Jedes Mal, wenn der Zauberbriefkasten zu blinken beginnt, verwandelt sich das Wispern und Tuscheln in aufgeregtes Rufen. Wieder ist ein Umschlag angekommen, ein großer blauer. Aus Wien. Der Mann mit den wirren Haaren, der zu Beginn der Vorstellung mit einer Zeitmaschine aus dem 18. Jahrhundert kommend in der Turnhalle der Frankfurter Diesterwegschule gelandet ist und sich als Erfinder vorgestellt hat, zieht Notenblätter aus dem Kuvert. Und einen Brief. „Mein Vater war sehr streng und hat mich oft geschlagen“, steht darin. Und dass der Absender nicht glücklich sei, weil er bald taub sein werde. „Aber ich höre die Musik in meinem Kopf.“ Keine Frage, der Absender heißt Ludwig van Beethoven. „Wollt ihr mal sehen, wie der ausgesehen hat?“, fragt der Erfinder in die Runde. Viele der etwa 200 Grundschüler vor ihm nicken heftig, andere schicken ein begeistertes „Ja!“ in Richtung Podium.
Der Mann mit den wirren Haaren, dessen heller Overall stark an Dr. Emmett L. Browns Kleidung aus den „Zurück in die Zukunft“-Filmen erinnert, greift zum Stift und lässt auf einer großen weißen Fläche einen Kopf entstehen. Mit ebenfalls wirren Haaren und herabgezogenen Mundwinkeln. Dann geht er mit den Worten „Jetzt Mund zu und Ohren auf!“ zum bereitstehenden E-Piano. Als er sich an die Tasten setzt, hat sich der Geräuschpegel fast in Stille verwandelt.
Im wirklichen Leben hat der Mann keine wirren Haare. Er heißt auch nicht, wie er vorgibt, Violonowitsch Cellis. Aber ein Erfinder ist er doch: Seit 25 Jahren denkt sich der Frankfurter Pianist Christoph Ullrich Theaterstücke aus, in denen er gemeinsam mit anderen Musikern Kindern die Welt der klassischen Musik nahebringt. „Viele glauben doch, Beethoven sei ein Hund“, sagt er in Anspielung auf den gleichnamigen Film von 1992. Vor allem aber gehe es ihm um die Sensibilisierung des Hörens.
Sorgfältige Vorbereitung im Unterricht
Begonnen hat Ullrich seine Laufbahn als Musikvermittler, nachdem er einen Kongress der Organisation Jeunesses Musicales rund um „Neue Wege für junge Ohren“ im baden-württembergischen Weikersheim besucht hatte. „Das war die Initialzündung.“ Auf dem Rückweg nach Frankfurt, wo er seit 1967 lebt, habe er beschlossen, musikalische Programme für Kinder zwischen sechs und elf Jahren zu entwickeln. Programme, die mehr sind als flüchtige Unterhaltung: „Wir sind kein Event. Wir sind ein Projekt.“ Von Anfang an habe er, gemeinsam mit verschiedenen Mitstreitern, auch die sorgfältige Vorbereitung des jungen Publikums im Blick gehabt – mit Unterrichtsmaterialien, darunter Aufnahmen der geplanten Musik, und Fortbildungen für Lehrer. „Die Kinder kennen die Stücke, bevor sie sie live hören.“

Sein jüngstes Stück, in dem er gerade bei Beethoven angekommen ist, heißt „Hello, Mrs. Cello“. Deshalb steht noch ein weiterer Musiker vor dem roten Vorhang, der zusammen mit einem Tisch, der Leinwand und dem E-Piano als Bühnenbild ausreicht und die nüchterne Turnhallen-Atmosphäre vergessen lässt: Kamel Salah-Eldin, von 1985 bis 2024 Cellist im Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Als Pablo Casaligorski greift er, in einen samtenen Gehrock gehüllt, die Füße in Schnallenschuhen, in die Saiten und spielt mit Ullrich das Scherzo aus Beethovens A-Dur-Sonate op. 69. „Wir wollen auf der Profischiene bleiben“, umschreibt der Pianist den Anspruch, keinen „Kinderkram“ mit unnötiger Verflachung, sondern „Musik, die Niveau hat“. Diese Rechnung geht auf. Knapp 80 Mal ist „Mrs. Cello“ im vergangenen Schuljahr an Grundschulen in Frankfurt und Umgebung zu Gast gewesen. Und es gibt, so Ullrich, immer neue Anfragen.
Begonnen hat der 1959 in Göttingen geborene Schüler von Leonard Hokanson und Rudolf Buchbinder, zu dessen Repertoire mehr als 400 Werke aller Epochen und Stile gehören und der sich seit 2011 einen Namen als Scarlatti-Spezialist gemacht hat, seine Arbeit für Schüler zunächst unter dem Titel „Ohrwurm“. Zu seinen Gefährten der ersten Stunde, mit denen er noch immer zusammenarbeitet, gehören der Klarinettist Ib Hausmann, der Hornist Ulrich Hübner und der Bariton Matthias Horn. Abgeleitet von der historischen Laterna magica, mit deren Hilfe auf Glas gemalte Bilder vergrößert und an eine Wand projiziert werden können, habe man später, im Hinblick auf die Zielgruppe, den Titel „Laterna musica“ gewählt.
2300 Vorstellungen für Kinder hat Ullrich nach eigenen Worten in den vergangenen 25 Jahren mit unterschiedlichen Kollegen gegeben – in Schulen und Stadthallen, in Kirchen und bei Musikfestivals und auch in der Alten Oper Frankfurt. In „Sing Sala Bim“ etwa geht es um die menschliche Stimme, in „Das Buch der Träume“ um die Klarinette, in „Hornissimo“ um das Horn und seine Verwandten, in „Saitenblitz und Bundgewitter“ um die Gitarre. Die Ideen und Texte dazu stammen Ullrich zufolge von ihm selbst – genauso wie die Auswahl der Musik, eventuelle Arrangements, das transportable Bühnenbild oder Zeichnungen wie das Porträt Beethovens.
„Wichtig ist, zum Mitmachen anzuregen“, sagt der Vielbegabte, der noch lange nicht ans Aufhören denkt. Als „Mrs. Cello“ die Bourrée Nr. 1 aus der C-Dur-Suite von Johann Sebastian Bach spielt, klatschen die Kinder, von ihm dirigiert, zu einer immer wiederkehrenden Rhythmusfigur. Klänge von Marin Marais setzen sie, angeleitet von einer Musiklehrerin, in Bewegungen um. Mit lässiger Pose hat Ullrich, etwa wenn er statt Bourrée Püree oder statt Pizzicato Pizza versteht, immer wieder die Lacher auf seiner Seite. Und streut doch ganz nebenbei Wissen ein. Ein Violoncello, lernen die Kinder, hat vier Saiten. Und es kann nicht nur den Schrei eines Esels nachahmen, sondern auch wie ein Rennwagen klingen. Oder wie ein Polizeiauto. Camille Saint-Saëns’ zum Schluss hoheitsvoll vorüberschwimmenden „Schwan“ bringt das nicht aus der Ruhe – genauso wenig wie die Schüler, die der mithilfe von Vögeln und Fischen dargestellten Melodie aus dem „Karneval der Tiere“ auf der Leinwand folgen.
