
Wer in diesen Tagen durch Birmingham gelaufen ist, musste schon ziemlich genau hinschauen, um überhaupt mitzubekommen, dass in der zweitgrößten Stadt Großbritanniens eine Leichtathletik-EM stattfindet. Die wenigen Plakate, die es gab, gingen im Stadtbild beinahe unter, und auch die Werbung des britischen Sprinters Zharnel Hughes für Kokoswasser konnte nur um das Stadion herum mit der EM in Verbindung gebracht werden.
Auf den Rängen hat sich dieses Bild fortgesetzt. Viele Plätze blieben leer. Zwar gab es Tickets schon ab zehn Pfund, und laut Veranstalter war die Hälfte der verkauften Tickets auch für 30 Pfund oder weniger erhältlich. Der eigentliche Preis eines Stadionbesuchs besteht aber nicht nur aus der Eintrittskarte: Mit Essen, Trinken und Anreise konnten die Sessions am Wochenende für Familien schnell teuer werden. Und das ausgerechnet bei einer Sportart, die davon lebt, dass auch Menschen vorbeikommen, die nicht jeden Tag Leichtathletik schauen.
Eigentlich liebt Birmingham Sport
Eigentlich hat Birmingham ein Publikum, das Sport liebt. Das Alexander Stadium hat schon Commonwealth Games, britische Leichtathletik-Meisterschaften und Diamond-League-Meetings ausgetragen. Und trotzdem ist es nicht gelungen, die Ränge so zu füllen, wie es eine EM verdient hätte. Wenn schon Abendsessions mit britischen Medaillenchancen und den prestigeträchtigen 100 Metern kein volles Stadion bringen: Was muss die Leichtathletik dann eigentlich noch tun?
Nur weil bei einer EM Keely Hodgkinson, Armand Duplantis, Femke Bol oder Karsten Warholm dabei sind, heißt das nicht, dass die Menschen bereit sind, auch an mehreren Tagen ins Stadion zu kommen. Interesse muss geweckt werden, aber wie soll das gelingen, wenn eine Veranstaltung außerhalb des Stadions kaum sichtbar ist?
Vorteil nicht ausgespielt
Birmingham hätte die EM nutzen können, um eine neue Generation für Leichtathletik zu begeistern. Sie ist eine der wenigen Sportarten, die fast jeder irgendwann einmal selbst betrieben hat. Das ist ein großer Vorteil, wenn man ihn ausspielt. Ziel müsste es sein, nicht nur die ohnehin überzeugten Zuschauer zu erreichen, sondern auch diejenigen, die bislang vielleicht nur während der Olympischen Spiele einschalten.
Mit dem „Mondo“-Ticket konnten sich Kinder am Freitagvormittag für 6,31 Pfund (angelehnt an Duplantis’ Weltrekord, d. Red.) die Qualifikation im Stabhochsprung anschauen. Das zeigt, dass niedrigschwellige Angebote möglich waren. Warum hat man nicht auch freie Plätze bewusst günstig an Schulen oder Vereine abgegeben? Ein Kind, das durch eine EM zur Leichtathletik findet, ist wertvoller als ein leerer Sitzplatz, den man theoretisch für 100 Pfund hätte verkaufen können.
Die Leichtathletik hat offensichtlich ein falsches Bild von sich selbst. In Birmingham wurde versucht, sie wie ein Spiel der Premier League zu verkaufen: mit hohen Preisen für die attraktivsten Sessions und der Hoffnung, dass große Namen allein für Nachfrage sorgen würden. So funktioniert Leichtathletik aber nicht. Im Gegensatz zum Fußball muss sie Menschen zunächst erreichen, begeistern und an sich binden, bevor erwartet werden kann, dass diese Menschen viel Geld für Tickets ausgeben.
Das macht die mangelnde Präsenz in Birmingham so irritierend. Selbst Leute, die in unmittelbarer Nähe wohnen, haben nicht mitbekommen, dass vor ihrer Haustüre eine EM stattfindet. Dabei bieten solche Großereignisse die seltene Möglichkeit, Leichtathletik für ein neues Publikum erlebbar zu machen. Dafür darf sie aber nicht nur im Alexander Stadium stattfinden, sondern muss in der ganzen Stadt zu sehen sein.
