
Kritiker von Künstlicher Intelligenz (KI) befürchten, dass sie in großem Umfang Arbeitskräfte ersetze, die Löhne kollabieren und am Ende die Basis für das Erheben von Sozialabgaben fehle, die ja als Prozentsatz der Arbeitseinkommen ermittelt werden. Entsprechend kommen Forderungen auf, Kapital in großem Stil zu besteuern, um damit Sozialausgaben zu finanzieren und die verbliebenen Arbeitseinkommen steuerlich zu entlasten, wobei das eine gefährliche Kapitalflucht auslösen dürfte.
Gegen solche Horrorszenarien spricht, dass der Anteil der gezahlten Löhne am Volkseinkommen, die Lohnquote, über viele Jahrzehnte recht stabil war. So schwankt sie in Deutschland seit Beginn der 1970er Jahre um einen Wert von 70 Prozent, wobei sie wegen der Knappheit an Arbeitskräften zuletzt auf 75 Prozent anzog. In den USA, wo die Lohnquote nach fünf Jahrzehnten weitgehender Stabilität in den vergangenen zwanzig Jahren gefallen ist, ist immerhin die Summe der gezahlten Löhne bereinigt um Inflation bis zuletzt deutlich gestiegen. Für diese mutmachenden Beobachtungen gibt es gute Gründe, die auch für die Zukunft relevant sind.
Neue Technologien automatisieren nur einen kleinen Teil der Arbeit
Erstens automatisieren neue Technologien bei Weitem nicht alle zuvor von Menschen erledigten Tätigkeiten, sondern nur einen kleinen Teil. Der Nobelpreisträger Daron Acemoglu hat für die USA herausgefunden, dass auf Sicht von zehn Jahren nur rund 20 Prozent aller Tätigkeiten grundsätzlich von KI automatisiert werden könnten, wobei das nur bei einem knappen Viertel dieser Tätigkeiten wirtschaftlich sinnvoll ist. Insgesamt sind in den USA also nur knapp fünf Prozent aller Aufgaben wirtschaftlich durch KI ersetzbar.
Dieser niedrige Anteil überrascht mit Blick auf die vielen Berichte über spektakuläre Erfolge von KI. Aber diese beziehen sich letztlich nur auf einzelne Tätigkeiten. Dagegen sind ganze Wirtschaftszweige wie Krankenpflege, Handwerk, Erziehung oder innere Sicherheit nicht in nennenswertem Umfang durch KI ersetzbar, auch wenn dort KI unterstützend eingesetzt werden kann.
Neue Aufgaben entstehen, die Produktivität steigt
Zweitens automatisiert KI nicht nur Tätigkeiten. Vielmehr lässt der technologische Fortschritt gleichzeitig neue Aufgaben entstehen, bei denen Menschen einen Wettbewerbsvorteil haben. Ein Beispiel dafür sind KI-Manager, die entsprechende Systeme in Unternehmen ausrollen, oder KI-Ethikberater, die Algorithmen auf Fairness und Datenschutz überprüfen. Mit der Zeit werden weitere neue Tätigkeiten entstehen, die heute noch nicht absehbar sind. Das war auch bei zurückliegenden Technologieschüben zu beobachten. So entstand mit der Dampfmaschine der Beruf des Maschinenbauers, mit der Elektrifizierung der des Elektrikers und mit dem Aufkommen der Computer ein Heer von Programmierern und Systemadministratoren.
Drittens – und das ist besonders wichtig – machen neue Technologien wie KI die Unternehmen produktiver, was die technologisch bedingten Jobverluste ausgleichen kann. So wird KI bei Übersetzungen, beim Programmieren, dem Erstellen von Präsentationen, medizinischen Bilddiagnosen und anderen Arbeiten immer leistungsfähiger. Entsprechend sinken die Produktionskosten der Unternehmen, die ihre Preise reduzieren können. Die Kunden reagieren auf die sinkenden Preise mit mehr Nachfrage, und die Unternehmen können mehr produzieren. Für die nicht automatisierbaren Tätigkeiten benötigen sie mehr Arbeitskräfte, sodass die Summe der gezahlten Arbeitseinkommen für sich genommen steigt. Meist erhöht sich durch diesen Produktivitätseffekt auch die Lohnquote.
Betrachtet man die drei Effekte zusammen, so vernichtet KI zunächst einmal Jobs – etwa für junge Wirtschaftswissenschaftler, die in Unternehmensberatungen nicht mehr gebraucht werden, um Informationen zu beschaffen oder Präsentationen zu erstellen. Aber mit der Zeit entstehen neue Arbeitsplätze – entweder direkt durch KI oder angestoßen vom rascheren Anstieg der Produktivität, der auf KI zurückgeht, die Preise senkt und die Nachfrage nach Gütern und damit auch nach Arbeitskräften erhöht. Es gibt also Gegenkräfte, die die Arbeitseinkommen und die Lohnquote mit der Zeit wieder steigen lassen. Das übersehen die heutigen KI-Skeptiker, wie übrigens auch der Nobelpreisträger Wassily Leontief, der 1982 Arbeitskräften fälschlicherweise das Schicksal der Arbeitspferde prophezeite, die auf Dauer aus dem Produktionsprozess verschwunden waren.
Es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass Arbeitseinkommen auch in Zukunft den Sozialstaat finanzieren können. Damit erübrigen sich alle radikalen Vorschläge, Kapital viel stärker als Arbeit zu besteuern. KI ist auf längere Sicht keine Bedrohung des Sozialstaats. Ganz im Gegenteil: KI macht Volkswirtschaften produktiver und die Menschen wohlhabender, wovon auch der Sozialstaat profitiert.
