
„Die Listerien musste man nicht mit der Lupe suchen, die haben einen angesprungen.“ Mit diesen Worten hat Tobias Lackner, Mitglied der Task-Force Lebensmittelsicherheit des Regierungspräsidiums Darmstadt, am Freitag im Prozess um den sogenannten Wilke-Wurst-Skandal die desolaten hygienischen Bedingungen in dem Betrieb nach dessen Schließung beschrieben. In dem Verfahren am Landgericht Kassel sind der 57 Jahre alte ehemalige Geschäftsführer des Unternehmens, seine 55 Jahre alte Stellvertreterin sowie der 58 Jahre alte frühere Produktionsleiter angeklagt – unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in elf Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in sieben Fällen und Lebensmittelverstößen.
Die Angeklagten sollen dafür verantwortlich sein, dass mit Listerien verseuchte Fleisch- und Wurstwaren der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren über Jahre in den Handel gekommen sind. Der Betrieb im nordhessischen Twistetal im Landkreis Waldeck-Frankenberg wurde im Oktober 2019 geschlossen, nachdem in seiner Wurst Listerien-Keime nachgewiesen worden waren. Listerien sind Bakterien, die sich auch in kühler Umgebung vermehren.
Der Anklage zufolge sind 37 Menschen nach dem Verzehr der mit Keimen verunreinigten Produkte an einer Listeriose erkrankt. Bei elf von ihnen soll die Infektion zumindest mitursächlich für ihren Tod gewesen sein. Diese Betroffenen waren zwischen 47 und 86 Jahre alt und stammten aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Berlin und dem Saarland. Die Keime können bei geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Einige der Verstorbenen befanden sich in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken, die von Wilke beliefert wurden. Sieben weitere Menschen sollen schwere Krankheitssymptome entwickelt haben.
Sogar nach der Desinfektion noch Keime nachweisbar
Noch nach der Reinigung und Desinfektion des Betriebs nach Bekanntwerden des Listeriose-Ausbruchs seien vier von zwölf Proben von Oberflächen positiv auf den Keim getestet worden, berichtete Task-Force-Mitglied Lackner. Er ist Leiter des Dezernats für Veterinärwesen und Verbraucherschutz im Regierungspräsidium Darmstadt. Die Task-Force war wenige Tage vor der endgültigen Schließung des Betriebs hinzugezogen worden, um Handlungsempfehlungen zu geben. „Das ist ein absolutes No-Go, wenn auch nach der Reinigung noch Bakterien auf produktführenden Oberflächen sind. Das bedeutet ein völliges Versagen des Hygiene- und Reinigungsmanagements im Betrieb“, sagte der Zeuge.
In der Fabrik herrschten nach seinen Worten Bedingungen, die es dem nachgewiesenen Bakterienstamm erlaubt hätten, sich dort einzunisten. Wenn dieser Stamm dann in die Produkte gelange, sei das „der Supergau“. Desaströse Bedingungen bei Kontrolle
Amtstierärztin Beatrice Ladewig war damals als Mitglied der Task-Force nach Twistetal zur Kontrolle des Betriebs geschickt worden. „Ich dachte, ich komme in einen guten Betrieb“, sagte sie. Schließlich habe er unter anderem Krankenhäuser und Altenheime beliefert. „Da erwarte ich ein gewisses Hygieneniveau.“ Ladewig berichtet vor Gericht über die Zustände bei Wilke: Alle besichtigten Räume seien feucht gewesen. Auf den Böden habe teils Wasser gestanden. An den Decken hätten sich Schimmel und Kondenswasser befunden. „Und das war nicht nur ein bisschen. Da hingen Tropfen dicht an dicht.“ Auch an Rohren habe sich Schimmel gebildet.
Amtstierärztin: „Lage in höchstem Maße alarmierend“
Ladewig berichtete darüber hinaus von Mäusekot, Verunreinigungen, verschmutzten Reinigungsgeräten, Rost an Produktionsteilen und unsachgerechter Lagerung der Fleischwaren. Der Boden in einem Raum sei so stark verschmutzt gewesen, dass man seine ursprüngliche Farbe nicht mehr habe erkennen können. Aus dem Warenaufzug sei Fäulnisgestank geströmt. „Ich bin mir nicht sicher, inwiefern da überhaupt gereinigt und desinfiziert wurde.“
Im Kühlraum seien die Bedingungen noch viel schlimmer gewesen. Kondenswasser sei aus einem Rohr auf den Boden gelaufen. Dort habe sich Schaum gebildet und es habe gerochen wie in einer Kläranlage. Der Raum, in dem Ware gelagert worden sei, sei offensichtlich schon länger nicht mehr gereinigt worden. Er habe sich in einem absolut desolaten Zustand befunden. Auch in den Kühlkammern habe sich Schimmel gebildet. Der Boden sei verschmutzt, Türdichtungen seien porös und in Zersetzung begriffen gewesen. Schimmel habe sich auch an der Wand über Förderbändern befunden.
Ziel der Kontrolle sei gewesen, die Mängel in dem Betrieb aufzudecken, die abgestellt werden müssten, um ihn wieder öffnen zu können, sagte Ladewig. Nach der Kontrolle sei für sie klar gewesen, dass der Betrieb in absehbarer Zeit nicht wieder geöffnet werden könne. „Die Lage war für uns in höchstem Maße alarmierend“, sagte auch Lackner. „Wir mussten was tun, ansonsten wäre der Listerien-Ausbruch weitergegangen und wir wären in Teufels Küche gekommen.“
In dem Strafverfahren vor der zweiten großen Wirtschaftsstrafkammer des Kasseler Landgerichts sind zunächst weitere Termine bis Mitte August vorgesehen.
