen zum Inhalt hatten. Der US-Präsident hatte damit gedroht, den Handel mit anderen Ländern einzustellen, wenn die US-Notenbank nicht ihre Leitzinsen senke.
Für den Anstieg von Renditen der US-Staatsanleihen machte Warsh drei Gründe verantwortlich: Die starke Wirtschaftskraft der USA, die Konkurrenz mit Technologiekonzernen, die Kapital suchen und generell die Geopolitik. Die von Marktbeobachtern als Ursache diskutierten Faktoren Staatsdefizit und Inflationserwartungen nannte er dagegen nicht.
