Dass es hier jemand ernst meint mit der Kategorie „alkoholfreier Wein“, hatte ich mir schon gedacht. Christian Nett vom Weingut Bergdolt-Reif & Nett in Duttweiler will nicht nur mit die besten klassischen Qualitätsweine der Pfalz erzeugen. Er möchte auch bei den alkoholfreien zeigen, was in dieser Kategorie möglich ist. Zumal das zukunftsfähig gestaltete Weingut auf eine 188-jährige Tradition zurückblickt, bei der Innovationen stets Teil der Geschichte waren. So forscht das Team der Nett-Weine seit vier Jahren neugierig und unerschrocken, experimentiert, verwirft, adaptiert und kultiviert mittlerweile zwölf höchst seriöse Weine, die alles haben, nur keinen Alkohol.
„Seit 2022 haben wir einiges gelernt“, sagt Nett, „gerade auch darüber, welche Grundweine funktionieren, welche nicht und wie stark Rebsorte und Ausbau nach der Entalkoholisierung noch erkennbar bleiben.“ Grundsätzlich aber gelte für den alkoholfreien Wein, was auch auf den traditionell vergorenen Wein zutrifft: „Nur die Kombination der besten Reben mit den passenden Böden kann höchste Qualität hervorbringen.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die tiefgründigen Löss-Lehmböden mit Kalkadern im Untergrund bieten beste Bedingungen für die Spezialität des Hauses: alte, eigene Selektionen von Weiß-, Grau- und Spätburgunder-Reben. Aber auch Sauvignon Blanc, Gewürztraminer und natürlich Riesling finden gute Bedingungen, während internationale Rotweinsorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah/Shiraz nur in wärmsten Lagen voll ausreifen.
Keine Tradition, nur Überraschungen
Jahrgangsweine erzeugt Nett bislang nicht. Stattdessen genießt er die Freiheit, Jahrgänge verschneiden zu können. Überhaupt eröffnet alkoholfreier Wein neue Möglichkeiten, denn Traditionen gibt es hier ja nicht. Nur Überraschungen. Und bei Bergdolt-Reif & Nett sind es gleich einige.
Ausgebaut werden die Weine klassisch im Edelstahl oder Holzfass oder in der Kombination aus beidem. Aber wie das finale Produkt assembliert wird, das wird immer wieder neu entschieden. Eine Woche vor der Füllung werden die Weine zur Entalkoholisierung nach modernstem Verfahren gebracht, was die natürlichen Fruchtaromen erhält. Die Nett-Weine liegen bei etwa 0,2 bis 0,4 Prozent Alkohol, während die Zuckerwerte bei etwa zwei Gramm pro 100 Milliliter liegen. Der Orange Wine Evil Twin, ein auf der Maische vergorener Muskateller, der ohne Schwefelzusatz im Holzfass vergoren und letztes Jahr im April abgefüllt wurde, kommt sogar ganz ohne Süße aus, hat dafür aber feinen Gerbstoff; zu haben ist er für 29 Euro über shop-nett-weine.de).
Wer sich in einen der Weine verguckt, sollte sich nicht nur den Namen merken, sondern auch die auf dem Rückenetikett vermerkte Lot-Nummer. Sie zeigt an, die wievielte Füllung des Jahres der Wein ist, gibt aber keinerlei Hinweise auf den Jahrgang. So kann etwa der Riesling Reverse von einer auf die nächste Füllung durchaus verschieden schmecken. Rund und fruchtintensiv ist die diesjährige Füllung; klassisch kühl und filigran die mit feiner Altersnote versehene aus dem letzten Jahr.
Besonders zu empfehlen sind neben den Reverse Rieslingen (13,90 Euro) der in diesem Juni gefüllte Pinot Blanc Breakaway (17,90 Euro) aufgrund seiner eleganten Fruchtfülle und seines Schmelzes sowie der rote, aromatische und kühle Merlot wegen seiner Leichtigkeit, seidigen Textur und herben Würze.
