Xītomatl ist ein Wort aus dem Nahuatl, der Sprache der Atzteken, und bedeutet so viel wie „Nabelfrucht“. Einfach nur „Tomatl“ ist ein Oberbegriff für alle runden, saftigen Früchte. Speziell Xītomatl aber sind die Beeren des Nachtschattengewächses Solanum lycopersicum, vulgo Tomate. Der gelehrtenlateinische Artname bedeutet so viel wie „Wolfspfirsich“ und verewigt ein Missverständnis frühneuzeitlicher Nordwesteuropäer. Die hielten die in ihren Breiten zögerlicher reifenden Früchte anfangs für giftig. Immerhin versuchte der Artname Lycopersicon esculentum, der bis zur korrekten Einordnung der Tomatenpflanze durch die Genetik gebräuchlich war, es dann wiedergutzumachen: „esculentum“ bedeutet „essbar“.
Wir halten das für ein Understatement. Vielmehr haben die Azteken – und die 1,7 Millionen Menschen, die Nahuatl bis heute sprechen – vollkommen recht: Tomaten sind der Nabel jeder Gemüseküche. Daher haben wir auch schon mal acht Euro für ein Glas eingelegte Tomaten springen lassen.
Die Insel der Tomaten
Das war auf der Ägäisinsel Santorini. Dort lebte man bis in die 1950er-Jahre hinein fast ausschließlich vom Tomatenanbau. Heute sind fast alle Tomatenfelder touristischer Infrastruktur gewichen. Die letzte der einst neun Fabriken, die auf der Insel Tomaten zu Püree verarbeiteten, schloss 1981, und die Erzeugnisse der verbliebenen Tomatenbeete sind heute nur zu Apothekenpreisen zu haben.

Dabei ist die Tomatáki Santorinis eine tiefrote Kirschtomate, die auf dem vulkanischen Boden der sonnigen Insel ohne künstliche Bewässerung nur dank der hohen Luftfeuchtigkeit gedeiht. Das macht sie ungemein aromatisch und verleiht ihr eine eigentümlich säuerliche Süße. Die Bedingungen verlangen der Sorte zudem eine hohe Salztoleranz ab.
Beliebter als Bananen
Damit aber hat die Tomatáki Santorinis vielleicht eine große internationale Zukunft vor sich. Denn weltweit ist die Versalzung von Agrarflächen ein großes Problem, das infolge der globalen Klimaerwärmung zukünftig sicher nicht kleiner werden wird. In warmen Ländern führt falsche Bewässerung leicht zu einer Akkumulation von Mineralstoffen in den Böden, die ab einem gewissen Punkt das Pflanzenwachstum und damit die Erträge beeinträchtigt.
Global sind 20 bis 30 Prozent der Anbauflächen für Nahrungsmittel von Versalzung bedroht. Dazu zählen auch Tomatenäcker, denn mit 192 Millionen geernteten Tonnen in 2023 ist die Tomate heute die am meisten angebaute botanische Frucht. Nur Zuckerrohr, Mais, Weizen, Reis, Zuckerrüben und Kartoffeln werden noch mehr erzeugt. Selbst eine mäßige Erhöhung der Salztoleranz von S. lycopersicum würde daher einen Beitrag zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung leisten.
Forscher von der University of Texas in El Paso haben dafür ein Verfahren entwickelt, das sie unlängst im International Journal of Phytoremediation veröffentlicht haben. Sie besprühten Pflanzen unter moderatem und starkem Salzstress mit Lösungen, die Manganoxid-Nanopartikel respektive das Biopolymer Chitosan enthalten. Das erhöhte die Wurzelmasse gegenüber unbehandelten gestressten Tomaten um 55 Prozent, schreiben die Forscher. Die Menge an chemischen Markern für Zellschäden ging zurück, und die Pegel der antioxidativ wirkenden Enzyme stiegen um bis zu 300 Prozent.
Allerdings, wie oft bei solchen Erfolgsmeldungen, dämpft auch hier am Ende der Hinweis auf noch ausstehende Untersuchungen der Langzeitwirkung und der Umweltfolgen die Euphorie. Auch die ökonomische Seite – Nanopartikel und Biopolymere gibt es nicht zum Nulltarif – bedarf offenbar noch näherer Prüfung. Vielleicht sollte man also schauen, ob der texanischen Tomatenindustrie nicht auch mit der Tomatáki Santorinis gedient wäre.
