
Dass ein Kanzler ein Jahr nach dem Start seine Mannschaft umstellt, ist nicht ungewöhnlich. Gerhard Schröder hatte sich schon nach wenigen Monaten seines Finanzministers Oskar Lafontaine, der zugleich SPD-Vorsitzender war, in einem wilden politischen Streit entledigt. Im Vergleich dazu ist der Wechsel an der Spitze der Unionsfraktion durch den Rücktritt von Jens Spahn ein laues Lüftchen.
Friedrich Merz musste nicht einmal den Konflikt suchen, um Spahn loszuwerden. Vielmehr lieferte der Fraktionsvorsitzende diesen selbst durch seinen Umgang mit dem Thema Leihmutterschaft. Erst den restriktiven Kurs der Partei mittragen und dann in Amerika mit seinem Mann mit der Hilfe einer Leihmutter ein Kind bekommen: Das brachte für viele Christdemokraten das mit Vorbehalten gegenüber Spahn ohnehin gut gefüllte Fass zum Überlaufen.
Merz, dem Vernehmen nach Familienmensch und leidenschaftlicher Großvater, gratulierte erst, erkannte dann aber, dass die Empörung in der CDU Spahn unhaltbar machte. Sofern es noch eines Schubsers bedurfte, hat der Kanzler ihn geliefert. Streng genommen haben seine Parteifreunde Spahn gefeuert, so scharf wie die Kritik und so gering wie die Unterstützung war. Merz hat noch nachgetreten mit der Bemerkung, dass die Empörung über Spahn auch etwas mit dessen „Person“ zu tun habe.
Nicht gerade die feine Art
Das war nicht gerade die feine, bürgerliche Art. Aber vermutlich war es, wie so oft bei Merz, der kurze Moment, in dem das, was er denkt, unkontrolliert aus ihm heraussprudelt. In diesem Fall ist es von hoher Aussagekraft, was die Bedeutung des zumindest vorläufigen politischen Endes von Spahn für die Regierung Merz bedeutet.
Hätte Merz nach der Bundestagswahl keinerlei Rücksicht auf das Machtgefüge der CDU nehmen müssen, wer weiß, vielleicht hätte er darauf verzichtet, Spahn an Bord zu holen. Obwohl Spahn im langen Wettrennen um den CDU-Vorsitz in der Nachfolge von Angela Merkel nicht bis ganz ans Ziel kam, war er aber von zu großem Gewicht. Merz konnte sich Spahns Wunsch, einen herausgehobenen Posten zu bekommen, nicht widersetzen.
Gerade am Anfang war das Misstrauen des Kanzlers gegenüber dem ehrgeizigen Spahn groß. Es bedurfte nicht einmal einer Unterstellung, um bei Spahn den Willen zu erkennen, selbst Kanzler zu werden. Wer sich um das Amt des CDU-Vorsitzenden bewirbt, wie er es tat, denkt dabei immer an das ganz große Ziel.
Wer zu ehrgeizig ist, wird gestutzt
Auf der Strecke stabilisierte sich jedoch das Verhältnis zwischen Merz und Spahn. Nachdem die Schuld für die gescheiterte Richterwahl vor einem Jahr nicht nur von Merz vor allem beim Fraktionsvorsitzenden abgeladen worden war, erkannten später immer mehr Spahns erfolgreiches Management an. Am Ende wurde er sogar gelobt für seine Verdienste bei der Durchsetzung der Krankenkassenreform. Bis die Geschichte mit der Leihmutterschaft kam, verhalf er Merz zu einem guten Endspurt Richtung Sommerpause.
Dennoch wird Merz froh sein, Spahn los zu sein, zumindest fürs Erste. Ganz oben an der Spitze der Regierung ist es kalt und gefährlich. Misstrauen gegenüber denjenigen, die entweder ausdrücklich den eigenen Job haben wollen oder denen man diesen Willen unterstellt, ist normal. Das ist bei Merz nicht anders als bei seinen Vorgängern. Kohl und Merkel überlebten nur deswegen 16 Jahre im Kanzleramt, weil sie immer auf der Hut waren. Wer zu ehrgeizig ist, muss gestutzt werden.
Im politischen Leben von Merz fallen drei Konkurrenten besonders auf. Seine erste und lange Zeit wichtigste Gegnerin war Merkel. Nicht nur weil sie durch ist mit dem Kanzlerinnendasein, ist sie heute keine Gefahr mehr für Merz. In der Sorge um die Stabilität der Demokratie stützt sie sogar ausdrücklich die derzeitige Koalition.
Der zweite Konkurrent ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst, dessen Ungeduld Merz schon im Anlauf auf das Kanzleramt geärgert hat. Wüst ist wie Spahn deutlich jünger als Merz. Wie gefährlich er Merz werden kann, entscheidet sich mit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im April nächsten Jahres. Ein gutes Abschneiden der CDU würde die Frage nach der nächsten Kanzlerkandidatur ebenso beeinflussen wie ein schlechtes.
Und Spahn? Erst mal wird er das emotionale Wechselbad verkraften müssen. Das Glück, Vater geworden zu sein, und den dadurch ausgelösten politischen Absturz muss er gleichzeitig verarbeiten. Aber dann? Spahn ist jung und hat in seinem bisherigen Leben immer leidenschaftlich Politik gemacht. Der langjährige FDP-Vorsitzende Christian Lindner entschied sich in einer ähnlichen Lebenssituation (er war auch frisch Vater geworden) für den Wechsel in die Wirtschaft. Der eingangs erwähnte Lafontaine steckte seine Kräfte in eine Partei, die der einst von ihm geführten SPD seither das Leben schwermacht.
