Napoleon steht an seinem Schreibtisch, umgeben von Papieren und Dokumenten. Die Uhr zeigt 4.13 Uhr in der Früh, und die Kerzen sind fast vollständig heruntergebrannt. Sein Haar wirkt leicht zerzaust, die Strümpfe sind etwas verrutscht – er hat die ganze Nacht gearbeitet.
Doch all das fällt erst auf den zweiten Blick auf. Was besonders ins Auge sticht, ist seine Kleidung: Napoleon trägt eine schlichte, dunkle Uniformjacke mit hohem Kragen und goldenen Knopfleisten zur Kniebundhose.
So porträtierte der französische Maler Jacques-Louis David den Kaiser Napoleon Bonaparte im Jahr 1812. Dessen Jacke erinnert mit den goldenen Knopfleisten entfernt an die damals übliche Husarentracht. Und diese Jacken sind heute in der Mode bekannt als Napoleonjacken.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ihre Wurzeln liegen bereits im 16. Jahrhundert in Ungarn. Die mit goldenen Stickereien und Epauletten verzierte Uniformjacke wurde in dieser Zeit von der Kavallerie getragen und verbreitete sich später in abgewandelter Form in ganz Europa.
Was früher eine repräsentative Funktion hatte – eine Demonstration von Macht, Disziplin und militärischer Eleganz –, wird heute von modebewussten jungen Menschen im Alltag getragen: beim Brunch, beim Einkaufsbummel, in der Bar. In der Mode spricht man hier vom Trickle-Down-Effekt – wenn Trends von Eliten in den Mainstream wandern. Nachdem die Jacke zuletzt wieder von Luxusmarken wie Alexander McQueen, Ann Demeulemeester und Kenzo in den Frühling/Sommer-Kollektionen für 2026 gezeigt wurde, dauerte es nicht lange, bis auch Fast-Fashion-Marken wie Zara oder Bershka sich des Trends annahmen.
Der Trend zur militärischen Jacke in Zeiten der Wehrpflichtdebatte
Was bedeutet die modische Aufrüstung in krisenreichen Zeiten und angesichts der anhaltenden Wehrpflichtdebatte? Ist sie ein Ausdruck politischer Verunsicherung? Ganz so einfach ist es nicht.
Robert Friedrichs, Gründer des Berliner Labels Unvain, zeigte bei seinem Debüt auf der Berliner Fashion Week in der Herbst/Winter-Kollektion 2026 gleich vier Variationen der Napoleonjacke. Das Label begann 2020 während der Corona-Pandemie mit Hoodies und T-Shirts: „Ich habe angefangen zu nähen, Freunde haben gekauft – und von da an ging es immer weiter“, erzählt der 30 Jahre alte Designer. Aufgewachsen unter dem modischen Einfluss von Modemachern wie Hedi Slimane, der bei Dior und Saint Laurent in den Nuller- und Zehnerjahren immer wieder die Uniformjacke zitierte, war Robert Friedrichs von ihrer romantisch-rockigen Ausstrahlung fasziniert. Somit war klar, dass sie bei seiner Debüt-Show zu einem zentralen Motiv werden musste. In der Kollektion entwickelte er sie in mehreren Stufen weiter.

Mal als schwere, weiße Lederjacke mit markantem Brustbesatz – der Eröffnungs-Look. Danach folgten zarte, beinahe zerbrechlich wirkende Interpretationen: eine transparente Mesh-Version, eine Wolljacke mit aufgenähten, bewusst kaputt wirkenden Chiffonstreifen – und schließlich ein stark gealtert wirkendes Napoleonkleid als Closing Look. „Das waren vier Iterationen derselben Idee“, sagt Robert Friedrichs. „Wir wollten das Teil auf verschiedene Arten zeigen – einmal klassisch, und dann wird es über die Kollektion hinweg immer stärker verzerrt, bis es beim Mesh-Entwurf fast komplett abstrakt wird.“
Obwohl die Form klar aus dem Militär stammt, interpretierte Friedrichs sie bewusst anders: „Wir wollten die Jacke in einen romantischen, eleganten Kontext setzen.“ Die Napoleonjacke eigne sich dafür besonders gut – „von allen militärischen Designs ist sie ohnehin eine, die von Anfang an sehr elegant ist.“ In der Modegeschichte wurde sie daher immer wieder neu interpretiert, oft mit wenig Bezug zum ursprünglichen militärischen Zweck. „Das ist eigentlich das Spannende daran“, sagt Friedrichs. „Wenn Designer diese Jacke zeigen, bleiben einfach die schönen Details und die sehr aufwendige, luxuriöse Konstruktion.“

Neu im Mainstream ist die Napoleonjacke nicht – ihre aktuelle Wiederkehr knüpft vielmehr an die Indie-Sleaze-Ära der Nullerjahre an. Stilprägende Figuren wie Kate Moss und Pete Doherty griffen damals bewusst zu militärisch inspirierten Jacken – allerdings in einer völlig neuen Lesart. Statt geschniegelt und repräsentativ wurden sie schief sitzend, übergroß oder zu zerrissenen Jeans getragen. Die militärische Strenge der Jacke wurde damit umgedreht: Aus einem Kleidungsstück, das einst Macht, Disziplin und Autorität signalisierte, wurde ein Symbol der Nonchalance. Die Träger inszenierten sich als Antihelden – Figuren zwischen Glamour und Selbstaufgabe, die sich dem Eskapismus des Nachtlebens hingaben.
Ob man also bis 4.13 Uhr feiert – oder wie Napoleon arbeitet: In beiden Fällen bleiben Müdigkeit, zerzauste Haare und verrutschte Strümpfe. Und genau dann kann so eine Napoleonjacke Wunder wirken. Sie verleiht sofort Präsenz und Selbstbewusstsein – egal, wie erschöpft man ist. Oder wie klein.
