
„Verkaufe im Mai und verkrümel dich dann erst mal.“ „Greife nicht in ein fallendes Schneidewerkzeug.“ „Verkaufe, wenn gewisse Streichinstrumente zu hören sind.“ So oder so ähnlich lauten einfache Prinzipien, die das überaus komplexe Geschehen an den internationalen Finanzmärkten in sehr schlichte Handlungsanweisungen für jedermann übersetzen sollen.
Auch mögen es Börsianer bisweilen, schlichte Schlagworte zu entwickeln, die in einem bemerkenswerten Widerspruch zur Komplexität der dahinterliegenden Wirklichkeit zu stehen pflegen. Fast könnte man den Eindruck haben, je unsicherer und unübersichtlicher die geopolitische Wirklichkeit ist, je unberechenbarer schon der kommende Morgen am Finanzmarkt erscheint, desto beliebter werden Börsen-Faustregeln.
„Trump always chickens out“
Ein gefühltes Zeitalter lang galt nun die Regel „TACO“. Das Akronym, ein aus Anfangsbuchstaben gebildetes Kurzwort, heißt „Trump always chickens out“. Mit dieser Formulierung, die aus der Tradition des gerade in der männlichen amerikanischen Landbevölkerung ehedem sehr beliebten Hahnenkampfes stammen soll, wird im US-Sprachraum jemand bezeichnet, der den Schwanz einzieht, sich in die Hose macht, am Ende doch kneift.
„TACO“ sollte nicht nur dem hühnerhaften Hin und Her in der Handelspolitik des US-Präsidenten einen prägnanten Namen geben. Daraus ergab sich für die Finanzmärkte auch eine beliebte Börsenwette. Aktien in der Hoffnung zu kaufen, dass deren Kurssturz nach welterschütternden Äußerungen des amerikanischen Präsidenten in den sozialen Medien mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur von äußerst vorübergehender Natur war. Mit dieser Gewissheit in der allgemeinen Ungewissheit ließ sich prächtig Geld verdienen.
Dass der Begriff phonetisch an mexikanische Fast-Food-Gerichte erinnerte, war dabei alles, nur kein Zufall. Trump selbst soll über seinen Spitznamen mal gesagt haben, schon die Frage danach sei „böse“.
Plötzlich kommt „NACHO“
Jetzt aber macht ein neues Schlagwort die Runde. Und anstelle der alten Zuversicht, dass am Ende alles gut wird, tritt die raunende Warnung, es sei ein Fehler, sich zu früh zu freuen.
„NACHO“ heißt das neue Schlagwort. Stephan Kemper von Wealth Management BNP Paribas schildert in seinem jüngsten Marktbericht die Implikationen.
Auch dem geneigten Laien wird sofort auffallen, dass die Börsianer sich abermals aus dem Sprachfundus mexikanischer Gerichte bedienen. Die dreieckigen Maisknabbereien sollen ursprünglich nach ihrem Erfinder Ignacio „Nacho“ Anaya benannt sein.
Als Akronym bedeutet „NACHO“: „Not A Chance Hormus Opens“. Es geht um die für Tanker wichtige Meerenge von Hormus im Nahen Osten. Das Wort bedeutet so viel wie: Liebe Börsianer, gebt euch mal keinen Hoffnungen hin, dass diese Belastung für die Weltwirtschaft genauso schnell wieder verschwindet wie so mancher dämliche Trump-Zoll.
Die monatelange faktische Schließung der Straße von Hormus sei am Aktienmarkt schlichtweg ausgeblendet worden, kritisiert Kemper in seiner Analyse. Nun rückten die potentiell verheerenden Folgen für die Wirtschaftsleistung in aller Welt schmerzhaft in den Fokus der Anleger.
Sein Fazit formuliert der Anlagefachmann gleichsam kulinarisch: „Der Markt lebte in der Erwartung eines weiteren TACO. Aktuell bekommt er jedoch einen schwer verdaulichen NACHO serviert“.
