Luciano Spalletti trainiert nicht nur die Fußballmannschaft von Juventus Turin. In seiner Freizeit betreibt der 67 Jahre alte Coach in der Toskana auch einen Bauernhof mit Ferienwohnungen, einem Ententeich und Pferden. Manchmal wird der Hobby-Bauer Spalletti von den italienischen Sportjournalisten um Vergleiche zwischen seiner ruralen Oase und dem Fußball bemüht. Zum Beispiel, als vor einer Woche der Stürmer Nick Woltemade auf Leihbasis zu Juventus Turin wechselte.
Was für ein Pferd dieser Woltemade denn sei, wollte ein Kollege wissen. „Ich habe einen Friesen“, antwortete Spalletti, „er scheint mir sehr ähnlich zu sein.“ Woltemade wie Spallettis Pferd seien „majestätisch“, flößten von der Statur her Respekt ein, seien dann aber „herzensgut“. Spalletti lobte die fußballerischen Qualitäten des gebürtigen Bremers, der im Kombinationsspiel ebenso effektiv sei wie im Strafraum. Ein Hybrid aus Stürmer und Spielmacher.
Beim 1:1 am Sonntagabend zwischen Juventus Turin und der AC Mailand waren diese Eigenschaften im Juventus Stadium schon zu erahnen. Spalletti brachte den 1,98 Meter großen Stürmer in der 76. Minute ins Spiel. „Der Riese Woltemade“ („Corriere della Sera“) bot sich als Aufbaustation vor dem eigenen Strafraum an, leitete das Umschaltspiel ein und behauptete am gegnerischen Strafraum den Ball.
Konkurrent Kolo Muani überzeugt vorerst nicht
In der 84. Minute hätte der deutsche Nationalspieler beinahe den Ausgleich für den italienischen Rekordmeister und derzeitigen Tabellenfünften erzielt. Sein Drehschuss mit links aus elf Metern ging knapp über das Tor von Milan-Schlussmann Mike Maignan. Es war dann der eingewechselte Verteidiger Federico Gatti, der die „Alte Dame“ per Kopfball in der 92. Minute erlöste. Zuvor hatte der 19-jährige Alphadjo Cissè den AC Mailand in Führung gebracht (69.).

„Fünfzehn ordentliche Minuten, die er größtenteils im körperlichen Zweikampf verbrachte, um Räume für seine Mitspieler zu öffnen“, urteilte die Turiner Zeitung „Tuttosport“ über das Debüt des Deutschen. Im Vergleich zum früheren Frankfurter Randal Kolo Muani, den die Turiner im Sommer für 38 Millionen Euro fest von Paris Saint-Germain verpflichteten, habe Woltemade bei seinem Kurzeinsatz „deutlich positivere Ergebnisse“ vorzuweisen, fügte das Blatt hinzu.
Der Franzose, der in den ersten drei Saisonspielen ohne Treffer blieb, agierte gegen Milan unglücklich und verlor zahlreiche Bälle. Trainer Spalletti stellte sich dennoch hinter den Mittelstürmer. „Ich setze voll auf Kolo Muani und bleibe bis zum Saisonende dabei“, sagte der Trainer nach dem Spiel. Die Aussage als Absage an einen Stammplatz für Woltemade bei Juventus Turin zu werten, scheint jedoch verfrüht.
Eine Frage der Position
Spalletti, der die SSC Neapel 2023 zur italienischen Meisterschaft und von 2023 bis 2025 die italienische Nationalelf coachte, ist ein taktisch besonders versierter Trainer, der die Vielseitigkeit des Fußballers Woltemade nicht als Limit, sondern als Gewinn einschätzt. Woltemade sei Strafraumstürmer und Kombinationsspieler in einem, sagt Spalletti. Das Spiel gegen die AC Mailand könnte so etwas wie eine Blaupause für den Einsatz des Beinahe-Friesen aus Bremen gewesen sein, als hängende Spitze hinter Kolo Muani.
Dass Woltemades Karriere zuletzt stagnierte, war auch eine Frage der Position. Bei Newcastle United in der Premier League begann der 24-Jährige zunächst furios, erzielte in 33 Spielen dann aber nur acht Treffer und kam im Laufe der Saison immer häufiger im Mittelfeld zum Einsatz. Trainer Eddie Howe wollte nichts an seinem starren 4-3-3-System, aber dafür umso mehr am unkonventionellen Spielstil Woltemades ändern. Auch bei Howe-Nachfolger Matthias Jaissle geriet Woltemade aufs Abstellgleis, deshalb der Wechsel nach Turin.

Auch der frühere Nationaltrainer Julian Nagelsmann hatte sich seinerzeit gewundert: Woltemade (zwölf Länderspiele, vier Tore), der im Oktober in der WM-Qualifikation den erlösenden 1:0-Siegtreffer gegen Nordirland erzielte, habe bei Newcastle „oft sehr tief gespielt, und wenn er dann als Sechser verteidigt, sind es weite Wege zum Tor“.
In der Nationalelf werde der Stürmer „keine 80 Meter weit vom Tor weg sein“, versprach Nagelsmann. Bei der WM kam der ehemalige Stuttgarter allerdings nur zu einem Kurzeinsatz im Sechzehntelfinale gegen Paraguay und verschoss im Elfmeterschießen. 75 Millionen Euro Ablöse hatte Newcastle im Sommer 2025 für den Stürmer ausgegeben, dann aber keine passende Verwendung für ihn gehabt.
Diese Krise will Woltemade nun mithilfe von Luciano Spalletti hinter sich lassen. Der Juve-Trainer gilt als taktisch flexibler Coach, der sich nicht auf ein einziges System festlegt. „Systeme existieren im Fußball nicht mehr, es geht nur noch um die Räume, die der Gegner lässt“, erklärte Spalletti einst.
Und da kennt sich Woltemade besonders gut aus. Als einer, der eben nicht in der Sturmspitze verharrt, sondern sich am Spielaufbau beteiligt, fallen lässt und Räume schafft. Am Saisonende geht es dann allerdings erstmal wieder zurück nach Newcastle. Juventus zahlt fünf Millionen Euro Leihgebühr, hat aber keine Kaufoption.
