
Die Wohnungskrise in Hessen ebbe nicht ab und werde sich noch verschärfen: Das hat Axel Tausendpfund, Vorstand des Verbandes der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft (VdW), am Mittwoch gesagt. Er fordert Vorfahrt für den Wohnungsbau, damit wieder mehr bezahlbare Wohnungen entstehen könnten. Kritik äußerte der Vorstand an der Reduzierung der Förderprogramme von Bundes- und Landesregierung für energetische Sanierungen sowie der Berliner Diskussion zur Enteignung von Wohnungsunternehmen. Diese sei fatal und verunsichere den Markt.
Vergangenes Jahr wurden in ganz Deutschland 206.586 Wohnungen fertiggestellt. Für die Menschen werden jedoch pro Jahr etwa 320.000 neue Wohnungen benötigt. In Hessen bietet sich ein ähnliches Bild. „Wir hatten im Jahr 2024 noch 17.977 neue Wohnungen, die fertiggestellt worden sind, und sind 2025 auf 15.542 Wohnungen runtergegangen. Das entspricht einem Minus von 13,5 Prozent“, berichtete Tausendpfund. Benötigt würden jedoch jährlich etwa 26.000 neue Wohnungen bis zum Jahr 2030.
Hohe Baukosten bremsen den Neubau
Bei den Baugenehmigungen sieht die Lage im Bund etwas besser aus, anders sieht es da in Hessen aus. Stiegen die Baugenehmigungen im ersten Halbjahr 2026 in ganz Deutschland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15,1 Prozent, betrug dieses Wachstum in Hessen nur 3,7 Prozent. „Als eines der wirtschaftsstärksten Bundesländer in Deutschland kann das eigentlich nicht der Anspruch von Hessen sein“, kommentierte Tausendpfund die Zahlen. Im ersten Halbjahr 2026 wurden laut Statistischem Landesamt insgesamt 8025 Baugenehmigungen in Hessen erteilt. Das sei viel zu niedrig, um den künftigen Bedarf zu befriedigen, zumal nicht jede genehmigte Wohnung auch tatsächlich gebaut werde.
„Wir haben schlicht und ergreifend mittlerweile so hohe Baukosten, dass das Produkt Wohnungsbau einfach zu teuer geworden ist“, sagte der Vorstand. So hätten die Baukosten seit 2019 um mehr als 50 Prozent zugelegt. Die allgemeine Preissteigerung in diesem Zeitraum betrug 23,7 Prozent, und die Nettokaltmiete im Bestand sei seit 2019 lediglich um 12,6 Prozent gestiegen. Bei Neuverträgen und Neubauten gebe es indes deutlich höhere Mietsteigerungen. Weil durch die Mietpreisbremse die Mieten im Bestand „faktisch“ eingefroren würden, entstehe im Mietmarkt ein Lock-in-Effekt: Es sei einfach nicht mehr interessant umzuziehen, wenn man für eine kleinere Wohnung eine höhere Miete zahlen müsse. Die Mietpreisbremse sei zudem weder sozial gerecht, noch habe sie den Wohnungsmarkt heilen können. „Der Patient ist eigentlich kranker als je zuvor“, sagte Tausendpfund.
„Wir profitieren von dem, was in den vergangenen Jahren genehmigt wurde“
Aufgrund der genannten Rahmenbedingungen hat der VdW, der etwa 200 Unternehmen der Wohnungswirtschaft in Hessen und Rheinland-Pfalz vertritt, eine Prognose erstellt, laut der 2026 in Hessen sogar nur noch rund 12.700 Wohnungen fertiggestellt werden. Das wären dann rund 13.000 weniger als benötigt. Weil sich die leicht gestiegene Zahl der Baugenehmigung laut Tausendpfund erst in zwei bis drei Jahren auswirken wird und er auch noch keinen nachhaltigen Trend erkennt, rechnet er auch 2027 nicht mit einer Verbesserung der Situation.
Damit Bauherren kostendeckend bauen können, müssten Wohnungen laut Tausendpfund zu Quadratmeterpreisen von 18 bis 22 Euro vermietet werden. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Miete der im Verband organisierten hessischen Mitgliedsunternehmen 8,11 Euro pro Quadratmeter und im Land 8,77 Euro pro Quadratmeter. Insgesamt 1889 Wohnungen wurden von den Mitgliedsunternehmen 2025 in Hessen fertiggestellt. „Wir profitieren von dem, was in den vergangenen Jahren genehmigt wurde“, sagte Tausendpfund. Er geht jedoch davon aus, dass schon diesem Jahr weniger Wohnungen der VdW-Mitglieder bezugsfertig werden.
Das belegt auch der Blick auf die eigentlich gestiegenen Investitionen: Von den insgesamt 1,53 Milliarden Euro, die die VdW-Mitglieder vergangenes Jahr investierten, wurden 995 Millionen Euro in den Bestand gesteckt und nur 529 Millionen Euro in den Neubau. 2020 wurden noch mehr als 800 Millionen Euro in neue Wohnungen investiert. Dabei bieten die VdW-Mitglieder mehr als 80 Prozent der geförderten Wohnungen im Land an. Vergangenes Jahr stieg ihre Zahl auf 72.368. Für Hessen gibt es laut Tausendpfund keine offiziellen Zahlen für das Jahr 2025.
Um eine Trendumkehr zu schaffen, sieht der Vorstand die Politik in der Pflicht. Die Landesregierung habe mit der Nivellierung der hessischen Bauordnung einen guten Weg eingeschlagen. Nun gehe es darum, die Vorschläge im Entwurf des Baupaketes II vollständig umzusetzen. Die eingesetzte Expertenkommission habe sich dafür ausgesprochen, 600 Seiten der technischen Baubestimmungen für drei Jahre als nicht mehr verpflichtend anzusehen, sofern es sich nicht um sicherheitsrelevante Inhalte handele. Zudem müsse der Bund endlich den Gebäudetyp E in einem Gesetz rechtssicher regeln.
Die FDP-Fraktion im Landtag nimmt die neuen Zahlen zum Anlass, Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) zu kritisieren. Dessen „Bauturbo“ habe nicht gezündet. Fraktionschef Stefan Naas sagte, der Minister habe zudem mit seinem Leerstandgesetz das Vertrauen von Investoren verspielt.
