Nach dem Mannschaftszeitfahren und den ersten Bergen, die wir überquert haben, gab es auch den ersten Sprint bei der Tour de France. Das ist für mich eine gute Gelegenheit, mal zu erklären, wie so ein Tag abläuft. Für viele, die diese Etappen schauen, in denen sich dann nur ein Fahrer oder eine kleine Gruppe vorn in Szene setzt, ist das vielleicht am Anfang nicht ganz so interessant. Aber man muss sagen: Das Zurückholen der Ausreißer sieht im Fernsehen viel einfacher aus, als es auf der Straße dann wirklich ist.
Die ersten 30 oder 40 Kilometer sind dann häufiger wirklich mal total ruhig. Auch auf der fünften Etappe war es wie eine lockere Erholungsfahrt, die man am Ruhetag machen würde. Solche Startphasen sind gut für Unterhaltungen, für die sonst kaum Zeit bleibt. Ich habe mich zum Beispiel fast eine Stunde lang mit Mads Pedersen ausgetauscht. Dem hatte ich am Vortag während der Neutralisation viel Glück gewünscht, weil ich wusste, dass er sich die Etappe herausgepickt hatte.
Wie er und seine Teamkollegen die dann gewonnen haben, war eine Meisterleistung. Er kam daraufhin zu mir und meinte mit einem Lachen: „Danke! Was du gesagt hast, hat geholfen.“ Ich habe ihm dann geantwortet: „Es wäre schön gewesen, wenn das Tempo nicht ganz so hoch gewesen wäre, damit mein Teamkollege Frank van den Broek es hinten raus auch nach ganz vorne in die Gruppe hätte schaffen können.“ Grundsätzlich kann man sagen: Da unterhält man sich dann einfach über alles. Das reicht vom klassischen Small Talk über Autos bis hin zu privaten Dingen, wenn man sich so lange kennt wie Mads und ich.

Wenn sich der Vorsprung der Ausreißergruppe stabilisiert hat, ist es mit Unterhaltungen aber auch schnell vorbei. Dann geht das Tempo relativ schnell hoch. Häufig zeigt dann erst mal die Mannschaft, die gerade das Gelbe Trikot hat, Präsenz und schlägt ein gewisses Grundtempo an. Die hat dann aber natürlich nicht das Ziel, die Lücke zu den Ausreißern wieder zu schließen. Das müssen dann die Sprinterteams der Favoriten machen, die sich an diesem Tag etwas ausrechnen. Das ist, je nachdem wer vorn fährt, mal schwerer und mal leichter.
Ich glaube auch, dass die Fernsehmotorräder durch den Windschatten, den sie geben, häufiger mal die Geschwindigkeit und damit auch das Rennen beeinflussen. Es wird von vielen Rennfahrern schon seit langer Zeit angekreidet, dass dagegen etwas getan werden muss. Manchmal ist es so, dass die Spitzengruppe einen größeren Vorteil hat, weil das Feld kein Motorrad vor sich hat. Hier bei der Tour de France sind überall Motorräder. Beim Giro d’Italia hat man aber gut gesehen, wie Motorräder ein Rennen beeinflussen können. Da ist das Feld hinten permanent Vollgas gefahren, kam aber nicht näher heran. Das lässt sich dann nur noch mit dem Einfluss des Windschattens erklären.
60 Kilometer vor dem Ziel beginnen die Positionskämpfe
Je dichter wir dann vor dem Ziel sind, desto mehr nimmt die Anspannung zu. Bei keinem Rennen wird es so früh so nervös und so hektisch wie bei der Tour. Es gibt teilweise Etappen, bei denen 60 Kilometer vor dem Ziel die Straße komplett blockiert ist. Dann beginnen die Positionskämpfe vor jeder Kurve, vor jedem Kreisverkehr und vor jedem kleinen Hügel. Jede Mannschaft will ihre Position behaupten, um in den nächsten Abschnitt in einem guten Tempo zu fahren. Je öfter man das schafft, desto mehr Kraft spart man als Team und desto frischer geht es ins Finale. Das ist der Grund, warum die Positionskämpfe dann immer härter werden. Man muss sich das vorstellen wie einen Ziehharmonikaeffekt. Die vorn kommen durch Engstellen noch fast ohne Bremsmanöver durch. Je weiter hinten man aber ist, desto mehr Geschwindigkeit muss man herausnehmen und desto mehr muss dann wieder beschleunigt werden. Wenn das dann immer wieder passiert, verschwendet man Kraft, die hinten raus im Finale fehlt.
Die Positionierung an diesen Stellen war auf der ersten Sprintetappe meine Aufgabe. Das Tempo war da enorm hoch. Im Fernsehen kommt das oftmals nicht ganz so schnell rüber. Man kann das aber gut daran erkennen, dass das ganze Feld wie an einer Perlenschnur aufgereiht ist. Das bedeutet dann, dass jeder versucht, so viel Windschatten wie möglich zu bekommen, und dass keiner in der Lage ist, Positionen gutzumachen. Erfahrung und Ruhe sind da natürlich wichtig.
Leider konnte ich die der Mannschaft auf der ersten Sprintetappe noch nicht ganz so mit auf den Weg geben. Nachdem ich mit meiner Aufgabe fertig war, hat sich der Rest des Teams nicht so wirklich gefunden. Das hat viele Körner gekostet. Und wenn man dann zur Ziellinie kommt und zu viel verschossen hat, wird es schwierig. Ich glaube, dass Olav Kooij an diesem Tag der Schnellste war und auch nicht zu schlagen gewesen wäre, wenn wir alles perfekt gemacht hätten. Aber ein besseres Ergebnis wäre möglich gewesen. Das ist ärgerlich für uns. Wir wollen jetzt versuchen, das zu optimieren. Es kommen ja noch einige Chancen.
Aufgezeichnet von David Lindenfeld.
